Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 81-82 (14.10.1891)
- Date
- 1891-10-14
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXII. Jahrgang. Zw eite Skilage ju^8U82i»0 „IsrnM & Ieschurun" Leitender Artikel. Die jüdische LebensfreudigKeit. Von Isaak Hirsch. ddhIn '“i »je» onriDttn 'ui mb onnpn „Nehmet euch und freuet euch vor Gott" lautet die Aufforderung, welche das Snckoth-Fcst au Jeden von uns richtet. Und ttnr6 dv iwy rworo in „nur am fünfzehnten Tage des siebten Monats", leitet dieses Gebot der Freude ein. Aus dem Ernste des Ersten und Zehnten des Tischri-Monats soll als reife Frucht die Fülle der Freuden erblühen, das ist jüdische Lehre, die nicht den Verzicht ans die Freuden des irdischen Daseins heischt und den Sterblichen lediglich auf ein besseres Jenseits vertröstet, sondern die Verklärung des Diesseits bewirkt wissen will, daß kein Moment des Erdenwallens in Trübsinn und Qual sich vollziehe und der Mensch schon hiemeden die Wonne des himmlischen Eden zu kosten verstehe. Wenn wir uns zu der Höhe des Bewußtseins emporgcschwnngen haben, daß in Gott allein unser ganzes Wesen wurzelt, wenn wir davon durchdrungen sind, daß Er unser Herr und Vater ist, und wir entschlossen sind, dem Gebote unseres Herrn unverbrüchlichen Gehorsam zu leisten und unsere ganze Zuversicht in unseres Vaters starken, gnädigen Schutz zu setzen, dann gewährt Er uns den vollen Segen wahrhafter unvergänglicher Freude. Ist Er es doch, der die Saaten reifen läßt und die Flur schmückt, hat Er doch den Reiz des Genusses in unser Herz gesenkt. Er verstattet ihn uns nicht allein, Er fordert ihn von uns. Der Thora voller Inhalt ist nichts als die Weihe des ganzen Menschenwesens für den heitern Lebensgenuß vor Gottes Angesicht. Die Thora ist nichts anderes als D'n ms, als der Weg des Lebens, von welchem die Gott begeisterte Davids-Harfe singt, daß er jnttf der Freuden reichste Fülle bietet, und ren “p’D’D mc’yj und zu der ewigen Wonne aus Gottes gnadenvoller Rechten führt, die jeglichen Schmerz überwindet, jede Zähre trocknet, noch ehe sie geweint ist, das Grabesdüster scheucht und jeden Augenblick zu einern Quell innigster Befriedigung gestaltet, da jeglicher vor Gottes Angesicht gelebter Augenblick ms?o nnosy erzeugt, jene wahre, reine Freude, die ungetrübt ist, weil sie des Menschen edelstes Selbst beglückt, weil sic die Seele mit der hohen Befriedigung treu erfüllter Pflichtthat erfüllt, jene Freude, welche in den in den Friedens- und Frcudens-Opfern ihren sichtbaren Ausdruck findet, den heiteren Lebensgenuß unter dem Strahle des Gottesheiligthums, vor dem Angesichte Gottes. jn yr ttd mso low ist die Weisheit der jüdischen Lebensanschannng. Treue Pflichterfüllung ist das Palladium gegen jede Anfechtung, sie schützt vor jeglichem Uebel, sie scheucht jede Trübsal, sie führt den Menschen?'n p'NO von Sieg zu Sieg, sie läßt ihn nur Triumphe feiern, Triumphe in jeglichem Augenblicke über Sorge und Leid. Denn jede treu erfüllte Pflicht erhöht die Lebensfreudigkeit, und der reine himmlische Genuß wird durch die Wahrung der denselben regelnden göttlichen Satzung selbst zu einer von Gott gewollten Pflichterfüllung. Die jüdischen Festeszeiten heißen v'ID D’ö’ Freudentag c und selbst von dem ernstesten aller ernsten Feste, vom Jom-Kippur lehrt die jüdische Weisheit, daß er der Freudentage höchster sei. msot nun cm min "p’S1? duirr" rw ddtI mpn ran. Gott wollte uns beglücken, wollte jede Minute unseres Daseins zu einem beglückenden, beseligenden, freudigen Momente gestalten, daß unser ganzes Leben von der Wiege bis zum Grabe, trotz aller Kämpfe und allen Widerparts in ein einziges, jubelndes Halleluja austönt, darum webte er in unser Leben die Fülle Seiner Gebote. Und die haben nimmer das eine Seligkeitsgefnhl gekostet, die diese niLv bw nncB' nicht kennen, welche in Wahrheit das ärmlichste Dasein beglückt und selbst in des Bettlers Brust das heitere Licht wonnigen Hochgefühls entzündet. Gehet hinein in die elende Behausung des jüdischen Proletariers, wenn das Sabbatlicht auf den ärmlichen Tisch und das kärgliche Mal hinabscheint und den engen Raum zu einem Gottestcmpel weiht. Nur Weniges hat er hcimbringen können, und doch tauscht er mit keinem Fürsten, wenn er am Sabbat den Seinen das Stückchen Brod reicht, das der Genius des Sabbat geweiht. — Schaut hinein in die Brust des armen, elenden, von der Heimath verjagten, flüchtigen Wanderers, wenn er am Morgen mit den Defillin Haupt und Hand schmückt und iin Gebete zu Gott sich wendet. Freudige Zuversicht erfüllt sein Wesen, er fühlt sich gehoben über den Jammer des Lebens, er begreift sein widriges Geschick als eine Prüfung seines Gottes, der ihn nicht untergehen lassen wird, der ihn zu erhalten weiß, der ihm Rettung bescheren wird, wo des Menschen Auge nur gewisses Verderben schaut. — Lernt nur kennen das Glück, des durch treue Pflichterfüllung geheiligten jüdischen Lebens im Hause, in der Ehe, — im Kampfe um's Dasein in jeglicher Lage, unter den niedrigsten Verhältnissen und unter den Sonnenblickcn des Geschickes — dann begreift ihr den Jubel des jüdischen .Herzens: dhin '21 )m das sich seiner Kraft und Stärke bewußt ist, weil diese in Gott ruht, das sich zu erheben weiß über die Ungunst der prüfungvollsten Stunden, das aus Erde schon das Paradies zu finden vermag. So war auch das i'vn-Qpfer, in welchem Israel sich als Lamm der Heerde Gottes mit seinem Geschicke zu der nchy-Ausgabe bekannte: in stetem rüstigen Emporstreben der Verwirklichung des göttlichen Pflichtgebotes sich ausschließlich zu weihen, — unter dem ausgehenden Morgcnstrahle wie unter dem sinkenden Abendroth, in Freud wie im Leid, — von dem Weinguß-Opfer begleitet. Mit der vollendeten Hingabe an Gott, im kindlichen Vertrauen auf Seine fürsorgende Liebe, in dem nimmer wankenden Entschlüsse unentwegter Treue gegen die von Ihm ertheilte Lebens-Aufgabe, gewinnen wir nicht nur die Friftung unsers Daseins, sondern auch den vollen ungc-