Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 77 (28.9.1891)
- Date
- 1891-09-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1471 werde Gott einen aus Gold und Edelsteinen erbauten Tempel vom Himmel herabsenken, der Messias werde daselbst opfern und bald darauf werde die Auferstehung aller Todten stattfinden. In sämmtlichen Briefen war hinzugefügt, daß sich die Voraussagung des Propheten Nathan bereits erfüllt habe, da thatsächlich Sabbatai Zewt in Smyrna sich der Welt als Messias zu erkennen gegeben habe. Man möge daher in allen Synagogen die Judenheit zur Buße auffordern, damit die Erlösung um so eher ermöglicht werde, und in allen Synagogen möge gebetet werden für das Wohl des Erlösers, für Sabbatai Zewt. Solche und ähnliche Briefe waren in den Synagogen Amsterdams verlesen worden. Ein Schwindel, ein Taumel schien sich der Welt bemächtigt zu haben. Selbst aus der Börse drehte sich das Hauptgespräch um den angeblich erstandenen Messias, um die Erlösung der Juden. Die Einsichtsvolleren bemühten sich mit aller Macht, die aufgeregten Massen zu beschwichtigen, es wollte ihnen nicht gelingen. Auch Rabbi Juda Toledo hatte sich bitter tadelnd über diese systematische Irreführung des Volkes ausgesprochen, sowohl öffentlich, als auch im Familienkreise, denn er hatte zu seiner aufrichtigen Betrübniß wahrgenommen, daß auch seine beiden Neffen der Erregung, die sich der Mehrheit des Volkes bemächtigt hatte, nicht hatten widerstehen können. Zwar war es ihm gelungen, den jüngern, ruhiger denkenden Jakob von der vollständigen Haltlosigkeit aller jener Vorgänge zu überzeugen, der heißblütige Baruch jedoch wollte sich nicht überzeugen lassen, er hatte allzusehr gejubelt, als er vernommen, daß der Messias bereits erschienen, er konnte nicht von seinem Wahne lassen. Außer seiner heißgeliebten Tirza war die bevorstehende Erlösung sein einziger Gedanke. Tirza's Vater hatte sich jedoch mit allzugroßer Entschiedenheit über die schwachköpfigen Schwärmer ausgesprochen, weßhalb er es in jüngster Zeit nicht mehr gewagt hatte, seine diesbezüglichen Anschauungen in Gegenwart seines künftigen Schwiegervaters geltend zu machen; doch geändert hatte er sie nicht, im Gegentheil, alles, was er seither über die Bewegung im Orient vernommen, hatte nur dazu beigetragen, seinen Glauben an den Messias Sabbatai Zewt noch mehr zu befestigen. Tag und Nacht dachte er an die verkündete Erlösung, an die Heimkehr in das gelobte Land, er wünschte auch aus diesem Grunde seine Vermählung mit Tirza zu beschleunigen, damit sie bereits als sein ihm angetrautes Weib mit ihm zurückkehren könne in das Land der Väter. Und dann grübelte er über die gleichfalls verkündete Auferstehung der Todten, ob er auch seinen Vater Wiedersehen werde? — Er brannte vor Ungeduld, mit seiner Tirza in die Gottesstadt zu ziehen, noch bevor das Erlösungswerk begonnen, um gegenwärtig zu sein, wenn der aus Gold und Edelsteinen erbaute Tempel vom Himmel herab zur Erde sich senken werde. War es zu verwundern, daß bei solchen Träumen die Streitfragen des Talmud seine Aufmerksamkeit nicht zu fesseln vermochten? Es war in den Nachmittagstunden des achten Aw. Rabbi Juda hatte seine Folianten geschlossen und bei Seite gelegt, denn der Tag der Trauer um den Fall des Tempels rückte heran, an welchem die Trauer das Forschen in dem Gesetze untersagt. Sinnend wandelte er in dem geräumigen, weiß gedielten Zimmer aus und nieder, während sein Blick hin und wieder dem der Gattin begegnete, die am Spinnrocken dort am Fenster saß, oder auf der Tochter ruhte, deren gewandte Nadel ein anmuthiges Bild auf die Leinwand zauberte. Da ward die Thüre hastig geöffnet, mit erregtem, glühenden Gesicht trat Baruch in das Zimmer. „Gesegnet sei der Kommende," sagte Rabbi Juda freundlich, indem er dem jungen Manne die Hand entgegenstreckte. Dieser zog die Hand seines Onkels und Lehrers an seine Lippen, begrüßte dann die Tante und dann erst wandte er sich an diejenige, die ihn am meisten hergezogen. Die Farbe in Tirza's Wangen stieg, als sich ihr Verlobter ihr gegenübersetzte. Mit leicht vibrirender Stimme erkundigte er sich nach dem Wohlsein des schönen Mädchens. „Mir geht es gut, wie immer," versetzte Tirza lächelnd, „aber was ist Dir?" fügte sie ängstlich besorgt hinzu, „Du athmest so rasch — die Farbe in Deinem Angesicht steigt und schwindet — Du scheinst Dich nicht wohl zu fühlen." „Tirza hat recht," sagte ihr Vater hknzutretend, „Du scheinst Dich nicht wohl zu fühlen — sage uns,§was Dir ist," fuhr er bittend fort, „namentlich, da der Fasttag nahet —" „Was, Fasttag!" rief Baruch aufspringend, „die Zeit des Fastens ist vorüber! — der Erlöser ist erschienen! — backet und bratet, denn morgen ist ein Freudentag!" Die Farbe wich aus Tirza's Wangen, sie preßte die Lippen wie in verhaltenem Unmuth aufeinander. Rabbi Juda aber zog die Stirn in Falten und blickte den Neffen kopfschüttelnd an. „Was faselst Du schon wieder? — ich hatte in Wirklichkeit gehofft, Du seiest bereits zur Einsicht gekommen." „Ich bin längst zur Einsicht gekommen," rief er in steigender Erregung, das erste Wort auffallend