Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 75 (21.9.1891)
- Date
- 1891-09-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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XXXII. Jahrgang. Beilage „M 75 „Israelit*, Iescharun- Literarische Umschau. (Schluß aus voriger Nr.) 8. Wenn auch bereits in einer kurzen Notiz des Werkes des Rabbiners Spiers in London: „The threefold cord“ (London 5651/1891. Wertheimer, Lea & Co.) in diesen Blättern Erwähnung gethan wurde, so erscheint es mir doch als eine Pflicht, auf dasselbe in Anbetracht seiner Eigenart und seiner Gediegenheit hier näher eingehen zu sollen. Der Verfasser versteht es, in allgemein verständlicher Weise den Inhalt der drei Traktate: Sanhedrin, Baba mezia und Baba bathra einem Laienpublikum darzulegen. Von jedem Abschnitt werden die einzelnen Hauptmaterien, die derselbe behandelt, angegeben. So erfährt der Leser aus Sanhedrin die Handhabung der Rechtspflege im alten Israel, die Zusammensetzung der Gerichtshöfe, die Bestimmungen über die Zulassung zum Richteramt, die Art und Weise des Zeugenverhörs, die Verantwortlichkeit der Richter für Schäden, die aus falschen Urtheilen entstanden uud dergl. In den Traktaten Baba mezia und Baba bathra führt der Verfasser den Leser in die Materie der Civilklagen ein, entwirrt manche schwierige Fragen über Kauf und Verkauf, Eruud Vermielhuug, Gesundheitspflege, zeigt, wie der Talmud auf die gewissenhafteste Redlichkeit im Handel und Verkehr hält, auf richtiges Maß und richtiges Gewicht, wie das Halten eines falschen Gewichtes oder Maßes im Hause, auch wenn man sich dessen nicht bedient, mit den schwersten Strafen bedroht ist. Dazu giebt der Verfasser über manche dunkle und schwierige Stelle in den genannten Traktaten Aufschluß, hebt die ethischen Vorschriften derselben hervor und stellt zum Schluß die in diesen Traktaten sich findenden Weisheitslehren und Stnnsprüche zusammen, auf welche er dann den Jdeengang der Schemono Perakim des Maimonides folgen läßt. Besonders sollten sich unsere Mitbrüder in England das zu Herzen nehmen, was der Verfasser über die Vernachlässigung der hebräischen Studien und der jüdischen Literatur, der wir dort begegnen, sagt, dieses gediegene Werk sollte in jedem jüdischen Hause in England nicht nur, sondern auch bei uns gelesen werden, es wäre deßhalb eine Uebersctzung ins Deutsche erwünscht. Aber auch nichtjüdischen Kreisen würde die Lektüre dieses Buches zum Nutzen gereichen, viele würden ihr falsches Urtheil über den Talmud korrigiren und sehen, daß in der alten jüdischen Rechtspflege und Städteordnung schon manches vorhanden war, was die Neuzeit noch immer als erstrebenswerth bezeichnet. — Es sei auch hier zugleich auf die Rede aufmerksam gemacht, welche der gegenwärtige Chief Rabbi des britischen Reiches gelegentlich seiner Einführung ins Amt (23. Juni 5651/1891) gehalten hat: „The ideal jewish pastor“ (London 1891. Wertheimor, Lea & Co.). Dem Vorträge Ex. 28,30 'oi tosMD n« pnx nimi zu Grunde legend, beleuchtet der Verfasser die Pflichten eines Rabbiners in recht geistvoller Weise, und wir dürfen zu ihm das Zutrauen haben, daß er dieselben treu und voll erfüllen und sein Amt im Sinn und Geist seines großen Vaters und Vorgängers b'w erfüllen wird.— Der Verlag der schlesischen Buchdruckerei, Kunst- und Verlagsanstalt vorm. S- Schottländer versendet gegenwärtig ein Prospect, nach welchem in Kürze erscheinen werde: Bibliae sanctae veteris testamenti textus, castigatus et emendatus secundum veterum versiones nec non auxiliis eriticis ceteris adhibitis cum notis lectionis. Auctore H. Grätz, Universitatis oratislaviensis Professore et Academiae Regiae Madritensis sodali honorario. In quattuor voluminibus. Also eine von Grätz besorgte Bibelausgabe nicht nur nach alten Versionen emendirt, sondern noch anderweitig kritisch bearbeitet. Es sollte im Allgemeinen zu einem Werke keine oppositionelle Stellung vor dessen Erscheinen genommen werden, selbst wenn der Name des Verfassers Anlaß böte, d. h. wenn es der Name allein wäre. Wer aber die bibelkritische Thätigkeit Grätz' kennt, wer seine Koheleth, Schirhaschirim, Tehillim gelesen hat, und erfahren, wie derselbe die Emendationen nur so aus dem Aermel schüttelt, wie er ändert, wo der überlieferte Text nicht einmal eine Schwierigkeit bietet, so daß die von ihm herausgegebenen Werke, wollte man sie nach seinen Emendationen lesen, geradezu ganz andere Schriftwerke dar stellen: der ist schon längst, ganz abgesehen von dem religiösen Standpunkte, zu der Ueberzeugung gelaugt, daß Grätz als Exegete längst Fiasko gemacht hat, und daß er sich, schon von rein wissenschaftlichem Standpunkte aus, zu einem Herausgeber der Bibel, die er mit seinen kritischen Hilfsmitteln bearbeitet, nicht eignet. Wie Grätz mit den Korrekturen in den erwähnten Schriften umgegangen ist, so würde es auch im entferntesten Maßstabe kein richtiger Philologe wagen mit irgend einem alten Klassiker umzugehen, hätte er es gethan, er wäre von seinen Kollegen nicht mehr ernst genommen worden. Es ist nicht der Name Grätz, an dem wir Anstoß nehmen, es sind seine exegetischen und bibelkritischen Thaten, die vorliegen, die schon von rein wissenschaftlichem Standpunkte aus, uns gerade ihn