Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 74 (17.9.1891)
- Date
- 1891-09-17
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1415 Körper beigebracht seien. Trotzdem wurde die alte Geschichte vom rituellen Morde wieder ausgelischt, und circa 2000 Personen begaben sich ins Judenviertel und bedrohten die dort wohnenden 50 Judenfamtlien, indem sie ihnen ohne weiteres die Fenster einschlugen. Die Juden wandten sich im ersten Schrecken telegraphisch an den bulgarischen Groß- Rabbiner Dr. Dankovitz in Sofia, welcher bei der Regierung die geeigneten Schritte that, worauf der augenblickliche Leiter des Ministeriums des Innern, Generalsccretär Guranow, an den Präfecten nach Wratza die telegraphische Weisung ergehen ließ, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln jede wie immer geartete Ausschreitung zu verhindern und eventuell aus dem bei Wratza befindlichen Lager militärische Hilfe zu verlangen. Diese energischen Maßregeln der Regierung haben ihre Wirkung nicht verfehlt; denn zur Zeit soll wieder Ordnung in Wratza herrschen. Es sei hier betont, schreibt das „Berl. Tagbl.", daß die dortigen antisemitischen Rädelsführer Mitglieder der Opposition sind und die Judenhetze nur darum inscentrten, um zugleich der Regierung Unannehmlichkeiten zu bereiten. Zum Lobe der Regierung sei gesagt, daß dieselbe bei diesem Anlasse das Interesse ihrer jüdischen Staatsangehörigen energisch wahrte und sofort jene Organe, die sich bei der Affaire als unzuverlässig erwiesen hatten, des Dienstes enthob. Es ist gleichzeitig gegen die Tumultuanten eine strenge Untersuchung eingeleitet worden; die Regierung wird die Schuldigen streng bestrafen, um einer Wiederholung derartiger Ausschreitungen wirksam vorzubeugen. In einer späteren Zuschrift theilt der Sofioter Korrespondent des „Berl. Tagbl." noch folgendes mit: Trotz der energischen Maßregeln der Regierung haben sich die Exzesse in Wratza wiederholt. Ein Priftaw, welcher wegen seines parteilichen Vorgehens bei der Judenverfolgung seines Amtes enthoben wurde, hat sich an die Spitze der Bewegung gestellt. Es ist ferner den Antisemiten gelungen, die nöthige falsche Zeugin aufzutreiben; es ist dies ein bulgarisches Weib, welches bei der Polizei aussagte, daß jder Jude Jochanan Benbassat und dessen Mutter zu ihr gekommen wären und sie gebeten hätten, das todt aufgefundene Mädchen gegen gute Bezahlung zu verbergen. Beide Personen wurden deßhalb verhaftet. Zwei Tage später wurde infolge weiterer Denunciationen im Hause des Juden Mordochai Levi eine Nachgrabung vorgenommen und dabei der Strick gefunden, mit welchem das Kind angeblich erwürgt sein soll. Eine weitere Haussuchung soll ergeben haben, daß in dem Wäscheschrank beim Juden Baruch David ein blutiger Leinwandlappen gefunden wurde, welcher vom Hemd des unglücklichen Opfers herrühre. So weit ist die Angelegenheit gediehen. Sonst ist zu dieser Sache nur zu sagen, daß die antisemitischen Rädelsführer in Wratz sämmtlich Zankovisten sind, welche der Regierung um jeden Preis Ungelegenheiten bereiten möchten. > vermischtes. < Darmstadt. Der in Ihrem geschätzten Blatt schon mehrmals für seine zu Gunsten der Israeliten geschriebenen Schriften lobend erwähnte Herr Director Fiedler dahier gibt vom l. Oktober an ein Wochenblatt: „Der Stadt- und Landbote," heraus, welches den Zweck hat, dem Bürger¬ und Bauernstände in allen wichtigen, die Haus- und Landwirthschaft, das Staats-, Gemeinde-, Schul- und kirchliche Leben berührenden Zeit- und Streitfragen belehrend und aufklärend zur Seite stehen und so diejenige Lektüre zu bekämpfen, die lediglich darauf berechnet ist, in die Maste des Volkes den Samen der Unzufriedenheit, der Zwietracht, des Klaffen- und Rassenhasses zu säen. In der Ueberzeugung, daß nur Wahrheit und Gerechtigkeit allein zu einem glücklichen Ziele führen können, wird das Motto des Stadt- und Landboten sein: „Wahrheit und Gerechtigkeit". Leipzig, 28. August. Von der Strafkammer des Leipziger Landgerichts wurde heute der Schneidermeister Frz. Maximilian Schmidt wegen Untreue in ideeller Konkurrenz mit Unterschlagung in drei Fällen (§§ 266 u. 246 R -Str.-G.-B.) zu sieben Monaten Gefängniß verurtheilt. Der Fall verdient um so größere Beachtung, als Schmidt sich hier wiederholt als antisemitischer Agitator aufgespielt und das Geschäftsgebahren seiner israelitischen Konkurrenz mit hochtönenden sittlichen Phrasen an den Pranger gestellt hat. Und wie sieht es nun mit den Thaten dieses deutschsozialen Worthelden aus? Als Vormund versetzte er zwei seinen beiden Mündeln, Kurt und Lina Zehr, gehörige Sparkastenbücher für 62 Mark und veräußerte dann überdies die Pfandscheine für 10 Mark. Aber damit nicht genug, erhob er vom Armenamt Leipzig für den Knaben Zehr 25 Mark, unter dem Vorgeben, er müsse ihm ein Bett beschaffen, verwendete aber das Geld zunächst für sich. Auf der Anklagebank wagte er es gar noch, den Entrüsteten zu spielen, machte der Polizei die schlimmsten Vorwürfe darüber, daß sie ihn bei seiner Sistirung bedroht und eingeschüchtert habe, und will von seinem eigenen Geständniß, daß er das Geld für sich verwendet habe, nichts mehr wissen- Ausreichende Gründe für seine Handlungsweise weiß er freilich nicht vorzubringen, man müßte ihm denn glauben, daß er nur deshalb das Bett für den Knaben nicht angeschafft, weil 25 Mark hierzu nicht ausgereicht hätten!! Im Gegentheil stellte sich heraus, daß Schmidt zur Zeit der Thal ganz mittellos war, daß er wiederholt erfolglos ausgepsändet wurde und seine Eristenz zum Theil aus der Tasche seines Vaters fristete. Hatte er das unterschlagene Geld nicht wieder zurückerstattet, wozu ihm ein Kellner gutmüthig 130 Mark borgte, so wäre die Strafe wohl noch empfindlicher ausgefallen. Ulm a. D., 10. Sept. Gemeinderath und Bürgerausschuß sprachen ihre Mißbilligung über die Judenhetze in der „Schnellpost" aus. KarlSburg(Siebenbürgen). HerrAlexanderFischer, ehemals Prediger des israel. Frommen-Vereins in München, ist einstimmig zum hiesigen Rabbiner erwählt worden. Für den folgenden Theil ist die Redaction nicht verantwortlich.