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Der Israelit · 1891-09-17 · Heft 74 (17.9.1891) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 74 (17.9.1891)
Date
1891-09-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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tung hin, denn er war hochbegabt und liebte sein Studium. Seiner frühesten Kinderjahre gedachte er nur höchst selten. Seine Schwester Jsabella war in Madrid verheiratet, auch sie lebte in geordneten und wohl auch glücklichen Verhältnissen. Die Geschwister hatten seit dem Tode ihrer Eltern wenig mit einander verkehrt, da Jsabella bis zu ihrer Verheiratung im Kloster gelebt; dennoch hingen sie aneinander, und seit die Schwester ein eigenes Heim hatte, war der Bruder alljährlich während den Ferien für mehrere Wochen ihr Gast. Eben weilte er wiederum in Madrid, doch war seine Abreise bereits für den kommenden Tag bestimmt. Er hatte noch einige Besuche abzustatten und schritt nun, in Gedanken vertieft, durch die gewöhnlich nicht übermäßig belebten Straßen der Hauptstadt dahin. Plötzlich drang ein seltsamer Ton an sein Ohr, er wußte nicht, woher er gekommen, doch unwillkürlich blieb er stehen und wandte sich um — er gewahrte nichts, was jenen Ton hervorgerufen haben konnte, doch die Straße war plötzlich belebter geworden, und auch in den Häusern waren, so wett er sehen konnte, alle Fenster mit Neugierigen besetzt und Alle schauten sie nach der Richtung hin, die ihm im Rücken lag. Was ging da vor? Die Villa seiner Schwester lag fern vom Geräusch der Stadt, er hatte in den jüngstverfloffenen Tagen keinen Menschen gesprochen als Jsabella und ihre Kinder, denn ihr Gatte war verreist. — So nahe er der Hauptstadt gewesen, er hatte doch nicht erfahren, was man in derselben erwartete und es hatte ihn bisher auch wenig interessirt. Doch sein Interesse war plötzlich erwacht. Nach was schauten alle die Köpfe? Und jetzt wiederum jener seltsame dumpfe Ton. — War das Trommelwirbel? — oder Glockenklang? — Das Gewoge in der Straße nahm zu, die Menschen drängten einander. Juanito war unwillkürlich zur Seite getreten, an ein Haus ge» lehnt, hatte er den Blick dorthin gewandt, wohin alle Welt schaute. — Näher und näher kam der Trommelwirbel und dazwischen einzelne dumpfe Schläge einer fernen Glocke — Waffen klirrten, schwere Schritte dröhnten, mehr und mehr drängten die Menschen einander, näher und näher kam der Zug — seltsame Laute, seltsame Worte schwirrten durch die Luft. Juanito hatte das Gefühl, als müsse sein Herzschlag stocken — er wünschte sich fort, weit fort, wünschte sich heim zu seinen Büchern, in sein trautes, freundliches Heim. — Und dennoch stand er regungslos, stand wie gebannt, und seine wettgeöffneten Augen starrten grauenersüllt dorthin, wohin sich aller Blicke wandten. Und näher, immer näher kam der Zug. — Jetzt kamen sie an ihm vorüber, die unglücklichen Schlachtopfer blutdürstigsten Wahnes. — Voran Bewaffnete und zu beiden Seiten Bewaffnete und Ordensgeistliche und in der Mitte, gehüllt in wallenden Büßerhemden, die zum Feuertod Verurtheilten, auf den Köpfen papierene Mützen, auf denen Teu« felsbilder prangten. Es war eine lange Reihe dem Tode Geweihter, alle geisterbleich, doch aus den Zügen der Wenigsten sprach Qual oder Verzweiflung. Ein unnennbares Grauen erfüllte Juanito's Brust, er hätte laut aufschreien mögen in grenzenlosem Schmerz, daß er sie nicht retten konnte, die unglücklichen Opfer blutdürstigen Wahnes — aber der Hals war ihm wie zugeschnürt, kein Laut entrang sich seiner Brust. Das Gewoge in der Straße hatte mehr und mehr zugenommen, Alles drängte dem Zuge nach, und fortgeschoben durch die drängende Masse, folgte auch Juanito willenlos — wie lange? — wohin? — das wußte er nicht — ein furchtbarer Druck, wie er solchen noch nie empfunden, lastete ihm auf Kopf und Brust. Plötzlich staut sich die Menge, sie schreien und fluchen, doch es dringt keiner weiter vor — und plötzlich wird sie sichtbar, die furchtbare Lohe — hoch zum Himmel züngelt sie empor — und umzüngelt Ebenbilder Gottes. — Schmerz- und Klagetöne werden laut, Jammergeschrei, das der Trommelwirbel übertönen soll, und doch nicht übertönen kann — und plötzlich — alles übertönend, Trommelwirbel und Jammergeschrei, schallt es dort aus der emporzüngelnden Lohe aus jubelnder Männerbruft: „Höre, Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig! — Höre, Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig! — Höre, Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig!" Juanito hatte nichts weiter gesehen, und gehört, ihm waren die Sinne vergangen. — Doch eingekeilt in die Menschenmaffe, war er nicht zu Boden gestürzt. Als er die Augen wieder aufschlug, war es ihm nicht sofort klar, was geschehen, ein furchtbarer Qualm erfüllte die Luft und eine unerträgliche Hitze — die Menge drängte zurück und wiederum ward er willenlos zurückgedrängt — wie lange? — und wohin? — das wußte er nicht — und als das Drängen nachließ, taumelte er unwillkürlich weiter — ohne des Weges zu achten, auf dem er ging — er sah nichts und hörte nichts, was um ihn

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