Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 72 (10.9.1891)
- Date
- 1891-09-10
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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1375 Schofarbläser und Beschneider ist, kurzum — dem armen Menschen muß es vor den Augen flimmern bei all' diesen Fragen und Besichtigungen. Aber des Pudels Kern? Welcher tüchtige Mensch geht aus einen solch fürstlich dotirten Posten, wer nimmt mit einem Gehalte fürlteb, das der gewöhnlichste Arbeiter haben muß, wenn er nicht täglich trockenes Brot und Häringe zur Mahlzeit nehmen will? Und die Gegenleistung des Candtdaten, des Herrn Lehrers? Er soll mit nie versiegender Begeisterung von den Idealen sprechen. Ja, ideal mag ein solches Mahl von Brot und Salzkartoffeln für den Leib wohl sein; ich weiß es nicht. Ob es aber reicht, die Ideale des Geistes zu nähren, das weiß ich auch nicht, das will ich zur gefälligen Beantwortung dem geschätzten Leserkreise überlassen. Aber, sagt an, glaubt Ihr, daß es einem Manne, der die Ideale in der Brust der liebebedürftigen Jugend anfachen soll, nicht wehe um's Herze sein muß, wenn er an seinen Kummer denkt? Gewiß, in die Kinderstube, in das Schulzimmer gehören solche Dinge nicht, die müssen sein draußen bleiben, die muß er wie ein Gewand in der Garderobe ablegen. Doch — die Stunden sind beendet, und nun schlüpft er wieder ins häßliche Joch. O, welch eisiger Schauer überläuft mich, wenn ich daran denke! Und es ist so, meine Lieben. Ihr glaubt's nicht? Ja, der Mann mit der hohen Stirn, mit dem ernsten Blick, der kämpft in seiner Brust einen harten Kampf. Er muß lehren — er muß sich wehren den Kindern einen Blick zu gestatten in sein tiefbekümmertes Gemüth. Und wenn es doch plötzlich wie ein Ungefähr, wie ein elektrischer Funke ihm ins Hirn dringt? O, könnte, dürfte er reden, der Aermste; aber er mutz schweigen. Nur daheim, im stillen Stübchen, da rinnet Thräne auf Thräne ins bleiche Antlitz, und er hofft zu Gott, der's besser machen wird. Ja, der gute Gott wollte schon helfen, doch seine Sendboten sind untreu. Sie sollen Seine heiligsten Güter gut verwalten, aber sie sehen nur auf sich, nicht auf ihre Mittel zum Zwecke. Darum, meine Lieben, raffet Euch auf aus dem Schlafe, sorget mit aller Macht, daß die edelsten Güter erhalten werden, aber befähigt auch die hiezu berufenen Männer, daß sie nicht mit der Sorge um's Dasein, um die Zukunft, in's Lehrhaus schreiten; sondern — mit der Sonne der Sorglosigkeit, und dann, dann lassen sie — des seid gewiß — aus ihr Strahlen fallen in's Kindesgemüth, und die erwärmen sie, sie zünden, sie geben ihnen ein Leben, ein Leben voller Lust und Seligkeit über die Werke Gottes. Meine erste Forderung ist darum ein ausreichendes Gehalt, das mindestens so groß sei wie dasjenige, welches der Staat seinen Lehrern gibt. — Ihr seid mir gefolgt. Und nicht wahr? Ihr seid durchdrungen vor der Nothwendigkeit und Bescheidenheit meines Anspruchs? Nun, so stehet nicht still, erzählt, was Ihr in der Gedankenwelt gesehen und traget jeder seinen Theil dazu bei, daß die Gesammtheit sich entschließt, freudig die Hand bietet zur würdigen Besoldung der Lehrer. Dann werden sich auch wieder ideale Jünglinge finden, die den Trieb in sich spüren, die Jugend zu unterweisen, mitzutheilen und zu verbreiten die Lehren vom Guten und Schönen. Dann braucht Ihr Euch nicht mit schlecht qualificirten Personen aus Polen und Podolien zu behelfen. Dann erhaltet Ihr Männer, die auf der Höhe der Zeit stehen, die Euch zur Höhe der Zeit führen. Das thut noth. Und wißt Ihr, was dann noch erblüht? Dann werden alle die schändlichen Anklagen gegen uns verstummen; denn dann wird ein jeder gerüstet, gewappnet sein zum Redestehen. Dann bilden wir ein geistig unbesiegbares Heer; denn viele Wenig machen ein Viel — und vereinte Kräfte helfen zum Ziel. Airs Stndt und Cmifr. Ratibor. Die hiesige Präparanden- Anstalt, die unter Führung des Herrn Lehrers P. Qu an der steht, unternimmt einen für die jüdischen Gemeinden erfreulichen Schritt vorwärts: von Ostern ab werden auch jüdische Knaben ausgenommen. Dieselben erhalten in wöchentlich 7 Stunden als besonderen Unterricht: 1) Systematische Religionslehre, 2) Biblische und jüdische Geschichte, 3) Hebräische Grammatik, 4) Uebersetzen der Gebete, 5) Uebersetzen der heiligen Schrift, 6) Rabbinische Schriften:«.) Raschi, b) Schulchan Aruch, 7) Hebräisch Schreiben: a) Currentschrift, b) Quadratschrist, 8) Liturgischen Gesang. Der Unterricht wird von dem Religionslehrer der Gemeinde gegeben. Die Aufnahnre der jüdischen Religionsfächer in den Stundenplan ist eine Einrichtung, die unseres Wissens nicht einmal an einer jener Anstalten, die langst jüdischen Knaben zugänglich sind, besteht. Eine derartige Neuerung war aber dringend erforderlich, weil diejenigen jüdischen Lehrer, die ihre Studien auf einem nichtjüdischen Seminar absolvirten, oft alles eher als jüdische Lehrer waren. Durch die Verbindung der Präparandie mit den Seminarien Schlesiens, welche gleiche Ziele verfolgen, ist also einem längst gefühlten, wohlberechtigten Bedürfnisse der Gemeinden bestens Rechnung getragen. Diese Neueinrichtung ist von nicht genug zu schätzender Bedeutung. Der Besuch eines jüdischen Seminars in