Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 71 (7.9.1891)
- Date
- 1891-09-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1348 wartete Messias erklärte. In tosendem Jubel jauchzte die Menge ihm zu: „Es lebe unser König! es lebe unser Messias!" Und Sabbatai mit seiner herrlichen, volltönenden Stimme dankte der Menge für ihre huldigenden Zurufe, versprach, in nicht allzuferner Zukunft, die Zerstreuten Israels zu sammeln und sie zurückzuführen in das Land der Väter. Nur möge jeder Einzelne für sich und die Gesammtheit als solche durch Buße und frommen Wandel das Herannahen der Gnadenzeit beschleunigen. Rasender Jubel umtoste ihn, als er, umgeben von seinen Vertrautesten, die große Synagoge zu verlassen sich anscbickte. Da, plötzlich, in der Mitte der Synagoge, auf der von Säulen umgebenen Erhöhung, wo am Sabbat und an Feiertagen ein Abschnitt aus der Thora verlesen wird, dort brach Nathan Gazati in den heftigsten Zuckungen zusammen. War es die übermächtige Erregung, die dieser hehre, lang ersehnte Augenblick hervorgerufen, welche diesen Anfall herbeigeführt? — war es das übermäßige Gedränge, in dem der Schwache eingekeilt gewesen? — oder war anderes die Ursache? — Wilder, immer wilder wurden die Zuckungen, in denen der Unglückliche sich wand. Angstvoll umstanden ihn die Anwesenden, keiner wagte ihn zu berühren oder auch nur den Schaum zu entfernen, der seine zuckenden Lippen bedeckte. Endlich ließen die Zuckungen nach, einzelne Worte ausftoßcnd, lag er nur leise noch zuckend da. Jetzt reihten die Worte sich aneinander, mit angehaltenem Athem lauschten die Umstehenden, und bald vernahmen sie laut und deutlich Prophezeiungen, den Messias betreffend, der alle Völker der Erde ohne Schwert besiegen werde, nur Deutschland, das judenfciudlichste, werde er mit Krieg überziehen. Allmählich hörten die Zuckungen gänzlich ans und Nathan Gazati richtete sich langsam auf. Bleich und verstört, die Stirn noch mit kaltem Schweiß bedeckt, blickte er um sich. Sabbatai hatte sich längst entfernt, jetzt drängten auch die übrigen Besucher der Synagoge hinaus, Nathan Gazati von einigen Freunden geleitet, war der Letzte. Das hehre Ereigniß des 'Tages war auf Aller Lippen; daß der Messias sich ihnen geoffenbart, daß sie Augen- und Ohrenzeugen der Prophezeiung desjenigen gewesen, den sie als den wieder auferstandenen Propheten Elijahu hatten bezeichnen hören. — Die Begeisterung, die Aufregung war allgemein. Doch auch Frauen waren von der höher gelegenen Frauenabtheilung der Synagoge aus Zeugen der Convulsionen Nathan Gazati's gewesen und hatten seine Prophezeiungen vernommen. Und noch am selben Tage fielen mehrere Frauen in Zuckungen und weissagten ähnlich, wie es Nathan Gazati gethan. — Und an den folgende» Tagen fielen auch Mädchen und Kinder in Zuckungen und weissagten. Die Aufregung hatte alle Grenzen, alles Maß überschritten, Geschäftsleute vergaßen Handel und Wandel und dachten an nichts Anderes, als an das herannahende Messiasreich. Und durch welche Mittel sie das Herannahen desselben zu beschleunigen vermeinten — es war seltsam — ähnlich wie in Jerusalem. Buße und frommen Wandel hatte ihnen der Messias anbefohlcn — und Manche untergruben durch ihre wahnwitzigen Kasteiungen ihre Gesundheit für immer, machten sich für immer untauglich, so manche Gebote Gottes zu beobachten. Sobald sie den sogenannten Messias erblickten, überließen sie sich dem ausgelassensten Jubel, begingen ihm zu Ehren Festlichkeiten über Festlichkeiten, die in wilde, wüste Orgien ausarteten, an denen auch hier nicht selten unter Leitung der ausgelassenen Frau des Messias ehedem sittsame Frauen und Mädchen sich betheiligten. Taumel und Unsittlichkeit nahmen überhand. Wie konnte es auch anders sein. — Ihr Meister, den sie als Messias verehrten, hatte damit angefangen, den Gesetzen der Rabbinen zu spotten, sich hinwegznsetzen über den Zaun, den jene auf Gottes Geheiß um Seine Gesetze gezogen — und war gesunken von Stufe zu Stufe. Und seine Anhänger wollten es ihm gleichthun — und verloren gleich ihm jeden sittlichen Halt. Sabbatai befand sich im Zenit. Wo er sich zeigte, wurden ihm fürstliche Ehren erwiesen, obgleich er, der sich so gerne als König der Könige bezeichnen hörte, mit erheuchelter Bescheidenheit dieselben abzuwehren sich den Anschein gab. Doch zeigte er sich öffentlich nur mit großem Gefolge in Prozession. Durch die Gassen schritt er Psalmen singend: „Die Rechte des Herrn ist hoch, die Rechte des Herrn bringt Sieg." Und dabei wehte er sich mit einem Fächer- Kühlung zu, und wen er mit dem Fächer berührte, der war des Himmelreiches sicher. Seine Familie, seine Brüder und seine Verwandten vergötterten ihn gleich den klebrigen. Oft beklagten sie es, daß seine Eltern diesen Triumph ihres Sohnes nicht erlebt hatten, denn auch sein Vater war längst heimgegangen. Eines Tages jedoch, seine Brüder begingen denselben fastend, da war auch sein Angesicht nicht strahlend wie sonst, und eine tiefe Falte lagerte aus seiner sonst stets klaren Stirn.