Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 69 (31.8.1891)
- Date
- 1891-08-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1307 Er verstand sie nicht sofort, sie mußte ihre Frage erläuternd wiederholen. Er athmete tief auf und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Noch ist die Zeit nicht gekommen," crwiederte er, „groß ist die Arbeit, die ich vollbringen niuß, bevor ich die Auferstehung der Tobten zulassen darf. — Erst muß ich sie sammeln von allen Enden der Erde, die Zerstreuten unseres Volkes, muß sie zurückführen allesammt in das Land unserer Väter, muß mir vor Allem Anerkennung erzwingen von allen Völkern der Erde." „Dabei werde ich Dir helfen," rief sie feurig, „ich werde —" „Ich weiß es," fiel er ein, „ich wußte es, noch bevor ich Dich in Wirklichkeit gesehen, daß in Deinen Augen eine magnetische Kraft liegt, die die Männer zu meinen Füßen zieht — denn nicht umsonst warst Du dem Messias zur Frau bestimmt." Sorel blickte zu ihm hinüber, ein seltsames Lächeln umspielte ihre Lippen. Was sie dachte? — Ohne Unfall legten sie die beschwerliche Reise durch das Wüstenland zurück und erreichten die Stadt Gaza in Südpalästina. Einige der heißblüthigsten Anhänger eilten voraus, den Juden Gaza's zu verkünden, welch' hohe Ehre ihrer harre, und Jung und Alt strömten hinaus vor dieThore der Stadt, die hehren Gäste zu empfangen. Die Sonne war bereits untergegangen, ihre scheidenden Strahlen hatten den westlichen Himmel mit rosigem Glanze überzogen und schienen Alles ringsum zu vergolden, als Sabbatai Zewi an der Seite seines liebreizendes Weibes seinen Einzug in Gaza hielt. Sie waren ein selten schönes Paar, einander ebenbürtig in jeder Beziehung; mit staunender Ehrfurcht blickten die Einwohner der Stadt zu ihnen empor und wußten nicht, wen sie mehr bewundern sollten, ob denjenigen, der ihnen als Messias bezeichnet worden, oder seine berückend schöne Gattin. Die angesehensten Männer stritten um die Ehre, das hohe Paar zu beherbergen, Allen voran drängte sich ein junger, ungefähr zwanzigjähriger Mann, der vor kaum einem Jahre die einzige Tochter des reichsten Mannes der jüdischen Gemeinde geheirathet, und seit dem bald darauf erfolgten Ableben seines Schwiegervaters, dessen ganzes Vermögen geerbt hatte. Er hatte sich seit seiner Verheirathung dem Studium der Kabbala ergeben, und wenn er auch nicht beanspruchen konnte, irgend welchen Erfolg in dieser Wissenschaft errungen zu haben, so hatte er doch gar viel von kabbalistischen Berechnungen gehört, nach welchen das kommende Jahr eine entscheidende Wendung der Geschicke des jüdischen Volkes bringen sollte; und als er die hoheitsvolle Gestalt Sabbatai's erblickte, da schwand jeder Zweifel, den er etwa noch gehegt haben mochte, und sich nahezu bis zur Erde vor demjenigen verneigend, von dem er das Heil der Welt erwartete, flehte er um die Gnade, daß das hehre Paar geruhen wolle, bei ihm zu übernachten. Und Sabbatai ließ sich erbitten, mit seiner Gemahlin im Hause des reichen Mannes zu übernachten, während sein Gefolge in andern angesehenen Häusern bereitwilligst Unterkunft fand. Nathan Benjamin Levi, später unter dem Namen Nathan Gazati bekannt, stellte sich und sein ganzes Haus seinen Gästen zur Verfügung und mit ehrfurchtsvoller Beflissenheit bemühte sich auch seine Frau, es denselben so behaglich als möglich zu machen. Sorel hatte sich zurückgezogen, tiefe Stille herrschte im ganzen Hause, um den Schlummer der schönen Frau nicht zu stören, während die Männer in tiefernsten Gesprächen den größten Theil der Nacht durchwachten. Sabbatai hatte mit raschem, scharfen Blick das schwärmerische Wesen seines jugendlichen Gastfreundes erkannt, und so zurückhaltend, oft wortkarg er Fremden gegenüber zu sein pflegte, mit Nathan Gazati machte er eine Ausnahme. Wie durch einen Zufall gewährte er ihm einen Einblick in jene geheimnißvolle, ihm selbst von Jachini in die Hände gespielte Schrift, und der schwärmerische, junge Mann gerieth hierdurch geradezu in Verzückung. Sein bleiches, unschönes Gesicht war glühend roth geworden, während in seinen Augen ein seltsames Feuer aufloderte. „Jetzt verstehe ich alles," murmelte er, in sich erschauernd, „alles." „Was sagt Ihr?" forschte Sabbatai, der keinen Blick von dem Angesicht des Andern verwandt hatte. Der junge Mann wechselte unaufhörlich die Farbe, ein Zittern hatte ihn erfaßt, er schien kaum im Stande, sich aufrecht zu halten. „Jetzt verstehe ich alles," wiederholte er, sichtlich bemüht, das Beben seiner Stimme zu unterdrücken, „bisher wußte ich nicht, was es bedeuten sollte — jetzt ist es mir klar, vollkommen klar — „Wollet Ihr Euch nicht näher erklären?" fragte Sabbatai, mit Interesse die sich steigernde Erregung des Andern beobachtend, „wollt Ihr Euch nicht zu mir setzen?" „Ich habe es nicht gewagt," flüsterte Nathan, „in Gegenwart des Höchsten —" „Setzt Euch," entgegnete Sabbatai herablassend, „ich gestatte es gern." Nathan sank wie erschöpft auf eine minder gepolsterte Bank. Sabbatai blickte erwartungsvoll zu ihm hinüber. „Nun?" fragte er.