Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 66 (20.8.1891)
- Date
- 1891-08-20
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXII. Jahrgang. Zweite BeilageM 66 »« „Israelit & Ieschurun" Zur Lage der Juden in Htußland. Moskau, 13. August. Dem Standard" zufolge stehen neue Zwangsmaßregeln gegen die noch in Moskau übrig gebliebenen Juden bevor. Den bisher von der Ausweisung verschonten jüdischen Kausteuten erster Gilde, etwa 100 an Zahl, soll nämlich der Aufenthalt in Moskau dadurch unmöglich gemacht werden, daß ihnen die jährlich zu erneuernden Gildencertisikate nicht mehr ertheilt werden. Außerdem gibt eS noch ein anderes Mittel, dieselben zu vertreiben. Gesetzlich dürfen nämlich jüdische Kaufleute keine Christen beschäftigen, und da Juden für diese Stellen nicht mehr vorhanden sind, müssen selbst wohlhabende Kaufleute erster Gilde ihre Geschäfte aufgeben. Jeder von der Ausweisung betroffene Jude erhält jetzt eine Frist von zwei Monaten zur Abwickelung seiner Geschäfte, während bisher sechs Monate bewilligt wurden. Moskau. Zur Judenfrage veröffentlichten die „Mosk. Wed," unlängst einen Artikel, in dem ausgeführt wurde, es existirie ein Gesetz, daß die Juden aus dem Westgebiet nur einmal im Jahre auf 2 Monate nach Moskau reifen dürften. Dieses Gesetz wäre zur Zeit, da es noch keine Eisenbahnen gab, zweckentsprechend gewesen; damals wären die Händler ihre 1000 Werst allerdings nur einmal im Jahre gereist und hätten sich für das ganze Jahr mit Maaren versehen, jetzt aber müßte der Händler bei dem häufigen Schwanken der Preise, bei dem Wechsel der Mode rc. solche Reisen wenigstens 3—4 Mal im Jahre machen. Würden den Juden des Westgebiets solche Reisen nach Moskau hin unmöglich gemacht, so würden die jüdischen Händler zum Schaden des Moskauer Industrie-Rayons gezwungen, sich nach Lodz, Sosnowice rc. zu wenden. Es wäre daher zweckentsprechend, das Gesetz dahin zu ändern, daß den Juden des Westgebie.ts erlaubt würde, 4 Mal im Jahre nach Moskau zu kommen, insgesammt auf die Zeit von 2 Monaten. Weiter macht das Blatt darauf aufmerksam, daß die hastigen Judenausweisungen aus Moskau es sehr vielen Moskowitern unmöglich gemacht hätten, Schuldforderungen von den ausgewiesenen Juden bezahlt zu erhalten. So hätte jetzt Moskau für die frühere Konnivenz, mit der man nicht zum Aufenthalt berechtigten Juden das Wohnen in Moskau gestaltet, unschuldigerweise bluten müffen. Ueber die Judenverfolgung in Jelisawetgrad wird weiter berichtet: Der Pöbel drang in die jüdischen Geschästsläden ein und bemächtigte sich vorerst der dort aufgestapelten Maaren. Man raubte, so viel man rauben konnte, und was nicht wegzutragen war, wurde einfach vernichtet. Damit hatte sich jedoch die brutale Menge keineswegs begnügt. Nachdem die Läden ausgeplündert waren, drang der Pöbel in die Wohnungen. Kein Möbelstück ist daselbst ganz geblieben. Was den Leuten unter die Hände kam, wurde zertrümmert, und was nicht zertrümmert oder zersplittert werden konnte, das schleppte man fort, um es ins Wasser zu werfen. Die Bauern griffen jeden an, von dem sie vermutheten, daß er jüdischer Abstammung sei. Auf diese Weise wurden zahlreiche Personen schwer verletzt, andere trugen nur leichte Verwundungen davon. Drei Juden blieben sofort unter den Händen der Plünderer todt. Mehrere Stunden lang dauerte das Wüthen der Menge. Unbeschreibliche Szenen von Brutalität und Rohheit spielten sich während dieses Zeitraums ab, allein die Behörden schienen kein Auge für diese Vorfälle zu haben. Sie ließen den Pöbel ruhig schalten und walten. Der Werth der Gegenstände die vernichtet wurden, wird aus mehrere hunderttausend Rubel geschätzt. Zeitungsnachrichten und Gorrespoudeuzerr. Deutschland. Berlin. Der Verein zur Förderung des Handwerks unter den Juden hat in dem nahegelegenen Pankow ein Grundstück erworben. Dasselbe soll dcn Lehrlingen als Heim dienen; dieselben sollen daselbst Quartier, Kost und Religionsunterricht erhalten. Als Hausvater und Religionslehrer wurde Herr Lehrer Wiblinski angestellt. Der Bau bezw. Umbau des Hauses hat Herr Maurermeister Fr ä nk l, der das jüdische Taubstummeninstitut in dem Vororte Weißensee errichtete, übernommen. Berlin. In dem rührigen antisemitischen „Volksverein Berlin-Norden" hielt der Chemiker Bayenbach aus Gießen einen instruktiven Vortrag. Solche Vorträge werden zur Belehrung, nach welchem System die Judenverfolgung zu bewerkstelligen sei, des öfter» angekündigt und mit einer meisterhaften Gründlichkeit gehalten. Der Herr Chemiker erzählte, mit welcher Energie man in Gießen vorging, um das „heilige Ziel" zu erreichen. Da sich kein Bürger bereit erklären wollte, seinen Namen dem Antisemitismus preiszugeben , wurden zwölf Studenten angeworben und denselben der Auftrag ertheilt, gegen ihre nationalliberal gesinnte Professoren vorzugehen. Die biedern zwölf Jungen übernahmen die Mission und übten dieselbe mit einer rühmenswerthen Rücksichtslosigkeit. Die Bürger Gießens brachten dem neuen Unternehmen die gezie mende Achtung entgegen; kein Antisemit wagte ohne Revolver auszugehen. Jetzt fuhr der Redner fort, steht die Sache in Hessen viel günstiger. Es beständen zweihundert ländliche Creditinstitute. Neun Darlehenskassen mit270,000M. Kapital ständen den Landleuten zur Verfügung. Ein billiger Zinsfuß erleichtere die Abzahlung. Die Verwaltungskosten wären sehr gering, da die Beamten ihre Stellung als Ehrenämter bekleiden. Ueber Sterbekassen und judenfreie Märkte schweigen die jüdischen Blätter, da sie die Verbreitung dieser gegen die Juden am feindlichsten wirkenden Institute fürckten. — Weitere Agitationen sollen in Baden, Württemberg, Elsaß-Lothringen und Schlesien nach dem bereits bewährten Muster in Angriff genommen werden. Sonderbar erschien uns folgende Eröffnung: .Die Partei errichtet „Rechtsschutzbüreaux", dieselben wären für Deutsche, die gegen Juden Recht suchen, höchst nothwendig." Ich dächte doch, der deutsche Richterstand verdiente keine derartige Verunglimpfung. —