Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 66 (20.8.1891)
- Date
- 1891-08-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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1255 zu besorgen. Hoffen wir, daß die nunmehr erreichte Sicherstellung dieses einem so hochedlen Zwecke dienenden Instituts demselben zum Segen gereiche und daß es ihm durch reichliche Zuwendung von Legaten ermöglicht werde, seine hohe Bestimmung immer besser zu erfüllen._ > Vermischtes. < London, 12. August. Die letzte Nummer der Wochenschrift „Forum" ist fast ganz der jüdischen Frage gewidmet. Professor Dr. Geffcken erörtert den Stand der russischen Finanzen, der jüdisch-russische Advokat Hör Witz schreibt über „Die Verfolgung" und Baron Hirsch legte seine Pläne in einem „Methoden und Asyle" betitelten Aufsatz dar. Baron Hirsch sagt u. A.: „Man wirft den Juden vor, daß sie nicht produziren, sondern durch Handel schnell reich werden wollen. Angenommen, dem wäre so, kann es anders sein, nachdem man ihnen Jahrhunderte lang die Bebauung des Bodens untersagt hat. Wo Juden Grundbesitz haben erwerben dürfen, haben sie sich als ausgezeichnete Landwirthe bewährt. In Ungarn bilden sie einen bedeutenden Procentsatz des Bauernstandes. Die dortige hohe katholische Geistlichkeit hat fast nur Juden zu Pachtern und ebenso geben alle Großgrundbesitzer den Juden den Vorzug. Die jüdischen landwirthschaftlichen Kolonien in der Türkei blühen und die Nachrichten aus Argentinien melden Aehnliches."_ Ferr i Ile ton. Die Sihir>et1eerr. Von H. Berger (Nachdruck verboten; alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung aus Nr. 64.) Kaum hatte die Tante ihr Gebet vollendet, da drang aus dem nahen Gebüsche heftiges Schluchzen, und unterdrücktes Weinen hervor. Erschrocken blickten die Damen nach der Richtung, aus welcher das Weinen kam und die Tante sagte: „Du hast Recht gehabt, Flora, wir sind nicht die einzigen Besucher des Friedhofs. Sieh' doch einmal nach, wer da ss sehr weint." Aengstlichen Schrittes ging das junge Mädchen auf das Gebüsch zu und bog die Zweige desselben vorsichtig auseinander. Da sah sie die Bettlerin schluchzend auf der Erde sitzen mit bangem Blick emporschauend. Flora trat zu ihr heran und fragte: „Warum weint Ihr so, liebe Frau? Habt Ihr einen Anverwandten verloren oder besucht Ihr das Grab Eurer Eltern?" „Ich darf nicht am Grabe meiner Eltern beten", erwiederte die Bettlerin; „eigene Schuld treibt mich von ihrer Ruhestätte fort und raubt mir den Trost, den ein Gebet am Grabe der Eltern jedem reinen Herzen spendet." „So kommt mit zu meiner Tante", entgegnete Flora; „sie ist erfahren und klug und wird in ihrer Engelsgüte auch für Euch Rath und Hilfe finden." „O, wie gut Sie sind! Gott möge Sie segnen, mein Kind", entgegnete schluchzend die Bettlerin. „Aber lassen Sie mich hier; ich bin nicht Werth, vor das Antlitz Ihrer Tante zu treten; Ihre Tante wird böse werden und —" „Da kennen Sie meine Tante nicht," sprach Flora lächelnd, „Tante kann gar nicht böse werden." „Ob ich sie kenne!" murmelte die Bettlerin, indem sie sich, von Flora unterstützt, langsam erhob. Gesenkten Blickes ging sie neben dem Mädchen einher. Die eingetretene Dämmerung verhinderte, daß die Tante sie erkennen konnte, ehe sie ganz nahe bei derselben war. Doch als die Bettlerin nahe genug gekommen und gesenkten Blicks die Anrede der Tante erwartete, als die Tante erstaunt in das Gesicht der Bettlerin blickte, da durchflog ein Zittern deren zarte Gestalt, ihre Lippen öffneten sich und stammelten das Wort: „Verzeihung!" Erstaunt horchte die Tante dem Ton dieser Stimme. War's möglich? oder wollte ein Trugbild ihrer Phantasie ihre erregten Sinne täuschen? Das war ja die Stimme ihrer verloren geglaubten Schwester! Sollte Gott so rasch ihr inniges Gebet erhört haben? Ja, ja, sie fühlte am Schlage ihres Herzens, sie erkannte die Unglückliche am Tone ihrer süßen Stimme; sie breitete die Arme aus und rief: „Fanny, Du bist es! komm' an mein Herz." Zögernd trat diese näher und wollte auf die Knie fallen, aber die Schwester merkte es und zog sie an ihr Herz. Thränenden Auges lag ihr müdes Haupt an der Schulter der Schwester und mit bebender Stimme sprach sie.- „Ja, Recha, ich bins, Deine unglückliche Schwester. O, ich bin so müde; so müde. Nur einen Augenblick laß' mich ruhen an Deinem treuen Herzen, nur einen Kuß laß mich drücken auf die Stirn meines Kindes, dann will ich weiter wandern, rastlos, ruhelos fort, bis mich der Tod erlöst." „Sprich' nicht so verzweifelt, meine Schwester. Sieh', hier ist Dein Kind; seine Bitten vereinigen sich mit den meinigen, bleibe bei uns, komme mit uns." „Ja, Mutter," bat nun Flora, indem sie die Hand der Bettlerin umfaßte, „Mutter, bleibe bei mir." „O, ich danke Dir, Du allbarmherziger Gott, gnädiger Richter," rief die Bettlerin jetzt, indem sie gen Himmel blickte, „ich danke Dir, daß Du hast dieses Wort von den Lippen meines Kindes mich hören lassen. Dieses Glück überwiegt alle Qualen, die mein Herz erduldet, alle Schrecken, die mein Geist erlitten. Mutter hat sie mich genannt, der ich das Leben gab, Mutter mich gerufen, die ich um die Mutter bettog. Komm' her, mein Kind, daß ich Dich küffe und segne, denn ich bin ja doch Deine Mutter!" Und als Flora nun näher ttat, da umschlangen sie die mageren Arme der Mutter; ihr Gesicht bedeckte sie mit Küssen und die Thränen des Kindes mischten sich mit denen der Mutter. Dann sprach diese: