Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 66 (20.8.1891)
- Date
- 1891-08-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXII. Jahrgang. M 66. IsraelitZrschuran. Mstzüst W MttW W. Geistes uuö W. Dens in Ans. Gemeinde nnd Zlhnie. Gentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Donnerstag, den 20. A«gust 5651 (1891). Leitender Artikel. In den Wochen der Uechnmah. Von W. in W. Wieder ist die Zeit der Trauer um Israels Größe und Herrlichkeit dahin, wieder führte uns dieselbe all das Unglück, das unsere Vorfahren jener Zeit getroffen, vor Augen, erinnerte uns an das, was wir hatten, was wir gewesen und was wir mit jener Zeit verloren. In wehmüthigen Gesängen und Gebeten gaben wir unseren Trauergefühlen Ausdruck und in der Entsagung von Genüssen und Vergnügungen zahlten wir den schuldigen Tribut unseres religiösen und nationalen Bewußtseins. Doch nun befinden wir uns in den Trostwochen und ihnen ist nun der doppelte Zeitraum zugemessen , das soll uns sagen, daß das Maaß der göttlichen Güte das der strengen Gerechtigkeit um Vielfaches übertrifft, und so groß auch unser damaliges Unglück und unsere Verluste, die Zukunft wird uns Größeres und Herrlicheres erstatten, sie wird, wenn wir ausharren im Vertrauen auf Gott und Sein heiliges Wort, uns, wie einst dem Dulder Job, das Siebenfache gewähren. Ja, aus der buchstäblichen Erfüllung der prophetisch angekündigteu Strafe können wir den heilsamsten, sichersten Trost schöpfen; denn da Ein Mund Strafe und Belohnung, Untergang und Aufgang, Knechtung und Befreiung verkündete, so können wir mit der Erfüllung des elften Theiles mit Sicherheit auf die des andern Theiles rechnen, und aus der Begründung unserer Trauer muß uns gleichzeitig Trost und Hoffnung erblühen. Mit Recht belehrt daher der große Rabbi Akiba seine ob des nationalen Unglücks trauernden und weinenden Collegen, daß er gerade hierin Grund zur Freude finde, indem er ihnen einmal erklärte, wenn Gott es übermüthigen, frevlerischen Römern so wohl ergehen lasse, wie wird Er erst seine Getreuen belohnen, rp vd’jdö^ p dn mm und ein andermal auf ihre Verwunderung wegen seiner Freude beim Anblicke des verwüsteten Tempelbergs bemerkte er: Es heißt doch p irrpT ron pan nnw nx gudw any b rrryw wdt3\ „Ich stelle als wahrhafte Zeugen auf, den Urijah und den Secharjohu, spricht Gott, wenn die Worte des mw in Erfüllung gehen, dann werden auch die des inna: in Erfüllung gehen." Die Collegen erkannten an, daß darin unser stärkster Trost liege und fühlten sich beruhigt. Doch Eines ist es, womit man unserem Tröste, unserer Hoffnung zu begegnen sucht, das lange Ausbleiben jener verheißenen Zukunft, jenes vielgepriesenen Zustandes. 1800 Jahre sind, verstrichen, seitdem Israel seine nationale Selbstständigkeit, sein Land und sein Heiligthum verloren, einem gehetzten Wilde gleich, dem man bald da, bald dort den Aufenthalt, ja die einfachsten Menschenrechte verweigert, es hinauSzustoßen sucht aus der menschlichen Gesellschaft, und immer noch zeigen sich die Anzeichen für das Eintreffen jener Prophezeiung nicht. Was sich also in so langem Zeitraum nicht erfüllt, das wird sich nimmer erfüllen, das muß sich schon in anderer Form vollzogen haben. Wohl ist es wahr, daß lange die Leiden Israels, und daß eine Glaubensstärke und Glaubenstreue, wie sie nur Israel eigen, es vermochte, in dieser langen Letdensnacht auszuharren und immer noch auf einen schönen Morgen zn hoffen, eingedenk des Prophetenwortes: nt to ’d ron nonorr dn. „Wenn sie auch lange ausbleibt, harre ihr, sie wird sicher eintreffen." Was sind übrigens 1800 Jahre für die Ziele Gottes? toonx ova ttjd du» *£n o „Tausend Jahre sind in Deinen Augen wie ein gestriger Tag", sagt der Psalmist, und groß und erhaben ist ja das Ziel, das die göttliche Vorsehung mit jener Zukunft herbeiführen will. Ist dieses Ziel wohl schon erreicht? Welcher Wandlungen wird das Menschengeschlecht noch bedürfen, um jene Höhe der Cultur, der Erleuchtung und der Tugendhaftigkeit, welche das Prophetenwort für jene Zeit verkündet, zu erklimmen? Wähnte man ja mit dem letzten Decenium des 19. Jahrhunderts auch die letzte Sprosse der Culturleiter erstiegen zu haben,