Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-08-17 · Heft 65 (17.8.1891) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 65 (17.8.1891)
Date
1891-08-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448183--32651-2480506
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1239 wachung des Gesundheitszustandes der Auswanderer angestellt. Behandlung und Krankenpflege verursachen nicht unerhebliche Kosten. Woher kommen nun diese Auswanderers Absolut aus allen Thcilcn des großen Zarenreichs. Die Bewohner der nahen russischen Grenzbezirke werden schon gar nicht mehr berücksichtigt, weil ja Ortsverweisungen daselbst nicht Vorkommen. Desto zahlreicher kommen sie aus weiter Ferne, selbst Sibirien stellt sein Kontingent. Eine blutige Ironie: aus Sibirien verwiesene Juden. Die zuletzt Unterstützten waren die Brüder Schertock aus dem Tobolsker Gebiet in Westsibirien, zwei riesenhafte junge Männer, die sich rühmten, Lasten bis zu 5 Centner tragen zu können. Wenn Memel als Durchgangsstation der Auswanderer so zahlreichen Zuspruch findet, so hat das seine guten Gründe, welche in folgenden Punkten zu suchen sein werden: 1. Ist die Auswanderungslust, vielleicht auch die Ortsausweisung am stärksten und umfangreichsten in den Ostseeprovinzen. Was daselbst auf unsere Anregung zur Organisation der Auswanderung geschehen ist und geschieht, entzieht sich aus leichtbegreiflichen Gründen der öffentlichen Besprechung. 2. Ist der Grenzübergang an den unserer Stadt nächstgelegenen Punkten am leichtesten zu bewirken. 3. Hoffen die Aermeren an unserem Orte und bei unserem Comitö, das nun schon seit dem Jahre 1868 besteht und in Thätigkeit ist, am leichtesten Unterstützungen zur Weiterreise zu finden. 4. Sind die Ueberfahrtskosten bis zur Einschiffung nach überseeischen Ländern, mit geringen Ausnahmen das einzige Reiseziel der Auswanderer, am billigsten; (Stettin 5 Mark; Hamburg über Lübeck 9 Mark.) Die Abfertigung der Unterstützungssuchenden geschieht auf folgende Weise: Auf zahlreichen kleineren und größeren Wagen bringen die russisch-jüdischen Fuhrleute die Auswanderer in den buntesten Schaaren täglich und stündlich nach unserem Orte. Wie sie bis an die Grenze, wie sie über die Grenze gekommen, wie sie dabei mißhandelt, ausgesogen und ausgezogen worden sind, soll hier nicht näher berührt werden. Gebe Gott, daß mit dieser letzten Leidensstation alles Leid der Unglücklichen beschlossen und abgethan sein möge. Anfangs waren dieselben auch an unserem Orte in den „Stanzten" (Herbergen) allerlei Erpressungen ausgesetzt. Da wurde denn vom Comite ein großer Speicher mit drei Geschossen gemiethet und zum Logirhaus eingerichtet; damit wurde auch dem Comite die Unterftützungsarbeit sehr erleichtert. Bei Ankunft wird eine jede Person mit allen wissensnöthigen Daten notirt, und die so entstehende Liste wird alsdann bei der Personalprüfung zu Grunde gelegt. Zur bestimmten Stunde sammeln sich die Unterstützungssucheuden vor dem Sitzungslocale des Comites, und der ebenbezeichneten Liste folgend wird einer nach dem andern vorgerufen und seinen Angaben und Legitimationen gemäß, wobei auf das strengste verfahren wird, abgefertigt. Bis zur Stunde sind nahezu 4000 Personen mit voller Quote unterstützt und befördert worden. Die Zahl derer, welche nur ganz kleine oder gar keine Reiseunterstützung erhielten, theilweise auch wieder nach Rußland zurückgeschickt werden mußten, ist ganz gewiß eben so groß. Nur die Zahl der erstgenannten Personen kann in die wohlrubricirte Liste eingetragen werden. Anfangs, als unser Comite das Unterstützungswerk noch ganz allein betrieb, waren die Quoten etwas höher bemessen. Als aber das deutsche Central-Comite in Berlin die Angelegenheit in die Hand genommen und organisirt hatte, als das Kartell zwischen den einzelnen Comite zu Stande gekommen war, konnten die Quoten in etwas verringert werden. Bis jetzt hat das Comite alle Ausgaben aus seinen eignen Geldsammlungen bestritten. Bis zu dieser Stunde der Berichterstattung Konnten 1569 Sendungen im Belaufe vom 66924 Mark 12 Ps. für das in Rede stehende Unterstützungswerk gebucht werden. Davon sind jedoch schon 59108 Mark 66 Pf. als verausgabt eingetragen, und bis dieser Bericht in die Oeffentlichkett gelangt, dürften unsere Geldmittel völlig aufgebraucht, unsere Kasse erschöpft und wir in Bezug aus Versorgung mit Mitteln zur Weiterführung unserer Thätigkeit auf das deutsche Central-Comite angewiesen sein. Mit dem Augenblicke, da dieses Comite (Anfangs Juni) feine Wirsamkett begonnen hatte, flössen uns nur noch wenige Gaben zu, bis dieselben endlich fast ganz verstechten. Es erübrigt für diesesmal nur noch über den weiteren Verlauf der Unterstützungsthättgkeit einige Bemerkungen anzufügen. Dieselbe muß mit Anspannung aller Kräfte weiter geführt werden, zumal die große Masse der Ortsverwiesenen, zu deren Gunsten das Hülfswerk hauptsächlich unternommen wurde, wie sichere Nachrichten verlauten lassen, erst im Anzuge sind. Der russische Winter bringt mit Notwendigkeit eine Unterbrechung in die Sache. Ob im kommenden Frühjahre die Thätigkeit der verschiedenen Comitös wieder ausgenommen werden muß, mag der Zukunft anheimgestellt bleiben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.