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Der Israelit · 1891-08-06 · Heft 62 (6.8.1891) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 62 (6.8.1891)
Date
1891-08-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1167 Deine Mutter war ein bildhübsches Mädchen und obschon sie zwei Jahre jünger war als ich, war sie tonangebend in unserem Elternhause und alles drehte sich um sie. Jede schwere Arbeit wurde von ihr ferngehalten und selbst leichtere Pflichten übernahm ich für sie. Sie verbrachte den Tag mit Lesen, Klavierspielen, Deklamiren und Spazierengehen. Sie war äußerst liebenswürdig und deßhalb überall beliebt; von uns wurde sie vergöttert; was sie that, wurde schön, was sie sagte, geistreich gefunden und keine Kritik wagte sich an ihr Thun und Lassen. Unsere Eltern lebten, wie Du es auch von mir siehst, streng nach den Gesetzen unserer heiligeu Religion, und die Speisegesetze, das Sabbatgebot, kurz alle Gesetze unserer heiligen Thora waren für uns maßgebend und wurden dis auf's Kleinste freudigen Herzens befolgt. Jeden Sabbat gingen wir zur Synagoge, jeden Morgen und jeden Abend verrichteten auch wir Mädchen unser Gebet und wir genossen ein ruhiges Glück im Hause unserer Eltern. Lange, lange ist es her und die Erinnerung an jene Zeit beglückt mich jetzt noch." Ein leiser Wind säuselte durch die Wipfel der Bäume und trug einen schweren Seufzer, den die Bettlerin ausgestoßen hatte, zu den Ohren der beiden Damen. Das junge Mädchen sah sich erschreckt um, und als sie Niemand erblickte, sprach sie: „Mir ist doch, als ob ich einen Seufzer vernommen hätte, liebe Tante. Sollten wir belauscht werden?" „Närrchen," entgegnete lächelnd die Tante, „wer sollte um diese Zeit hier sein, wen sollte unsere Geschichte interessiren? Es wird der Wind gewesen sein." Das junge Mädchen beruhigte sich und die Tante fuhr weiter: „Da kam eines Tages wanderndes Volk in unser Dorf, eine Schauspielergesellschaft, die den Dorfbewohnern die Erzeugnisse der Literatur vorsühren wollten. Der Director schien ein anständiger Mensch zu sein und seine Frau verstand es, die Truppe zu regieren und Reclame für dieselbe zu machen. Sie ging persönlich von Haus zu Haus, um zum Besuch der Vorstellungen einzuladen und sie hatte Glück. Nirgends wurde das hübsche, junge Frauchen abgewiesen. Auch zu uns kam sie und die selige Mutter, die uns gerne eine Freude machen wollte, kaufte ihr ein Dutzend Karten ab und schenkte sie uns. Wer hätte ahnen können, daß dies Geschenk uns zum Unheil werden sollte! Die erste Vorstellung besuchten wir gemeinschaftlich. Meine Schwester saß wie verzückt da und lauschte den mit dem nöthigen Patos gesprochenen Worten der Schauspieler. Mit ihrem lebhaften Temperamente und ihrem guten, unverdorbenen Herzen fühlte sie alles mit und in ihr dämmerte der Gedanke, daß es keinen schöneren Beruf geben könnte, als den einer Schauspielerin. Auf dem Nachhauseweg sprach sie mit mir davon und ich lachte sie aus. Alle meine Einwürfe wußte sie zu entkräften, meine Gegcngründe zu widerlegen. Sie versäumte von nun an keine Vorstellung und war bald mit den Mitgliedern der Truppe bekannt und vertraut. Ganze Tage verbrachte sie in dieser Gesellschaft und jetzt wurden ihr zum erstenmale die Gesetze unserer heiligen Religion lästig, deren Vorschriften unbequem und hinderlich. Zum ersten Male wünschte sie, von den sie beengenden Fesseln der religiösen Ge- und Verbote befreit zu sein, und der Wunsch ist der Vater des Gedankens. Als sie sich erst mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, daß sie die religiösen Gesetze übertreten könnte, war es nicht mehr weit zur That, und heute noch spüre ich den Schreck, den ich empfand, als meine Schwester eines Freitags Abends das Licht nahm, sich Nadel und Garn holte, um eine an ihrem Kleide abgerissene Schleife anzunähen. „Fanny!" rief ich erschrocken aus, „was thust Du? es ist Sabbat!" Nie werde ich den geringschätzigen Blick vergessen, den sie mir zuwarf. „Pah," sprach sie achselzuckend, „als ob es das erstenmal wäre." „Schweig', Unglückliche," entgegnete ich erschreckt, „behalte Deine Sünden für Dich! Laß' es die Eltern nicht erfahren." Aber es war zu spät. Der Vater hatte das Licht in ihrer Hand gesehen, ihre letzten Worte vernommen. Mit unheimlicher Ruhe trat er näher, sah Fanny, welche das Licht in ihrer zitternden Hand hielt, starr an und fragte: „Was, ist das nicht das erstemal, daß Du den Sabbat entweihest? Das mußte ich aus Deinem eigenen Munde hören, um es glauben zu können. Und sage, meine Fanny, ist es wahr? Mit Absicht, trotz Deines besseren Selbst hast Du das Gottesgebot übertreten?" „Ja, Vater, und ich fand nichts dabei —" Sie konnte nicht ausreden. Im heiligen Zorn hatte mein Vater die Hand erhoben und in wuchtigem Schlage fiel sie nieder auf die Wange der nichts ahnenden Schwester, dort ihre Spuren zurücklassend. Wie vom Blitz getroffen, fiel Fanny zur Erde. Ich warf mich auf sie und rief: „Barmherziger Himmel! Vater, was hast Du gethan? Du hast Fanny erschlagen." „Besser sie stirbt, als sie entweiht unseren heiligen Glauben, besser kein Kind zu besitzen, als eines, welches mißrathen ist."

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