Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 60 (30.7.1891)
- Date
- 1891-07-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1126 finden sollte, aufzunehmen. Nur im Monate Ellul war der kleine Friedhof nicht vereinsamt. Täglich kamen Besucher aus Fern und Nah, um an den Gräbern verstorbener Lieben zum allmächtigen Weltenlenker zu beten und eine Zähre ihrem Andenken zu weihen. Diese Zeit über stand das schmale Pförtchen weit offen und gestattete Jedem einzutreten. Und Alle, die eintraten und Herz und Geist zu jenen Höhen richteten, von wannen Hilfe kommt, sie Alle fühlten sich wunderbar getröstet; der Friede und die Ruhe des Ortes theilte sich ihren Herzen mit und mochten diese auch noch so wild und lebhaft schlagen, noch so traurig-müde verzagen. Es ist ein schwüler Nachmittag; schon will die Sonne zur Rüste gehen und die Bäume werfen riesenhafte Schatten auf die staubige Landstraße, auf welcher eine altmodige Equipage schwerfällig einherrollt. Alles an diesem Gefährte ist altmodisch; die Räder und die Federn, die Farbe und der Bezug, ja selbst der Kutscher und die Pferde scheinen aus jener Zeit zu stammen, „als der Großvater die Großmutter nahm." In langsamem Trab kommen sie näher und jetzt biegen sie in den Seitenweg ein, der nach kurzer Zeit zudem Friedhofe führt. Trotz der herrschenden Schwüle ist der Wagen geschlossen und um keinem einen unberufenen, neugierigen Blick in das Innere desselben zu gestatten, sind zum Ueberfluß die verblaßten blauseidenen Vorhänge an den Fenstern vorgezogen. Knirschend durchfurchen die Räder den Saud; mächtig schnaufen die Pferde, klatschend fährt die Peitsche auf ihren feisten Rücken, ärgerlich brummt der Kutscher über den Sandweg —'” da haben sie auch schon ihr Ziel erreicht. Vor der engen Pforte des Friedhofs steht der Wagen. Der Kutscher klettert langsam vom Bock und tritt an den Schlag, diesen zu öffnen. Da ertönt eine Frauenstimme hinter den Vorhängen hervor: „Wollen Sie nachsehen, Georg, ob auch Niemand da ist?" „Gerne, gnädige Frau, aber die Pferde sind dann ohne Aufsicht." „Sie werden schon ruhig stehen bleiben; sehen Sie nur nach," erwiederte die Dame aus dem Inneren des Wagens. Der Kutscher ging hinein in den „guten Ort". Die Nachtigall, die sich ihr Nest in den Taxushecken gebaut hatte, ließ ihr herrliches Lied erschallen. Schmelzend und klagend, jauchzend und frohlockend, sehnend und schmachtend quollen die Töne aus ihrer Brust hervor, Liebe sehnend, Liebe suchend, Liebe verheißend. Und leise, ganz leise versuchte das Junge das Lied des Vaters nachzusingen — vergebens; es konnte den rechten Ton nicht finden, und als nun das bärtige Gesicht des alten Kutschers plötzlich sichtbar wurde — da hielten die Sänger erschreckt inne. Wozu sollten sie auch weiter singen? Was weiß der Mensch von jener allumfassenden, ewigen Liebe, jener göttlichen Kraft, welche das Grab überdauert und über Zeit und Raum gebeut, und welche nur sie allein besingen; was weiß der Mensch, das selbstsüchtige Wesen — der Egoist davon? Stille — stille. Der Kutscher sah Niemand, trotzdem sich eine Besucherin auf dem Gottesacker befand. In inbrünstigem Gebete hatte sie vor zwei Gräbern gekniet, deren Leichensteine so verwittert waren, daß man die Inschrift kaum mehr entziffern konnte. Sie war eine Bettlerin, aus deren durchfurchtem Antlitz das Leben, die Noth, die Sorge, das Elend und vielleicht auch die Sünde ihre Runen in unverlöschlicheu Zügen eingegraben hatten. Als sie den Kutscher erblickte, schlich sie ungesehen hinter den nächsten Leicheustein und verbarg sich daselbst. Der Kutscher ging zu seinem Wagen zurück und berichtete dessen Insassen, daß Niemand zu sehen wäre, worauf zuerst ein junges Mädchen dem Wagen entstieg, welches dann im Verein mit deni Kutscher einer älteren Dame beim Aussteigen behilflich war. Die ältere Dame hinkte und mußte sich schwer auf den Arm ihrer Begleiterin stützen, als sie nun langsam nach dem Innern des Friedhofs, den Gräbern zuging. Es war schade, daß kein Maler die Gruppe sah, die sich jetzt vor den zwei Gräbern gebildet hatte; sie hätte das Sujet zu einem herrlichen Idyll gegeben. Ein glückliches Alter, eine unschuldvolle Jugend, Herzensgüte und Wohlwollen, Kindlichkeit und Zutrauen repräsentirten die Damen, die sich auf eine morsche Bank neben den Gräbern niedergesetzt hatten. Ueberraschung, Angst und Schrecken zeigte das hinter dem Gebüsch hervorlügende Antlitz der Bettlerin, deren Augen starren Blicks auf die Damen gerichtet waren. Die schräg auffallenden Strahlen der untergehenden Sonne vergoldeten die Spitzen der Grabdenkmäler und muntere Bachstelzen hüpften aus den Zweigen des Gebüsches. „Hier ruhen meine Eltern, Deine Großeltern, meine Flora", begann die alte Dame, auf die Gräber zeigend. „Laß' uns beten an ihrem Grabe, wie es sich geziemt." Und ohne eine Antwort abzuwarten, begann sie leise zu beten. Auch die Lippen des jungen Mädchens bewegten sich und leise und innig stieg das Flehen ihrer Seele zu Gott empor. Tiefe Stille herrschte ringsum; nur das Zirpen einer Grille hörte man und in der Ferne klangen die Töne der Abendglocken in harmonischem Geläute.