Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 58 (23.7.1891)
- Date
- 1891-07-23
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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1089 verwerthen2 Referent: Dr. Levy-Birkenfeld. 2. Stoff und Methode des nachbibl. Geschichtmtterrichts. Referent: Dr. Nansenberg- Neuwied. 8. Wie kann sich der jüdische Religionslehrer in und außer der Schule au der Bekämpfung des Antisemitismus betheiligen? Referent: S a lomon-Trier. Zu Punkt 3 der Tagesordnung erhielt Herr Lehrer und Oberkantor Wolf-Luxemburg das Wort zu seinem Referate: „Heranziehung der Jugend zum Gottesdienst." Der Vortragende führt aus, daß der Religionsunterricht in der Schule, wenn er seinen Werth nicht verlieren soll, in die Praxis übertragen werden mutz. Darum muß die Jugend am öffentlichen Gottesdienste theilnehmen. Beim Gebete stehen alle als Kinder eines Vaters verbrüdert vor ihrem Gotte. Wenn im Leben die Wege auch oft auseinander gehen, im Gotteshause sind alle wieder vereint im Dienste des Herrn. Das sah und lernte die Jugend früher vorn Alter. Heute aber sei dies ganz anders. Selten kommt die Jugend ins Gotteshaus, der Besuch der (höheren) Schulen hindert sie daran. Sieht sie aber - - etwa an den Feiertagen — das Innere der Synagoge, so unterhält oder langweilt sie sich und verläßt frühe den Gottesdienst. Die Jugendgottesdienste, die man vieler Orten eingerichtet, können diesem Uebel nicht abhelfen, denn bald ist der Reiz der Neuheit geschwunden und es bleibt wieder beim Alten. Darum ist Referent der Meinung, die Lehrer in den Gemeinden müssen bei den Schuldirectoren dahin wirken, daß es den isralitischen Schülern möglich gemacht werde, den öffentlichen Gottesdienst zu besuchen und sich am gemeinsamen Gebete zu betheiligen, daß sie wieder Lust und Liebe zu Israels Gemeinschaft, zur Bäterreligiou und zum Glauben gewinne, das walte Gott! Der Vorsitzende Herr Eppstein-Hoppstädten hatte das Correferat übernommen und bat die Versammelten, sich mit seinen wenigen Andeutungen zu begnügen, da er durch andauernde Krankheit an regelmäßiger Arbeit gehindert fei. Er führte etwa Folgendes aus: „Die Anstrengungen, die gegenwärtig gemacht werden, um die Jugend dem öffentlichen Gottesdienste zuzuführen, richten sich vorzugsweise auf die Zöglinge höherer Anstalten I und es scheint demnach die Meinung zu bestehen, als sei I für die Schüler der Landgemeinden genügend gesorgt. Wie * kommt es aber, daß gerade die jungen Leute vom Lande, die zuhause regelmäßig allen Gottesdiensten beiwohnten, sich sofort von dieser Gewohnheit lossagen, wenn sie die ländlische Heimat verlassen? Ihnen muß doch die Theilnahme am Gottesdienste kein Bedürfnis geworden sein. Dieses Bedürfnis zu wecken, müssen nach meiner Meinung alle Hebel in Bewegung gesetzt werden. Die ganze Schuljugend werde nicht blos in der Synagoge geduldet, sonderu sie lerne fühlen, daß sie in der Synagoge nicht zu entbehren ist. Sie erhalte einen gesonderten, gemeinschaftlichen Platz, werde in allen Responsen und Gesängen geübt: sie merke, daß sie zur Gemeinde gehört, indem sie alles, was gesanglich dem Chore oder der Gemeinde zugewiesen ist, mit ausführt und schließlich sogar zur Führerin der Gemeinde erhoben wird. Die möglichste Einführung in das Verständnis der Gebete ist unerläßlich und der ganze Ritus muß unserer Jugend zur lieben Gewohnheit gemacht werden. Es sollte kein Sabbat vergehen, an dem nicht wenigstens durch eine Schrifterklärung die Synagoge zu deinem Lehrhause gemacht werde und wo kein Rabbiner vorhanden ist, scheue ich mich nicht, diese Aufgabe dem Lehrer zuzuweisen. Die gesonderten Jugendgottesdienste bleiben doch immer nur Notbehelf, und in das Verständnis des öffentlichen Gottesdienstes dürsten sie wohl kaum einsühren. Wenn dieselbe Energie, die sich dem besonderen Jugendgottesdienste zuwendet, sich dahin richtete, die Jugend dem öffentlichen Gottesdienste zuzuführen, so meine ich, müßte mit geringer Ausnahme auch darin Erkleckliches zu erreichen sein. Ueberall dürfte es möglich zu machen sein, daß die Jugend etwa alle 14 Tage oder 3 Wochen am Sabbatmorgengottesdienst theilnehmen kann, ja theilnehmen muß. Die 2 Stunden, die dadurch jedesmal verloren gingen, waren zu meinerzeit immer einzuholen und können noch heute, wie ich in meinem eigenen Hause sehe, eingeholt werden. Zudem werden in der Regel die Schuldirectoren nicht abgeneigt sein, aus die beiden Lamstagsstunden weniger wichtige Unterrichtsfächer zu legen. Auch scheint es mir ein Uebel, wenn das religiöse Bedürfniß der Schüler höherer Anstalten anders befriedigt wird, als das der übrigen Jugend und vor einer Scheidung der Gebildeten und Ungebildeten müßten wir uns recht sehr hüten. Wenn alle betheiligten Faktoren — Gemeinden, Vorbeter, Lehrer und Rabbiner — ganz das Ihrige thun, so muß das Ziel erreichbar sein. Nachdem den Herren Referenten für ihre vortrefflichen Ausführungen bestens gedankt, ward nach der Debatte folgende These einstimmig angenommen: Die Jugend beiderlei Geschlechts als künftige Trägerin der Gemeinde ist so früh als möglich in das Verständnis; des öffentlichen Gottesdienstes einzuführen und soll zur eigenen Betheiligung an demselben angehalten und gewöhnt werden. Zum 4. Punkt der Tagesordnung gab Herr Sender-Tholeg einen interessanten Rückblick über die Entstehung des Verbandes und über den großen Erfolg der an den Cultusnltnifter gerichteten Petition, fünf Gemeinden des Regierungsbezirks seien in Folge dessen seit Jahresfrist Korporationsrechte verliehen, vier Privatschulen zu öffentlichen erhoben und in andern Gemeinden das Streben nach Erlangung von solchen angeregt worden. Es folgten nun „freie Besprechungen", in denen viele interessante Fragen über Gemeinde und Schule erörtert wurden. Ilm 12 Uhr erfolgte der Schluß der Verhandlungen. Der Vorsitzende dankte den Vorstehern der Trierer Gemeinde, sowie den beiden Geistlichen, daß sie in solch warmer Weise an der Konferenz theilgenommen. Er wünsche, das Gehörte nicht als todtes Kapital, nicht akademisch zu betrachten, sondern es praktisch zu verwerthen, dann wird es seine rechte Wirkung haben. „Geleite Sie mein Wunsch in die Heimath: Auf gesundes, frohes Wiedersehen in Saarbrücken!" Herr Sender-Tholeg brachte den Dank der Versammlung dem Vorstande für seine Mühewaltung aus und er sowohl als alle Konferenztheilnehmer wünschen dem Vorsitzenden von Herzen, daß er körperlich von neuem erstarke, damit seine geistigen Schwingen um so reger sich entfalten. R. N u ß b a u m, Schriftführer.