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Der Israelit · 1891-07-16 · Heft 56 (16.7.1891) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 56 (16.7.1891)
Date
1891-07-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1042 hin für die Heiligung des göttlichen Namens, achthundert retteten sich in den Thurm des Königs, und die übrigen wurden abtrünnig. Am darauffolgenden Sabbat ergoß der Herr seinen vernichtenden Grimm über sein Heiligthum, die Gemeinde Barcelona. An jenem Tage griff man sie an und ungefähr 250 Personen wurden erschlagen. Der Rest der Gemeinde rettete sich in den Thurm; die Feinde aber plünderten alle Straßen der Juden und zündete sie theilweise an. Die Behörden waren bei diesem Frevel nicht betheiligt, im Gegeutheil, sie bestrebten sich mit aller Macht, die Juden zu retten und versorgten sie mit Speise und Trank; sie schickten sich auch an, die Uebelthäter -zu bestrafen. Da erhob sich die wüthende Volksmenge gegen die Vornehmen griff, die im Thurme befindlichen Inden mit Geschossen aller Art an und brachten sie alle ums Leben. Viele heiligten dort den göttlichen Namen', unter ihnen auch mein einziger Sohn, der Bräutigam war. Als ein Opfer habe ich ihn dargebracht denk Herrn; ich füge mich mit Ergebung in den Willen Gottes und tröste mich mit seinem schönen Antheil und seinem herrlichen Loose. — Viele von den im Thurme Befindlichen legten auch Hand an sich selbst, andere stürzten sich von der Höhe des Thurmes herab, manche gingen auch heraus und wurden von den Mördern niedcrgemacht, alle anderen wurden ihrem Glauben untreu. Nur ganz wenige von den Vornehmeren retteten sich in die Städte der Fürsten. Augenblicklich ist in Barcelona keiner mehr, der sich zu unserem Glauben bekennt. Auch in der Stadt Lerida kamen viele um, die übrigen traten über, und nur wenigen gelang es, sich zil retten. In der Stadt Gerona — hier paarte sich einst Gelehrsamkeit und Demuth — heiligten die Rabbinen durch ihren Tod den göttlichen Namen. Nur wenige wurden dort abtrünnig, die meisten retteten sich in die Häuser der Stadtbewohner und sind heute im Thurme. Kurz, im ganzen Reiche Valencia blieb kein Jude übrig außer in der Stadt Murviedro. Und in der Landschaft Katalonien blieb kein Jude übrig, außer in den Städten der Fürsten und Statthalter, die sich überhaupt nirgends an ihnen vergriffen. Durch Gottes Erbarmen sind wir heute im ganzen Lande Aragonien ungefährdet. Ein Ueberrest ist uns hier geblieben nach eifriger Fürsprache und vielen Opfern an unserem Vermögen : es blieb uns nur das nackte Leben. Und dennoch sind wir von Furcht erfüllt und erheben unsere Augen zu unserem Vater im Himmel', bis er sich unser erbarmt und uns Erlösung sendet von unseren Leiden und uns vor Unglück bewahrt. Amen. Ich bin der Mann, der das Elend geschaut unter seines Zornes Geißel, Chasdai, Sohn des Abraham, Sohn des Thasdai, Sohn des Jehuda Crescas, der hier schreibt, zu Saragossa, am 20. des Monats Marcheschwan 5152.*)" *) Abgedruckt im hebr. Original in rtnruD^ttf, Hannover, 1855, eck. Wiener. Seit jenen Ereignissen, die in dem vorstehenden Schreiben geschildert sind, hatte sich die Lage der spanischen Juden vollständig verändert. Ihr Selbstbewußtsein, ihr Mannesmuth war gebrochen, und wenn auch später noch einzelne am Hofe zu hoher Stellung 'gelangten, so hörten doch die Verfolgungen nie ganz auf. Und so kann man jene Begebenheiten des Jahres 1391 als das Vorspiel betrachten zu dem Drama, welches sichein Jahrhundert später auf der phrenäischen Halbinsel abspielte. — Aber was folgte auf die Vertreibung der Juden? Spanien sank immer mehr herab von seiner früheren Größe, ging immer schneller seinem Verfalle entgegen. Zur Zeit der Vertreibung der Juden stand es aus der Höhe seiner Macht, und kaum ein Jahrhundert später, da beginnt schon mit dem Abfalleder vereinigten Niederlande und mit dem unglücklichen Kriege gegen England der Verfall, und heute spielt Spanien unter dem europäischen Staatensystem eine kaum uenuenwerthe Rolle. Sollten diese Thatsachen, die eine so deutliche Sprache reden, nicht hinreichen, um jeden davon zu überzeugen, daß es ein gefährliches Unternehmen ist, die Glaubenseinheit mit Feuer und Schwert Herstellen zu wollen? Spanien stand damals in kultureller Beziehung über vielen europäischen Staaten, und dennoch vermochte es nicht die Wunde zu vernarben, die es sich selbst geschlagen hatte. Und die russischen Machthaber sollten wirklich so naiv sein, zu glauben, Rußland, das, was Kultur anbelangt, noch mehr ein asiatischer als ein europäischer Staat genannt werden kann, Rußland sollte soviel innere Kraft besitzen, um den Schlag zu verwinden, der ihm mit der Vernichtung eines so großen Theiles seiner Bürger zugefügt würde? Und auf die Vernichtung der Juden ist es abgesehen, daran kann nach dem, was man jetzt gehört hat, nicht gezweiselt werden. In edler Selbsttäuschung sehen die Russen nicht das gewaltige Grab, das sie selbst sich graben; ihr Nationalstolz verblendet sie so sehr, daß ihnen das entgeht, was jeder denkende Mensch klar vor Augen hat. Doch, „die Weltgeschichte ist das Weltgericht." Dieses ewig wahre Wort des deutschen Dichters, es wird sich auch an dem heiligen Rußland erfüllen, und unerbittlich wird die Weltgeschichte den Stab brechen über die, welche die natürlichsten Menschenrechte mit Füßen treten und die Menschheit zurückstoßen wollen in die Zeit des finsteren Aberglaubens und Fanatismus. — Die Judenfrage in Rußland ist, wie jüngst ein russischer Schriftsteller treffend bemerkte, eine Russenfrage; und die Geschichte wird sich mit dieser Frage beschäftigen, bis sie ihrer Lösung entgegengesührl ist, bis entweder der russische Koloß durch die vernichtenden Kräfte in seinem Innern zusammensinken wird, oder bis der siegende.Genius der Freiheit und der Menschlichkeit auch da sein Panier wird aufgepflanzt haben, wo jetzt noch die Dämonen der Finsterniß ihr Unwesen treiben. Denn dieser Geist läßt sich wohl unterdrücken, aber nicht erdrücken, er kann wohl zeitweilig unterliegen, um sich nachher mit desto größerer Gewalt zu erheben und seine Gegner zu zermalmen. Für den folgenden Theil ist die Redaction nicht verantwortlich.

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