Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-07-09 · Heft 54 (9.7.1891) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 54 (9.7.1891)
Date
1891-07-09
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448172--32412-2480256
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

XXXII. Jahrgang. Zweite Beilage!U M 54 >«* ^Israelit«, jlcfdjututt“ Zur Lage der Juden in Hlußkand. P et ersbürg, 30. Juni. Der Stadthanptmann Greffer hat angeordnet, daß, um dem unberechtigten Aufenthalt von „Hebräern" in der Residenzstadt vorzubeugen, die „hebräischen" Handwerker beim Verlassen von Petersburg sofort aus den betreffenden Zunftliften zu streichen und ihre Familien und Angehörigen an die Orte ihrer Seßhaftigkeit abzufertigen sind. Der „Nowoje Wremja" zufolge hat der Justizminister den Reichsrath ausgefordert, die Nothwendigkeit der Festsetzung außerordentlicher Strafbestimmungen gegen offene Angriffe eines Theiles der Bevölkerung gegen andere auf Grund von Religions-, Rassen- oder Klassenhaß oder irgend welcher wirthschaftltcher Beziehungen zu prüfen. Die Strafen sollen sehr streng bemessen werden: Deportation nach Sibirien, Einreihung in ein Strafbataillon auf acht Jahre rc. Die „Now. Wrem." äußert die größte Ueberraschung über diesen Schritt, zu dem jeder Anlaß fehle, und in der That, so heuchlerisch das Staunen der „Now. Wrem." ist, so erklärlich ist cs doch andererseits, angesichts des Verhaltens der russischen Regierung selbst gegen die Protestanten in den Ostseeprovinzen 2c. und gegen die Juden, daß ein Blatt wie das genannte sich hinter diesem Verhalten zu verstecken sucht. Die Erklärung des anscheinend widerspruchsvollen Verfahrens der russischen Regierung liegt offenbar darin, daß sie die Leitung der nationalistischen und orthodoxen Verfolgung fest in der eigenen Hand halten will. Den nächsten Anlaß zu dem Schritte des Justizministers scheint eine vor etwa zwei Wochen stattgehabte sehr starke Ausschreitung gegen die Juden in dem Orte Makavinka, Gouvernement Jekaterinoslaw, gegeben zu haben. In dem russischen Gouvernement Cherson haben jüngst von Blutvergießen begleitete ernste Judenhetzen stattgefunden. In Scheragefka unweit Odessa fand während des Jahrmarktes ein augenscheinlich verabredeter, plötzlicher Angriff auf die Juden statt, deren Läden geplündert wurden. Die Juden flüchteten, viele wurden verwundet. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Offenbach, 26. Juni. Das hiesige Schöffengericht hatte sich in seiner heutigen Sitzung mit einer Beleidigungsklage zu befassen, die einen antisemitischen Untergrund hat. Angeklagt sind die Gastwirth Baier Eheleute in Groß-Steinheim, welche um die Fastenzeit einen Wagen durch verschiedene Straßen des Ortes fahren ließen, auf welchem sich zwei aufgeputzte Puppen befanden, die einen dortigen israelitischen Einwohner und dessen Schwiegermutter darftellen sollten. Dabei befand sich ein Plakat mit den Worten „Der Galgen den Wucherern." Die beiden Israeliten fühlten sich beleidigt und stellten Strafantrag. Die Staatsanwaltschaft nahm, wie dies bei antisemitischen Hetzereien jetzt im Großherzogthum Hessen immer geschehen wird, das Vorhandensein eines öffentlichen Interesses an und erhob öffentliche Klage. Die Verhandlung dauerte mehrere Stunden und endete mit Verurtheilung der beiden Angeklagten in eine Geldstrafe von je 60 Mark und in die nicht unbedeutenden Kosten. Berlin, 27. Juni. Jüdische Studenten aus Rußland haben an das Centralcomittz zur Unterstützung russischer Juden in Berlin eine Petition gerichtet, in welcher sie ausführen: Die Maffenvertreibung der Juden aus Rußland, die sich auf arme und reiche, gebildete und ungebildete Juden erstreckt, uöthigt den Gedanken auf, daß nur durch eine organisirte Kolonisation Abhilfe geschafft werden kann. Es muß dazu ein jüdischer Bauernstand gegründet werden, der nicht nur aus den dürftigen Klassen gebildet wird, sondern an dem auch der Mittelstand theilnimmt und die gebildeten Elemente Theil haben. Und zu einer solchen Kolonisation empfiehlt sich vor allen anderen Ländern Palästina, welches 1) schwach bevölkert ist und daher die Kolonisation erleichtert, der auch die türkische Regieruug kein Hinderniß in den Weg legen würde: welches 2) äußerst fruchtbar und vom Klima begünstigt ist, und 3) wegen seiner Lage die Kolonisten zum Ackerbau zu greisen nöthigt, da es dort keinen Handel giebt. Der Versuch landwirthschaftltche Kolonien von Juden in Nordamerika zu gründen, ist eben daran gescheitert, daß die Kolonisten bald nach den Städten hinzogen, um dort Handel zu treiben. Endlich würden die historischen Erinnerungen, welche sich für die Juden an Palästina knüpfen, es den Einwanderern leichter machen, vom Handel zu Ackerbau überzugehen. O esterr. - Ungar. Monarchie. Wien, 30. Juni. In der heutigen Reichsrathssitzung erwiderte der Unterrichtsminister in seinen Ausführungen gegen den Abg. Dr. Lueger Folgendes: Endlich wurde auch erzählt, daß da und dorr an Schulen der bedauerliche Vorfall der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.