Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 54 (9.7.1891)
- Date
- 1891-07-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1001 „Wohl hielte ich es an der Zeit, doch nicht am Ort." „Nicht hier? — nicht in der Hauptstadt des türkischen Reiches?" Jachini schüttelte den Kopf. „Nicht hier, wo auf allen Zinnen der Halbmond weht, nicht hier, wo der Sultan, umgeben von seinen Janitscharen —" „Gut. gut — ich bestehe nicht darauf, mich hier zu offenbaren. — Doch wohin sollte ich mich wenden? — was glaubst Du? — sprich." „Laß' mich erwägen." Jachini saß einige Minuten sinnend da. „Daß der Halbmond hier auf allen Zinnen weht, das hätte im Grunde wenig zu sagen — aber in unmittelbarer Nähe des Sultans —", er schüttelte den Kopf. — „Und überdies, unsere Glaubensgenossen hier haben sich weit weniger mit dem Studium der Kabbalah befaßt, als z. B. unsere Glaubensgenossen in Salonichi." „Wenn Du glaubst, daß ich mich zuerst in Salonichi offenbaren sollte, so machen wir uns auf und ziehen nach Salonichi." Jachini neigte zustimmend das Haupt. „Ich bin bereit, mein Herr und König hat zu befehlen." „Nenne mich noch nicht Herr und König." wehrte Sabbatai bescheiden, „noch bin ich weder das Eine, noch das Andere." „Du bist beides," rief Jachini mit Applomb, „nur der Welt gebricht es noch an Einsicht, Dich zu erkennen." „Du zweifelst auch, daß unsere Glaubensgenossen in Salonichi an mich glauben werden?" „Daß Dich Viele sofort anerkennen werden, das bezweifle ich durchaus nicht. — Wessen Geist eingedrungen ist in den Geist jener Wissenschaft, in der Du Meister bist, der wird, der muß Dir glauben." — „So laß' uns ehestens nach Salonichi ziehen." „Ich sagte es schon, ich bin bereit zu jeder Zeit. — Allein —" „Weßhalb unterbrichst Du Dich? — was wolltest Du sagen? — sprich." „Sobald Du zur Herrschaft gelaugt sein wirst, sobald das ganze Volk Dir huldigen wird, sobald werden auch von allen Seiten Dir Mittel zur Verfügung gestellt werden — doch bis dahin — hätte ich zehnmal Zehntausende, ich würde sie alle Dir zu Füßen legen." „Ich bedarf der Mittel Anderer nicht," entgegnete Sabbatai stolz, „mein Vater ist reich, er sendet mir zehnmal mehr, als ich gebrauche." „Dann laß' uns in den nächsten Tagen die Reise nach Salonichi antreten, dann werde ich um Deinetwillen meine Angelegenheiten hier unterbrechen." Noch lange besprachen die Männer ihr Vorhaben nach allen Richtungen hin. Daß Sabbatai von Haus aus mit Geld versorgt war, das hatte Jachini vermuthet, daß ihm jedoch solch' bedeutende Summen zu Gebote standen, das hatte er nicht geahnt. — Doch um so besser. Sie waren schließlich übereingekommen, gleich am ersten Tage der kommenden Woche ihre Reise anzutreten, bis dahin hofften beide, die unerläßlichen Vorbereitungen beendet zu haben. Die Nacht war schon ziemlich weit vorgerückt, als Sabbatai endlich, von Jachini geleitet, den Heimweg antrat. An der Thüre seiner Wohnung trennten sie sich mit warmem Händedruck. Es war ein überaus seltsames Lächeln, mit dem der ältere Mann dem jüngern nachblickte und entsprach in keiner Beziehung der demuthsvollen Ehrerbietung, mit der er ihm vorhin begegnet war. Sabbatai jedoch war mit elastischen Schritten feinem einsamen Zimmer zugeeilt; verlangte es ihn doch vor allem, nochmals jene ihn beseligende Prophezeiung zu lesen, die seinen letzten Zweifel an sich hatte verschwinden machen. Rasch hatte er sein Feuerzeug gefunden und eine Wachskerze in Brand gesetzt, und dann zog er sie hervor, jene Pergamentrolle, die er sich von Jachini hatte schenken lassen und las sie abermals. Die Schrift deutete auf ihn hin, darüber war kein Zweifel, war doch sein Name, sowie sein Geburtsjahr genannt — und wenn sie, wie Jachini behauptete, bereits tausend Jahre alt sein konnte — daß sie sehr alt sein müßte, das unterlag gleichfalls keinem Zweifel, die Art des Pergaments, die seltsam verschnörkelten Schriftzeichen — er hatte nie ähnliche gesehen — und wenn Jachini, der ein Kenner ist, behauptet, daß sie tausend Jahr alt sei, so hat er sicherlich seine Gründe zu dieser Annahme. — Aber wenn sie auch nur fünfhundert Jahre alt wäre, oder auch nur hundert — ja, wenn sie auch nur vor fünfzig Jahre geschrieben wäre, sie hätte jeden Unbefangenen — und Sabbatai war doch sicherlich ein Unbefangener — von seiner göttlichen Sendung, von der Wahrheit seiner Messianität überzeugen müssen. — Seit vielen Wochen hatte der junge Mann sich nicht so stolz gefühlt, so hochbeglückt. — Wieder und immer wieder las er die glückselige Verheißung. Der Morgen grauete schon, in Sabbatai's Auge war kein Schlaf gekommen und dachte er auch noch nicht daran, sein Lager aufzusuchen. Aber seine Bücher hatte er hervorgesucht, jene Bücher, in denen er in jüngster Zeit nur mit Unlust geforscht, jetzt sehnte er sich nach ihnen, wie nach lang entbehrten Freunden. Und — seltsam! — Noch hatte