Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 53 (6.7.1891)
- Date
- 1891-07-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXll. Jahrgang. Beilage ,u M 53 des „Israelit«, Ieschurun" Leitender Artikel. Zur Würdigung der Hagesfragen. Von Isaak Hirsch. (Schluß.) Die Wahrhaftigkeit der jüdischen Lebensaufgabe in der Ausgestaltung des Gemeindelebens ist der einzige, feste Untergrund des Gemeindefriedens, sie allein sichert die Erhaltung der Gemeinde-Einheit nicht nur, sondern sie allein ist überhaupt das Band, welches die Einzelnen zu einem Gemeindekörper zu vereinigen und dessen Bestand zu erhalten vermag. Wohin wären wir gelangt, wenn nicht diese Wahrhaftigkeit bei unseren Vorfahren die sorgsamste, hingebenste Pflege gefunden hätte, wenn sie ihnen nicht als das höchste Gut gegolten, für welches kein Opfer zu groß erschienen wäre? Diese Wahrhaftigkeit war das Einzige, das sie aus dem Zusammensturz des selbstständigen Staatswesens mit hinausnahmen in die Zerstreuung. Das jüdische Reich und der Tempel auf Zion stürzten zusammen, weil in Staat und Tempel diese Wahrhaftigkeit getrübt war, weil die einzige jüdische Lebensaufgabe verkannt worden und das Leben in schreienden Gegensatz sich gestellt hatte zu dem hohen Ideal der jüdischen Pflicht. Diese Erkenntniß lebte in dem Bewußtsein der aus Judäa in alle Ende der Windrose zersprengten Söhne Israels. Diese Erkenntniß ließ sie überall, wohin die Wogen der Geschichte ein Häuflein von ihnen verschlug, kleinere und größere Gemeinwesen einrichten, welche der einzigen jüdischen Wahrheit zum lebensvollen Ausdruck zu verhelfen, einzig und allein gewidmet waren. Dies ist der wunderbaren Erhaltung Israels Erklärung. So lange es seiner von Gott gegebenen Aufgabe treu bleibt, so lange es sich diese in voller Integrität zu bewahren gewillt ist, so lange trotzt es allen Stürmen, so lange ist seine Lebenskraft unverwüstlich. Das hatten unsere, von der hochmüthigen Beschränktheit einer unwissenden, unerleuchteten Zeitgenoffenschaft „naiv" gescholtenen Vorfahren erkannt; darum ward ihnen das Gemeindeleben zum festen Schirm und Schutz nicht nur, sondern zu einem Born der geistigen Erholung, zu einem nimmer versiegenden Quell, aus welchem jeder Einzelne den Labetrunk für die im Kampfe mit den feindlichen Mächten erlahmende Seelenkraft schöpfte. Und wir sollten in der Gegenwart diese Wahrhaftigkeit uns trüben lassen dürfen? Wir sollten ein williges Ohr den Lockrufen leihen, welche uns zu bethören suchen, daß eine neue Zeit uns eine neue Wahrheit zu bringen hätte, daß wir das Judenthum zu reformiren hätten, um uns die bürgerliche Gleichheit und Freiheit zu sichern?? Ist also der Gottesruf zu deuten, welcher aus dem Trübsal der Gegenwart zu uns dringt? Wenn heute der alte Haß und das alte Vorurtheil unsere bürgerliche und staatliche Gleichstellung aufs Neue bedrohen, dann sollten wir uns veranlaßt glauben, Untreue und Verrath an der jüdischen Lebensaufgabe zu üben, dann sollten wir nicht vielmehr darin eine Mahnung erblicken, daß diejenigen geirrt haben, welche zu Anfang dieses Jahrhunderts die Emancipatton zu erlangen gehofft um den Preis der Treue gegen das Gottesgesetz?? Und wenn heute ein Schrei der Entrüstung über die brutale Bedrückung unserer russischen Brüder alle jüdischen — und Gottlob auch alle edleren nichtjüdischen — Kreise durchzieht, dann könnte es etwas anderes geben, was unsere, aus ihrer unwirthlichen Heimath flüchtigen Brüder zur Begründung und Erhaltung in eine neue, leider noch nicht erspähte, Heimath mitzuretten hätten, als die Wahrhaftigkeit der jüdischen Lebensaufgabe?? Andererseits ist es aber nicht minder eine Täuschung, die da wähnt, daß die wahre Blldung und die echte Wissenschaft, welche, von unseren nichtjüdischen Brüdern gepflegt, unserm Zeitalter zur Zierde gereicht, nicht freudigen Sinnes von uns begrüßt und angeeignet werden können, weil das Judenthum dieser Bildung und Wiffenschaft feind sei und nur nothgedrungen und widerwillig der wahrhaft „orthodoxe" Jude sie sich zu eigen machen könne. Macht nicht das glänzende, durch die Jahrtausende leuchtende Beispiel der hehren Gestalten, welche nach dem ersten Zusammenbruch unseres Staatswesens das Rettungswerk an uns vollbrachten und nach dem zweiten, als die Weisen und Großen, als die Führer und Lehrer unseres Volkes unter uns erstanden, diese beschränkte Anschauung zu Schanden? Wie standen sie, die Daniel, Nehemia, Esra und Mordochai, R. Jehuda, Akiba, Samuel, Saadta, Hat, Maimonides u. s. w. zu der Wissenschaft, Bildung und den politischen und sozialen Größen ihrer Zeit? Soll denn immer wiederum daran erinnert werden müssen, daß es keine wahre Gesittung, Bildung und Wissenschaft geben kann, welche mtt der höchsten Wahrheit und Wissenschaft, wie sie das Judenthum lehrt, kollidtren können? Es ist nicht wahr, daß das Judenthum nur in der Absonderung und unter dem Drucke