Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-07-06 · Heft 53 (6.7.1891) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 53 (6.7.1891)
Date
1891-07-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448171--32381-2480224
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

SSI den auch etwas anders, wie der Schreiber, was ich ebenfalls zu beweisen im Stande bin. Berlin 0., Stralauerstr. 12. Prediger L. Wolfs. Zur Lage der Juden in Wußland. Wie man der „Pol. Corresp." aus St. Petersburg meldet, hat die Specialcommisfion im Ministerium des Innern, welche mit der Berathung eines Gesetzes für die Regelung der Verhältnisse der Juden in Rußland betraut wurde, die bezügliche Vorlage bereits ausgearbeitet, so daß dieselbe nunmehr im Reichsrathe zur Verhandlung gelangen wird. Die 38 Eingaben, in welchen fremde, bisher in Warschau und anderen Städten des Königreichs Polen ansässige und nunmehr ausgewiesene Juden um Verlängerung der ihnen zur Abwicklung ihrer Geschäfte bewilligten Frist angesucht haben, sine, wie dieselbe officiöse Quelle berichtet, abschlägig beschieden worden. Aus den russischen Ostseeprovinzen schreibt man dem „M. D." unter dem 1. (13.) Juni: Die Maßregeln gegen die Juden haben in Libau ein vollständiges Stocken der Geschäfte zur Folge gehabt. Mehrere tausend Familienväter wissen nicht, wo sie am nächsten Tage ihr Haupt hinlegen werden. Wenn die Libauer Polizei bisher auch nur wenige, und dazu fast ausschließlich flottirende Elemente aus der Stadt entfernt hat, so herrscht unter den übrigen Hebräern doch eine vollständige Ungewißheit über ihre Zukunft. Jeder einzelne Fall muß vor die Polizei, und erst nach langen Weiterungen ist die Aufenthaltsberechtigung zu erlangen. Auf der Börse ist in den letzten Tagen fast kein einziger jüdischer Kommissionär zu erblicken gewesen. Wer da weiß, daß die Getreidezufuhr Libaus 'fast nur durch die Hände der Kommissionäre geht, der wird sich darüber klar sein, was für einschneidende Folgen der Wegfall dieses wichtigen kommerziellen Faktors für das ganze Geschäft haben muß. Jüdische Badegäste, die früher in großen Schaaren kamen, werden nicht mehr zugelassen. Von allen öffentlichen Vergnügen halten sich die Juden auf freier Verabredung fern. Nach einer aus Odessa eingelaufenen Meldung der Daily News ist zwischen der russischen Regierung und der heiligen Synode ein Confiict bezüglich der Ausnahme von Juden in die orthodoxe Kirche entstanden. Nach den neuesten Verfügungen der Synode darf kein Jude zur orthodoxen Kirche übertreten, weil ein Glaubenswechsel für materielle Zwecke in höchstem Grade unsittlich sei. Der Justizminister erließ darauf ein Rundschreiben an die Procuratoren, welches dieselben anweist, den bekehrten Juden alle Rechte und Privilegien der orthodoxen Bürger zu gewähren, da die Thatsache, daß sie den christlichen Glauben angenommen, ihre Sittlichkeit unzweifelhaft darthue. Aus Bodenbach wird unterm 25. v. M. gemeldet: 177 russischen Juden wurde gestern von der deutschen Grenzbehörde die Weiterreise nicht gestattet, weil sie keine Schiffskarten besaßen. Der israelitische Cultusverein und die gesammte jüdische Bevölkerung wetteiferten in der Theilnahme für die Auswanderer. Die Brauerei-Verwaltung des Statthalters Graf Thun lieferte Stroh für Nachtlager, der Turnverein überließ aus Veranlassung des Bürgermeisters Per lick die Turnhalle, Christen und Juden brachten Geld, Kleider und Viktualien. Heute kam Dr. Bendiener aus Prag, dann Herr Jacob Saal, Vertreter der israelitischen Alliance aus Wien. Man telegraphirte an die deutsche Botschaft in Wien und an das CentraVHilfscomits in Berlin. Abends lief eine Depesche des sächsischen Ministeriums ein: „Die Weiterreise ist gestattet." Die Abreise erfolgt morgen Früh. Unter den Auswanderern sind viele Frauen und kleine Kinder, auch einige Kranke. Nach einer Warschauer Meldung ist zahlreich dort und in anderen Städten Russisch-Polens auf Grund der Aufenthalts-Bewilligung lebenden Ausländern jüdischer Confession bedeutet worden, nach Ablauf der Präclusivfrist Rußland zu verlassen, und zwar ohne Rücksicht daraus, ob es ihnen bis zu jenem Zeitpunkte gelingt', ihre Geschäfte zu erledigen oder nicht. Die Judenausweisungen werden in den Grenzgebieten Rußlands mit kosakischem Nachdruck betrieben. Am 20. v. M. langten in Ostpreußen acht Familien an, welche seit 12 bis 15 Jahren als Dachdecker und Schindelfabrikanten arbeitssam in Rußland lebten. (Also kein „Schacher-Jude"). Innerhalb 36 Stunden mußten sie ihre Wohnorte verlaffen: eS blieb ihnen nichts übrig, a7z ihr Eigenthum zu verschenken. Große Schindelvorratyl im Werthe von mehreren tausend Rubeln wurden von den Russen verbrannt, weil sie den geforderten Preis zu hoch fanden. Die verarmten Leute reisen nach Amerika. Ihre Erzählungen überbieten die bisherigen Schilderungen russischer Willkür. Der Strom der russischen Auswanderer, der nicht blos Juden, sondern auch Deutsche der Ostseeprovinzen nach dem Westen bringt, hat sich zum größeren Theil nach England gewandt, wo die Vertriebenen entweder verbleiben, oder ihre Ueberschiffung nach Amerika abwarten. Um den mit den englischen Verhältnissen nicht vertrauten Fremden Enttäuschungen zu ersparen, lenkte, wie der „Standard" mittheilt, Lord Salisbury jüngst die Aufmerksamkeit des britischen Botschafters in Berlin auf die Klagen über die Judenauswanderung und wies ihn an, die nothleidenden Juden warnend darauf aufmerksam zu machen, daß die Arbeitsmärkte in England bereits überfüllt seien. Sir Edward Malet wandte sich an Bleichröder, der ihn versicherte, daß alle Anstrengungen gemacht würden, um arme, russische Juden an der Auswanderung nach England zu hindern. Zeitungsnachrichten und Correfpondeuzen. Deutschland. Mainz, 3. Juli. Das unsägliche Elend unserer Brüder und Schwestern im russischen Reiche hat eine Steigerung erfahren, die herzzerreißend ist. Man weiß, daß die harten gesetzlichen Maßnahmen darauf abzielen, die in dem weiten Reiche zerstreuten Millionen von Unglücklichen in einem wenige Quadratmeilen umfassenden Rayon zusammen zu pferchen und dort die Zusammengepferchten der Verkümmerung zu überantworten. In diesem eigenartigen Ghetto herrscht in Folge dessen eine Ueberfüllung, die aller Beschreibung spottet. Daß mehrere Familien ein einziges Zimmer zusammen bewohnen ist in Folge der täglich neu zuströmenden Verjagten schon längst eine ganz gewöhnliche Erscheinung. Jetzt aber sind mehrere dieser fast von Juden überfüllten Orte ganz oder theilweise durch Feuersbrünste eiugcäschert worden, so daß nahezu 10,000 jüdische Menschen Tag undNacht ohne Aus-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.