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Der Israelit · 1891-06-25 · Heft 50 (25.6.1891) · page 23

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 50 (25.6.1891)
Date
1891-06-25
Page
– (sequence 23)
Language
German
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941 Er sprengte dem Haine zu, der durch einen Bretterzaun gegen fremde Eindringlinge geschützt, friedlich dalag. Die Vögel zwitscherten vergnügt in den Zweigen der Bäume; aus niedrigem Strauchwerk erklang in schmelzenden Tönen der herrliche Gesang der Nachtigall, während zahme Rehe mit ihren dunkeln Augen neugierig auf die Nahenden blickten. Idyllische Ruhe und himmlischer Friede waren über das ganze Besitzthum ausgebreitet, und als sich nun ein leiser Wind erhob, säuselte es seltsam in den Wipfeln der Oliven und der Palmen, gerade als ob sich die Blätter gegenseitig ein süßes Geheimniß mittheilen würden. Um zum Eingänge zu gelangen, mußte die Gesellschaft noch eine Strecke weiter reiten. Endlich hatte man die Eingangspforte, bei welcher ein Neger von hünenartiger Gestalt Wache hielt, erreicht. „Oeffne die Pforte, Du Hund von einem Sclaven", rief ihm der Scheich schon von Weitem zu. Doch der Neger that, als ob er nicht höre und verstehe und verzog nur, ohne sich zu rühren, das Gesicht zu einem häßlichen Grinsen. Omar sah schon die Nöthe des Zornes im Gesichte seines Herrn aufsteigen; da rief er dem Sclaven einige Worte in einer fremden Sprache zn, worauf dieser aufsprang, die Pforte weit aufriß und mit über der Brust gekreuzien Armen sich verneigend, den Reitern Einlaß gewährte. Sofort eilten einige Sclaven herbei, welche den Reitern die Pferde abnahmen, während Omar mit dem Wache haltenden Neger sprach, der einen Sclaven nach seinem Herrn sandte, um diesen von der hohen Ehre, die seiner harrte, zu benachrichtigen. „Du scheinst ja das Wort gefunden zu haben, welches alle Thüren öffnet", sprach der Scheich zu Omar; „sage mir doch, welcher Sprache gehört dies Wort an." „Nein, hoher Scheich," versetzte Omar, „dieses Wort kenne ich nicht. Aber ich weiß, daß Ali, dieser Sclave nur die Sprache der Franken versteht, wählend er selbst stumm ist." Hier wurde das Zwiegespräch unterbrochen. Iussuf, der Jude, erschien, gefolgt von einigen Sclaven, die F ächte und Erfrischungen trugen. Es war eine hohe Gestalt, die noch ungebeugt die Last der Jahre trug. Ein langer, weißer Bart umrahmte sein edles Antlitz, tiefschwarze glänzende Augen blickten furchtlos unter den buschigen Augenlidern hervor und musterten die vor ihm stehende Gesellschaft. Ein bis fast zur Erde reichender Kaftan hob sein ehrwürdiges Aussehen noch mehr, und als er sich mit dem Anstande eines Veziers vor dem Scheich verneigte und ihn in gewählter Sprache willkommen hieß und sich glücklich pries, der hohen Ehre eines Besuchs seines Herrn gewürdigt zu werden, blickte ihn der Scheich erstaunt an. „Du bist der Jude Jussns?" fragt ihn barsch der Gewaltige. „So ist es, mein Herr und Gebieter; ich bin Iussuf, Dein Diener." „Wieso kommt es, daß ich Dich noch nie gesehen?" „Herr," entgegnete Iussuf, „Deine Unterthanen sind so zahlreich, daß der Einzelne in der Masse verschwindet." „Das ist eine ausweichende Antwort, Jude; Dich hätte ich nicht übersehen. Du scheinst kein gutes Gewissen zu haben." „Ich gehe selten aus, Herr! Mein Olivenwald, mein Haus, mein Garten sind meine Welt." Der Scheich blickte sich forschend um und fragte dann weiter. „Und Du hausest hier allein?" Iussuf zögerte eine Sekunde; dann blickte er den Scheich forschend an und sagte: „Es ist so wie Du sagst, mein Gebieter; ich hause hier allein mit meinen Sclaven. In diesem Augenblick ertönte eine prachtvolle Frauenstimme in der Nähe; sie sang eines jener innigen deutschen Lieder, die in schwermüthiger Weise das süße Glück der Heimath preisen. Alle blickten sich verwundert um und lauschten mit Wohlgefallen dem herrlichen Gesänge. Nur Iussuf erblaßte und sein stummer Diener Ali schlich sich mit allen Zeichen des Schreckens auf einen Wink, den Iussuf ihm mit den Augen gab, unbemerkt hinweg, worauf der Gesang alsbald verstummte. Sinnend stand der Scheich da und niemand wagte es, die herrschende Stille zu stören. Im Inneren des Herrschers arbeitete es gewaltig und drohende Wolken zogen herauf und lagerten auf seiner finsteren Stirne. Was mochte es sein, das seine Seele so erregte? Wer konnte es wissen! Lange, lange Zeit ist cs her, daß er diesen Gesang vernommen. Wie ein Traum klingt er herüber aus einer fernen, fernen Zeit, aus fernem, fernem Lande. — Er sah, ein lieblich Frauenantlitz sich über ihn beugen, hörte die liebe Srimme — daraus hin Stimmengewirr, fluchen und schelten — vorüber, längst vorbei. Er fuhr mit der Hand über seine Augen und blickte Iussuf drohend an. Iussuf hielt den Blick muthig aus. Ali war nicht mehr da; nun wußte er, daß die schöne Sängerin, seine einzige Tochter, längst geborgen war, und deßhalb erschrack er auch nicht, als der mißtrauische Scheich ihm befahl: „Zeige mir Dein Haus." Iussuf verneigte sich und bat den Scheich, ihm zu folgen. Sie gingen durch einen herrlichen Garten. Rechts und links blühten die schönsten und seltensten Blumen, während plätschernde Spring- Nr. 50, S. 939/940 ist bereits zwischen S. 934/935 eingebunden.

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