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Der Israelit · 1891-06-25 · Heft 50 (25.6.1891) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 50 (25.6.1891)
Date
1891-06-25
Page
– (sequence 20)
Language
German
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936 Rußland. Petersburg, 16. Juni. Der „Nowoje Wremja" zufolge fanden im Ministerium des Innern Berathungen über die Judenfrage statt, an welchen die General-Gouverneure von Kiew, Warschau und Wilna theilnahmen. Die Vorschläge dieser Conferenzen sollen dem Reichsrathe vorgelegt werden. Die Berliner Volkszeitung berichtet aus Odessa, dort und in der Provinz kündigen christliche Arbeitsgeber ihren jüdischen Bediensteten und weigern sich die Hausbesitzer, Juden Wohnungen zu vermiethen. Man schreibe diese Maßregel einem geheimen Befehl der Regierung zu. Türkei. Koustantiriopel, 4. Juni. Gegenüber den griechischerseits und von sonstiger offiziöser Quelle verbreiteten Mittheilungen, daß in Korfu wieder alles in schönster Ordnung sei oder doch bald wieder sein werde, wird mir von erster diplomatischer Stelle das Schreiben eines hochgestellten Korfioten zugänglich gemacht, welches die Verhältnisse doch in einem wesentlich andern Lichte erscheinen läßt. Ich gebe die Mittheilung der die höchste Glaubwürdigkeit verdienenden Persönlichkeit in getreuer Uebersetzung, nur mit den zur Verbergung der Urheberschaft erforderlichen geringfügigen Aenderungen. Der Brief ist vom 28. Mai. . . . „Diese Leiden haben ihr Ende noch nicht erreicht. Ungeachtet die Zeitungen melden, daß die Ruhe vollständig wiederhergestellt sei, handelt es sich damit doch nur um einen fragwürdigen Zustand. Furcht und Schrecken haben sich aller Bewohner bemächtigt und fast alle israelitischen Familien gehen mit der Absicht um, sofort oder demnächst die Insel zu verlassen. Ein gutes Viertel der Gemeinde ist bereits ausgewandert und die übrigen bereiten sich auf ihr Scheiden mit einer Ueberftürzung vor, welche alle ihre Interessen in unberechenbarer Weise schädigt. Die Leute fühlen sich auf diesem Boden nicht mehr sicher. Die Regierung hat zwar verschiedene wirksame Maßregeln zur Vertheidigung der Juden ergriffen, aber sie kann die Bevölkerung nicht zwingen, ihre Gefühle für die Juden zu ändern. Diese werden einerseits eingeschüchtert, anderseits wird ihnen freundschaftlicher Rath ertheilt, der aber immer nur dahin geht, sie zum Verlassen der Insel zu bewegen. Die Presse in Athen und in der Provinz thut das ihrige, um die ohnehin schon in jeder Beziehung unduldsame Bevölkerung noch mehr zum Haß gegen die Juden anzufeuern. Die Stimme gerechtdenkender Menschen läßt sich leider nicht oft genug hören, während die Einflüsterungen der Fanatiker ihre verderbliche Wirkung üben auf den erregten Pöbel. Die gegenwärtige Lage der Stadt ist nicht dazu angethan, die jüdischen Arbeiter zur Wiederaufnahme ihres gewohnten Erwerbes zu veranlassen, der ihnen ohnehin zum größern Theil bereits von den Nicht- Juden abwendig gemacht worden ist, welche den jüdischen Handelsleuten nicht einmal die Freiheit lassen, ihre Glaubensgenossen als Gepäckträger oder sonstige Geschäftsbedienstete anzustellen. Es folgt daraus, daß sehr viele dieser letztem sich im äußersten Elend befinden und auf die öffentliche Wohlthätigkeit angewiesen sind. Ein kleiner Theil solcher, dem es widerstrebt hat, von Almosen zu leben, hat sich bereits nach Konstantinopel begeben, in der Hoffnung dort Arbeit zu finden. Andere sind nach Amerika abgereift oder werden es demnächst thun: ihre Rückkehr nach Korfu ist für immer ausgeschlossen. . . ." Inzwischen sind hier wiederum einige zwanzig jüdische Familien aus Korfu angekommen. > vermischtes. <i- Hultfchin O. S. Am 10. d. M. beging das Synagogendiener Stein er'sche Ehepaar das Fest der goldenen Hochzeit. Der Gemeinde-Vorstand übermittelte die Glückwünsche und ein prächtiges Geschenk der Gemeinde. Herr Rabbiner Dr. Blumenthal aus Ratibor hielt die Festrede in der blumengeschmückten Synagoge. Budapest, 1. Juni. Die hiesige Chewra-Kadischa verausgabte im vergangenen Jahre für das Siechenhaus 11,344.84 fl, für das Krankenhaus 11,163.50 fl. für Armen- Unterstützung 33,383.54 fl., insgesammt 58,891.88 fl. Pardubitz, 9. Juni. Gestern schwebte hier ein christlicher Knabe in der Gefahr des Ertrinkens, sein Vater sprang ihm nach und versuchte ihn zu retten, allein dadurch kam er selber in Lebensgefahr. Die beiden Ertrinkenden schrieen um Hilfe. Als aber von den am Ufer stehenden christlichen Personen keiner wagte, rettend einzutreten, sprang ein wackerer junger Israelit, Namens Adolf Woh-- ryzek, Producten-Händler, Sohn einer hiesigen achtbaren Familie, trotz großer Gefahr, sich blos seines Rockes entledigend — denn zum weiteren Auskleiden war nicht mehr Zeit -- ins Wasser und rettete nach hartem Kampf und großer Mühe die beiden schon Bewußtlosen. Stampfen, 8. Juni. Herr Sigmund Geiringer aus Wien ließ zum Andenken an seine verstorbenen Eltern die hiesige Synagoge vollständig renoviren. Dank seiner edelherzigen Freigebigkeit wurde ein so esfectvolles Werk geschaffen, daß es zu den hiesigen Sehenswürdigkeiten gezählt werden kann. Gestern fand die Einweihungsfeier dieses Gotteshauses statt. Bei dieser Gelegenheit legten sowohl die Comitatsbehörde wie auch unsere christlichen Mitbürger durch ihr Erscheinen zu dieser Feier einen Act wahrer, echter Toleranz an den Tag, der dem brüderlichen, einträchtigen Zusammenleben der verschiedenen Confessionen der hiesigen Gesellschaft ein wahrhaft glänzendes Zeugniß ausstellt. Alexandrien. Bis jetzt sind hier ca. zwanzig aus Korfu flüchtig gewordene Juden cingetroffen. Ueber Anregung unseres Großrabbiners Hasan wurde hier sogleich eine Geldsammlung für unsere unglücklichen Brüder in Korfu eingeleitet, die 4000 Francs ergab. Baron Jakob Menasce spendete allein 500 Francs. Für den folgenden Theil ist die Redaction nicht verantwortlich.

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