Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-06-25 · Heft 50 (25.6.1891) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 50 (25.6.1891)
Date
1891-06-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448168--32324-2480164
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXX11. Jahrgang. Q£? ft t Anlage ui M 50 ins „Israelit & Irschurun" Leitender Artikel. Die „Neue Preutz. Zeitung" und die jüdische Elementarschule. 8. Die Beschlüsse der Konferenz der isr. Lehrer von Rheinland-Westfalen geben der „N. Pr. Ztg." zu einem antisemitischen Hctzartikel Veranlassung, dem wir, da uns derselbe von befreundeter Seite zugeschickt wurde, einige Worte der Entgegnung widmen wollen. Im Allgemeinen finden wir cs unter unserer Würde, eineiu Blatte zu erwiedern, das mit Wissen und Willen zu hetzen gewohnt ist; aber heute lobt uns dieses Blatt und ein Lob aus seinem Munde beschmutzt und besudelt mehr, als wir auszudrücken vermögen. Darum verwehren wir uns entschieden, von der „N. Pr. Ztg." gelobt zu werden. Doch zur Sache. Die Konferenz der isr. Lehrer in Rheinland und Westfalen zu Münster stellte folgende Leitsätze auf : 1. Die bestehenden jüdischen Elementarschulen sind zu erhalten. 2. An denjenigen Orten, wo eine genügende Anzahl jüdischer Kinder vorhanden ist. ist eine eigene jüdische Elementarschule zu erstreben. 3. Es ist dahin zu streben, daß diesen Volksschulen der Character der öffentlichen Schule verliehen werde. 4. An denjenigen Schulen, wo die jüdischen Kinder die allgemeinen Ortsschulen besuchen, ist eine Religionsschulc einzurichten, deren Besuch für die jüdischen Schüler obligatorisch ist. An diese Resolutionen knüpft die ,,N. Pr. Ztg." folgende Bemerkungen: „Wir können nicht umhin, über jenen Beschluß der jüdischen Lehreroersammlung unsere hohe Befriedigung auszusprechen. Von vornherein bemerken wir, daß wir selbstverständlich jede verletzende Behandlung jüdischer Schüler seitens ihrer Mitschüler „wegen ihrer Konfession" mißbilligen, so wie wir auch eine solche seitens ihrer Lehrer streng verunheilen. Freilich müssen wir eine Betheiligung der Lehrer an einem derartigen Verhalten so lange bezweifeln, bis wir zuverlässige Beweise dafür haben. Denn wir sind gewöhnt, daß, so wie auch nur ein einziger Jude in irgend einem Winkel unseres Vaterlandes nicht rücksichtsvoll genug behandelt wird, die ganze Judenpresse den Fall haarklein erzählt und sich der verfolgten Unschuld annimmt. Dagegen wollen wir gerne glauben, daß die jüdischen Schüler in simultanen Volksschulen ihren Mitschülern gegenüber nicht immer die angenehmste Stellung haben. Mit ihrer „Konfession" hängt das natürlich nicht zusammen; denn für die hierbei zu Tage tretenden Unterschiede hat die Kindesseele nur ein geringes Maß von Verständniß. Dagegen werden ihr die ausgeprägten Stammeseigenthümlichkeiten unserer jüdischen Mitbürger sehr bald in die Augen springen, und bei der Aufrichtigkeit, mit welcher unsere Kinder ihre Zuneigung und Abneigung anderen Kindern gegenüber in nicht immer schmeichelhaften Formen zur Geltung zu bringen pflegen, wird man es wohl begreiflich finden, daß das stete Zusammensein jüdischer und deutscher Schüler vielfach zu Reibereien Anlaß geben kann." Nun wohl, auch wir können nicht umhin, unsere tiefste Indignation auszudrücken, das Wohlwollen genannter Zeitung erworben zu haben. Wer anders wie die „N. Pr. Ztg. könnte solchen nichtssagenden Grund für die Resolution einer Versammlung ernster, pädagogisch gebildeter Männer finden, die zusammenkommen, um über das Wohl der Schule zu berathen? Ihre Mißbilligung „jeder verletzenden Behandlung jüdischer Schüler" kennen wir zur Genüge und kennen auch die Dreistigkeit und Unverfrorenheit, mit der sie die lvirklichen Gründe, die ihr nicht passen, bei Seite schiebt und niemals um andere Gründe verlegen ist. „Mit der Konfession hängt das natürlich nicht zusammen," schreibt sie. „Natürlich," so muß es sein, die „Neue. Prenß. Ztng" druckt cs ja! Es geht das über ihren geistigen Horizont, zu begreifen, daß man Konfessionsschulen lediglich der Konfession halber gründet. Das Judenthum ist von jeher für die Konfessionsschuleu eingetreteu. Aber nicht, weil vielleicht Empfindlichkeit des Einen oder des Andern es dazu trieb, sondern weil unsere Kinder nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen und erzogen werden sollen, weil unsere Kinder einst echte und rechte Juden werden sollen, die den Kampf mit dem Leben und den mit den Antisemiten getrost aufnehmen können. So lange die Schulen ihren positiv christlichen Character. manche sogar den der Stöcker, Böcke! und „N. Pr. Ztg." haben, so lange ist es die Konfession, die immer wieder von neuem konfessionelle Schulen erheischt. Hat man nicht nach 1848 die Juden gezwungen, ihre Kinder kn die öffentlichen Schulen zu schicken! Und wahrlich, die Erfolge dieses Zwanges kamen bald zum Vorschein. Es entstand ein Judenthum ohne Mark und Bein; Reform nennt es sich und ist nicht Fisch, nicht Fleisch. Für die Reform mögen Simultanfchulen genügen; wir sind damit nicht zufrieden. Um unseren Glauben, unsere Religion zu erhalten, wollen wir unsere konfessionellen Schulen erhalten und neue gründen. Wir handeln damit nur nach den Worten unseres hochseligen Kaisers: Erhaltet dem Volke die Religion. Wir kennen eine ganze Reihe Schulen und besuchten selbst Simultanschulen, in denen alle Konfessionrn in schönster Harmonie nebeneinander lebten. Reibereien gibt es erst, seitdem das Gift des Antisemitismus schon der unchuldigen Kindesseele eingeimpft wird, denn wie )ie Alten sungen, so zwitschern die Jungen. — Nun 'ährt das ehrenwerthe Blatt weiter: „Man redet so viel von der verhetzenden Tendenz des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.