Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 50 (25.6.1891)
- Date
- 1891-06-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448168--32322-2480162- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
925 Bezirksgericht. Zur Erhärtung der neuen Angaben müflen weitere Zeugen vorgeladen werden, man muffe sich über die Persönlichkeit der Geklagten beffer informiren; auch seien die Lehrer der Anstalt zu vernehmen und schließlich muffe noch erwogen werden, ob nicht dieses Delikt vor ein ganz anderes Forum gehöre. Graz. Ueber die Mißhandlung des Redacteurs des „Obersteirer Blattes", Sedlak, durch Soldaten auf dem Bahn- Hofe in Bruck an der Mur sendete der Commandant des in Bruck stationirten Bataillons des Infanterie-Regiments König der Belgier einen eingehenden Bericht an den Corps- Commandanten Herzog von Württemberg. Die Angelegenheit kommt wahrscheinlich im Reichsrathe zur Sprache. Als Ursache der Mißhandlung Sedlak's werden Angriffe des „Obersteirer Blattes" gegen Officiere des Regimentes bezeichnet. Diese Angriffe sollen darauf zurückzuführen sein, daß Offiziere in der Familie des jüdischen Fabrikanten Diamant verkehrten und zum Regimente ein jüdischer Reserve-Lieutenant gehörte. Das Obersteirer Blatt ist das Organ des antisemitischen Abgeordneten Fürst. Konstantinopel, 2. Juni. Am 20. v. M. lieh der Sultan unserem Oberrabbiner 300 türkische Pfd. zur Ver> theilung an die Bedürftigsten der hiesigen jüdischen^ Gemeinde überweisen. abbatai Aewi. historische Erzählung von Vrn?k (Fortsetzung.) Seit Sabbatai's Abreise war die bis dahin stattliche Frau sichtlich zusammengebrochen. Es war nicht die Sehnsucht nach dem entflohenen Liebling — die starke Frau hätte die Abwesenheit ihres gottesfürchtigen Sohnes sicherlich verschmerzen können. — Es war auch nicht die Scham über den Bann, den die Rabbinen über ihn verhängt hatten. — Daß er den Bann, der ihn getroffen hatte, verdient hatte, daß er die heiligsten Gebote mißachtend, sich selbst vergötternd, die ihm vertrauenden Jünglinge mißleitet hatte — das hatte ihr das Herz gebrochen. Zusehends schwand sie dahin. — Trotz ihrer differirenden Ansichten in Betreff ihres Sohnes, liebte Mordochai Zewi seine Gattin innig, ihr sichtlicher Verfall setzte ihn nahezu in Verzweiflung. Die berühmtesten Aerzte führte er ihr zu, doch Keiner vermochte die Ursache ihres Leidens aufzufinden, Keiner war daher im Stande, ihr zu helfen. Sie selbst allerdings kannte die Ursache ihrer Krankheit und sie verschwieg sie ihrem Gatten nicht. Doch davon wollte Mordochai Zewi nichts hören, der beschränkte Mann wähnte sogar, seine wackere Frau habe sich durch ihren Zweifel an der göttlichen Sendung ihres Sohnes versündigt und betrachtete insgeheim diese Versündigung als Grund ihres Leidens — ihn zu überzengen, war sie daher nicht ini Stande. Und ihre beiden älteren Söhne, so innig sie und ihre Frauen auch an der Mutter hingen, die allen stets die Beste der Mütter gewesen — auch sie hatten sich durch ihres Vaters Voreingenommenheit für ihren Bruder bestricken lassen, auch sie glaubten an seine messianische Berufung und waren außer Stande, weder den Zweifel, noch den Kummer, der sich durch ihren Kummer Verzehrenden zu begreifen. Umgeben von der zärtlichsten Liebe ihrer Angehörigen und dennoch von keinem verstanden, schwand sie dahin, mehr und mehr. Schon seit Wochen hatte sie ihr Lager nicht mehr verlassen können, ihre Angehörigen wachten abwechselnd an ihrem Bette, sie konnten sich nicht mehr darüber täuschen, ihre Kräfte waren in stetem Abnehmen. — Es war nicht zu verwundern, schon seit acht Tagen schien sie kaum im Stande, irgend welche Nahrung zu sich zu nehmen, sie lebte nur von wenigen Tropfen Wein, die ihr hin und wieder eingeflößt wurden. Und sie schien nie zu schlummern, beständig lag sie mit weitgeöffneten Augen und schien in die Ferne zu schauen. Mordochai Zewi, in seinem grenzenlosen Schmerze, hatte an den fernen Sohn geschrieben, ihm die Erkrankung der Mutter mitgetheilt und ihn anfgcfordert, für ihre Genesung zu beten. — Heimlich hatte er sich in der Hoffnung gewiegt, der Sohn werde hcrbeieilen, werde seine Hand aus das Haupt der Kranken legen, und die Krankheit werde sofort schwinden. — Aber diese Hoffnung hatte ihn betrogen. — Sabbatai hatte ihm geschrieben — er hatte es nicht gerade herausgesagt, aber doch zu verstehen gegeben, daß er zwar beten werde für die Genesung seiner Mutter, daß er jedoch an der Macht seines Gebetes zweifle, so lange die betreffende Kranke an ihn zweifle. Es war Nacht, sämmtliche Glieder der Familie waren um das Lager der Kranken versammelt, es hatte keiner mehr gewagt, sich niederzulcqen. Noch immer waren ihre Angen offen, weit offen, und ihr Athem ging unheimlich rasch, oft röchelnd. Sie hatte schon seit mehreren Tagen nicht mehr gesprochen, jetzt aber hatte sie wiederholt die Lippen bewegt; ihr Mann und ihre Kinder hatten sich zu ihr geneigt, doch keiner hatte einen Laut vernommen. Ihre Unruhe schien sich zu steigern, unablässig bewegten sich ihre Lippen, ihre Hände fuhren zuckend auf der Decke umher, jetzt haftete ihr Blick an ihrem ältesten Sohne in namenloser Herzensangst. Er neigte sich über sie und nahm leise ihre Hand.