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Der Israelit · 1891-06-17 · Heft 48 (17.6.1891) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 48 (17.6.1891)
Date
1891-06-17
Page
– (sequence 20)
Language
German
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894 Korfu, 1. Juni. Die „Israelitische Alliance" in Wien ließ hier 5000 Francs vertheilen. — Bei der Plünderung unseres Judenviertels drang der wülhende Pöbel auch in die Wohnung unseres Oberrabbiners da Fano und zertrümmerte daselbst die Möbel, das Kochgeschirr, die Fenster rc. kurz Alles, was sich nur zerbrechen läßt. — Auch unser Friedhof trägt Spuren von der Judenverfolgung, die hier geherrscht hat, da der fauatifirte Pöbel die schönsten nQLv (Grabsteine) auf demselben zertrümmert und schließlich auch noch die hölzerne Thüre vom pn pL-Häuschen (Todtenkammer) in Brand gesteckt hat. — Doctor da Samo, ein höchst geachtetes Mitglied unserer Gemeinde, ging täglich, trotz der drohenden Haltung der Bevölkerung, seinem ärzlichen Berufe nach und zeigte sich sogar auch in den Straßen des Chriftenviertels. Wollte sich dann der Pöbel ans ihn stürzen, so schrie er immer laut auf: Ich bin Arzt und muß nun meinen! Berufe nachgeheii. Bringet mich um, wenn ihr wollt! Unser Oberrabbiner di Fano hat einen allgcmeiuen Fasttag ausgeschrieben, der strenge von Allen eingehalten wurde. Selbst Frauen und Kinder fasteten den ganzen Tag. om* Vermischtes. Kaftcl, 7. Juni. Wie alljährlich, so sollte auch in diesem Jahr das Stiftungsfest des israelitischen Männerdereins am heutigen twi durch ein Bankett begangen werden. Auf Vorschlag des Herrn Baruch Cahn indeß, sah man in diesem Jahr im Hinblick auf das Unglück unserer Brüder in Rußland von einem solchen Essen ab und spendete den dafür bestimmten Betrag den genannten Unglücklichen. Ich glaube, daß ein solches Vorgehen auch anderwärts Nachahmung finden dürfe. (Von der Gemeinde Weisenau bei Mainz wird uns Gleiches berichtet. Red.) Berlin, 26. Mai. Die unter dem Protektorat der Kaiserin Friedrich stehenden Baruch Auerbach'schen Waisen-Erziehungs-Anstalten haben ihren 58. Jahresbericht ausgegeben. In den Anstalten wurden im letzten Jahre 50 Knaben und 26 Mädchen erzogen, von denen die ersteren größtentheils, die letzteren fast ausschließlich die höheren Schulen besuchten. Hervorgehoben wird der gute Gesundheitszustand der Zöglinge. Seit 1885 besteht für die Zöglinge alljährlich eine unter der Verwaltung und Aufsicht der Anstalten stehende Ferienkolonie, für einen Theil der Knaben wurde auch ein Handfertigkeits-Unterricht eingerichtet. Neben einem unantastbaren Vermögen von 732 151,2* Mark bezw. 365 124,** Mk. besitzen die Anstalten Stiftungskapitalien in Höhe von 262 153„7 Mk., welche früheren Zöglingen Beihilfen zur Selbständigmachung, zur Verheiratung, züm Studium oder sonstige Unterstützungen gewähren. Die Ausgaben im letzten Jahre betrugen (einschließlich Gottesdienst und Gräberpflege, Stipendien und Renten) 48 269,4* Mk. bzw. 25 714,19 Mk., die Kosten der Verpflegung 10 870,gg Mk. bzw. 5454,Mk., d. h. 0,62 Mk. auf den Tag und Kopf. Halborftadt, 29. Mai. Vorige Woche hielt sich Herr Rabbiner Tr. Stern aus Kiel hier auf, um im Austrage der Gemeinde die bereits früher begonnene Ordnung des israelitischen Gemeindearchivs abzuschließen. Dieselbe ist nunmehr beendet und können wir uns Dank der Mühewaltung und trefflichen Sachkenntniß Dr. Sterns eines reichen Schatzes von Handschriften, Urkunden und Akten unserer Vergangenheit erfreuen. Nach dem competenten Urtheile Dr. Sterns, der bereits eine ganze Reihe jüdischer Gemeindearchive Deutschlands und Italiens durchforschte, ist unser Archiv eines der größten und werthvollsten. Es wurde in verschiedenen Regalen, sachlich und chronologisch geordnet, unter Verschluß in der Gemeindestnbe aufgestellt und soll demnächst der allgemeinen Benutzung zugänglich gemacht werden. Wie wir hören, ist Dr. Stern selbst, auf Grund des von ihm neugeschaffenen Archivs, mit einer Geschichte unserer alten und ehrwürdigen Gemeinde beschäftigt und hat hierzu auch die Staatsarchive zu Berlin und Magdeburg benutzt. Mau wird dem Werke des unermüdlich thätigen Historikers mit gespanntem Interesse entgegen sehen können. Zum Rabbiner der Gemeinde Buchsweiler (Elsaß) ist Herr Dr. Netter gewählt worden. Wien, 1. Juni. Vergangenen Dienstag hat im Bethause unter den Weißgärbern hier eine seltene Trauung stattgesunden. Vor wenigen Monaten traf auf der Heimreise von Paris der in Bagdad etablirte jüdische Apotheker Daniel zu kurzem Aufenthalte hier ein. Zufällig lernte er hier die Tochter eines armen jüdischen Hausirers, Namens Ncumann, kennen, verliebte sich in das Mädchen und hielt um ihre Hand an. Das junge Pärchen hat gleich nach der Hochzeit unsere Stadt verlassen und über Triest und Alexandrien die Fahrt nach Bagdad angetreten. Wien. Der Kaiser hat geruht, dem Regimentsarzte Dr. Oskar Lanzer im Verhältnisse „der Evidenz" des Landwehr Bataillons Wien Nr. 1, in Anerkennung seines gemeinnützigeil und patriotischen Wirkens das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens mit Allerhöchster Entschließung vom 1l. Mai. 1891 zu verleihen. Dr. Oskar Lanzer entstammt einer schlesischen Patrizierfamilie und gehört zu den gesuchtesten Aerzten der westlichen Bezirke Wiens. Als Arzt, namentlich als Militär-Sanitäts-Schriftsteller erfreut er sich eines hervorragenden Rufes im In- und Auslande, und hat sich durch tviederholte militärärztliche Veröffentlichungen, insbesondere durch sein Lehrbuch über freiwillige Sanitätsdienste auf dem Kriegsschauplätze einen hervorragenden Namen erworben. Dr. Oskar Lanzer ist Schwiegersohn des um die schlesische Judenheit hochverdienten am 24. Februar 1890 in Biclitz verschiedenen Eultnsvorstandes Salamon Tugendhat. Wien. Die Nemesis hat einem der verbissensten Antisemitenhäuptlinge arg mitgespielt. Der jüngst verstorbene ehemalige Gemcinderath Hausier zählte zu den begeistersten Bewunderern Schönerer's und aus seiner Thätigkeit tut Gemeinderathc sind seine Angriffe gegen die „verjudete" Freiwillige Nettungsgesellschaft in aller Erinnerung. Er verstieg sich damals zu dem Dictum, daß wenn er auf der Straße einen Fuß brechen würde, er unter keiner Bedingung gestatten möchte, daß ein jüdischer Arzt von der Freiwilligen Nettungsgesellschaft ihn berührt. Das Verhängniß hat es aber anders bestimmt. Am 21. Mai erlitt er auf dem Bahnhof in Baden einen Schlaganfall und der Arzt, welcher vom Stationschef zur erstell Hilfeleistung requirirt wurde, war ein Jude. Der Wiener Arzt Herr Dr. Brünancr har sich stundenlang Mühe gegeben, dem erkrankten Antisemiten Hilfe zu bringen und wir glauben kaum, daß Herr Häufler diesem Juden einen Erfolg mißgönnt hätte. Der Minister des Innern hat Frl. B van Jtallie in Mnftrich zur Lehrerin an der Staats-Elementarschule daselbst ernannt. Von Antwerpen haben sich 50 Juden nach Boma im Kongostaat eingeschifft', cs sind die ersten jüdischen Einwanderer des Kongostaates. Für den folgenden Theil ist die Redaction nicht verantwortlich.

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