Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 46-47 (11.6.1891)
- Date
- 1891-06-11
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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869 mehr lebten dieselben im bürgerlichen Frieden untereinander, aber umdesto intensiver kämpfend mit den Waffen des Geistes. In diesem gewaltigen Ringen der Geister verursachte aber der Einfluß des Hellenismus eine merkwürdige Veränderung bei den Juden, deren Folgen Neugestaltungen waren, welche die alte Welt in ihren Grundfesten erschütterten. Allerdings, Moral und Sittlichkeit konnten auch bei den alexaudrinischen Juden nicht erschüttert werden, in diesem Punkte war der Kampf bald entschieden; aber ein nicht minder folgenschwerer begann, der Kampf der Philosophie gegen den geoffenbarten Monotheismus, welcher mit dem dauernden Siege des Letzteren endete. Soweit der Rahmen des Vortrages, in welchem der Vortragende auch auf die Septuaginta und Philo zu sprechen kam. Der Vortragende brachte eine Fülle von Material mit, — welches vielleicht eine noch behutsamere Sichtung zugelassen hätte, — und bekundete eine große Belesenheit und Vertrautheit mit den einschlägigen Schriftstellern. Formal war der Vortrag abgerundet und stylgerecht, die Sprache eine edle und konnte als Beleg für das Thema gelten: Daß auch das Gute und Sittliche mit dem Schönen brüderlich vereint sein könne. G. L—. E n g l a n d. London. Der Tod des Lord - Mayors R. F o w l e r ist ein großer Verlust für die Juden Englands , unter welchen dieser einige zu seinen intimsten Freunden zählte und an deren Wohl er das größte Interesse zeigte. Der verstorbene Herr Fowler war Lord-Mayor während des Jahres, an dem Herr Stöcker eine Versammlung in dem „Mansion Housc" veranstalten wollte, um die Juden zu verleumden und sich bemühte, den Antisemitismus von Denrschland nach England zu verbreiten. Aber Herr Stöcker hatte sich in dem Bürgermeister der Stadt London im Jahre 1883 verrechnet. Nachdem die verstorbenen Herren Lionel L. Cohen und Henry I sa a cs den Lord-Mayor auf den Zweck aufmerksam gemacht hatten, zu dem die Egyptische Halle verlangt und bewilligt worden war, übersandte er an Herrn Stöcker eine Mittheilung, in der er die Erlaubniß, die er schon gegeben, wieder zurückzog, mit der Begründung, daß es sich mit den Traditiouen dieser geschichtlichen Halle nicht vereinbaren lasse, sie zu benutzen, um die Grundsätze der Religionsfreiheit zu verletzen. Bei dem großen Meeting in dem „Mansion House", wie auch bei dem in der „Guildhall" im vergangenen November sprach Sir N. Fowler zu Gunsten unserer bedrückten Brüder in Rußland und verurtheilte in kurzen aber bestimmten Sätzen die grausame Verfolgung, die in England eine Empörung hervorgebracht hätte, welche das Meeting in der „Guildhall" zum Ausdruck brachte. Sir R. Fowler wohnte auch als Lord-Mayor mit der Lady Mayoreß dem Gottesdienst zur Feier des 100. Geburtstags des Sir Moses Montefiore in der Bevis-Marks-Synagoge bei. Er erklärte sich von dem Gottesdienst und besonders von der großartigen Rede, die Rev. Dr. H. Adler bei dieser Gelegenheit gehalten hatte, tief ergriffen. > Dermischles. *4- Mainz, 1. Juni. Eine Menge Israeliten richten neuerdings Bittschriften an den russischen Minister des Innern, um die Erlaubnitz zu einer Reise nach Rutzland zu erhalten. Aus Uiikenntilitz werden diesen Gesuchen höchst selten die gesetzlichen Stempelgebühren beigelegt, wodurch zahlreiche Reklamationen entstanden sind. Dieser Tage ist nun eine Verordnung erlassen worden, alle Gesuche, welche an das russische Ministerium des Innern gerichtet und nicht von nöthigen Stempelmarken oder deren Werth begleitet sind, unberücksichtigt zu lassen. Die Stempelsteuer in Rußland beträgt 80 Kopeken für ein Blatt und außerdem müssen 80 Kopeken für die Antwort beigelegt werden. Die vorstehende Verordnung ist für alle nach Rutzland reisenden israelitischen Kausleute von größter Wichtigkeit. Berlin. Am Sonntag sind, wie uns berichtet wird, für die russischen jüdischen Ausgewiesenen circa 120 000 Mark gesammelt worden. So anerkennenswerth diese Sammlung ist, so reichen die vorbandenen Mittel immer noch nicht aus, dem schreienden Rothstand, der sich durch die bekannten Vorgänge geltend macht, abzuhelfen. Der österreichische Korvettenkapitän Herr Friedlich Josef Pik wurde zum Fregattenkapitän ernannt und dürfte der erste Jude in Oesterreich sein, der in der Kriegsmarine eine so hohe Würde erreicht hat. Paris, 20. Mai. Der „Pair" unternimmt es, in einem Leitartikel die russische Judenverfolgung zu vertheidigen. Die zwei einzigen Gründe, die das Blatt findet, sind, daß die Austreibung der Juden dem russischen Gesetze vollkommen entspricht, und daß Niemand das Recht habe, sich in die inneren Verwaltungs-Angelegenheiten Rußlands zu mischen. Notabilitäten der schottischen presbpterianischen Kirche haben vertrauliche Besprechungen mit mehreren Bischöfen der englischen Kirche und mit katholischen Kirchenfürsten in England und Irland gepflogen, um einen schon im vorigen Jahre gefaßten Plan einer feierlichen englischen Protestbewegung gegen die russischen Religionsversolgungen wieder aufzunehmen. Petersburg. 3l, Mai. Der „Rowoje Wremja" zufolge sollen die' hebräischen Elementar-und Kirchenschulen unter strengere Kontrole der Regierung gestellt werden. Rußland. In Berliner Blättern finden wir eine nicht uninteressante Mittheilung: Ter Ehef der deutschen antisemitischen Liga irr Deutschland, Herr Stöcker, wollte einen ähnlichen Verein auch in Rußland gründen; erhalte bereits die Statuten ausgearbeitet und behuss Genehmigung dem russischen Minister bes Innern vorgetegt. Dieser versagte jedoch die Genehmigung. Die Nachricht erscheint uns nicht ganz unglaubwürdig. Wozu bedürfte es auch in Rußland erst einer antisemitischen Liga, da man ja den Antisemitismus schon jetzt in so barbarischer Weise praktisch betreibt! Für den folgenden Theil ist die Redaction nicht verantwortlich.