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Der Israelit · 1891-06-11 · Heft 46-47 (11.6.1891) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 46-47 (11.6.1891)
Date
1891-06-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXH. Jahrgang. «r»e KeUllgkM^46r.47d«s „Israelit Ieschurun" Leitender Artikel. Der AnilsemMsms Mer nationaler Maske. Von Isaak Hirsch. Ich habe vor Kurzem in diesen Spalten der vortrefflichen Abhandlung des ausgezeichneten französischen Gelehrten Anatole Leroy Beaulieu ausführlich Erwähnung gethan, welche in der Revue des deux mondes die antisemitische Bewegung, insofern solche vorgeblich aus religiösen Motiven hervorgehen will, einer vernichtenden Beurtheilung unterzog. Herr Leroy-Beaulieu hat jetzt in Nr. 19 derselben Revue dem sich „national" nennenden Antisemitismus eine eingehende Untersuchung gewidmet, deren Grundzüge in dem Folgenden wiedergegeben werden sollen. Obgleich es den unglücklichen Schlachtopfern des antisemitischen Moloch nichts verschlägt, ob sie einem religiösen Fanatismus oder einer nationalen Barbarei zu Liebe um Heimath, Ehre, Gut und Blut gebracht werden, obgleich es keine erschöpfendere Charakteristik dieser „Schmach" unseres Zeitalters gibt, als wie sie in der allerjüngsten Kundgebungdes wackeren österreichischen „Vereinszur Abwehr des Antisemitismus" niedergelegt ist: „Der Antisemitismus ist eine tief beklagenswerte Verirrung; sein inneres Wesen ist der vollkommene Gegensatz und das gänzliche Aufgeben der Gerechtigkeit und Humanität; seine äußere Betätigung ist das Zerrbild alles Edlen und Guten; seine Folgen sind die moralische Verwilderung und Verrohung", so dürfte es dennoch nicht unangemessen sein, ihm die scheinheilige Larve zu entreißen. Erfrecht er sich doch, als Vertreter der Religion und der edelsten Regungen der Volksseele auf den Plan zu treten, in deren Namen die korfiotischen Excefse und moskauischeu Gräuel selbst in deutschen Zeitungen und öffentlichen Volksversammlungen bejubelt werden. Unsere Nationalität, unsere Kultur ist von dem Juden bedroht, so lautet das Feldgeschrei des unter nationaler Maske auftretenden Antisemitismus, und er berührt hiermit, wie Leroy-Beaulieu hervorhcbt, gerade denjenigen Punkt, für welchen das moderne Volksbewußtscin gar keine Entschuldigung und mildernde Gründe zuzubilligen geneigt ist. Wenn cs Alles verzeihen kann, eine Gefährdung dieser Güter ivolvirt das größte Capitalverbrechen. Man erblickt in dem Juden nicht nur den Andersgläubigen, sondern auch den anders construirten Menschen, ein fremdes Element, das nichts mit uns gemein hat. Das Neunzehnte Jahrhundert ist das Zeitalter des nationalen Prinzips, vielleicht der gewaltigsten Macht der hundert Jahre, die der französischen Revolution gefolgt sind. Diese Macht hat Europa eine andere Gestaltung gegeben und Wunder vollbracht, welche keine Zeit zuvor erlebt hat. Es ist gefährlich, diese furchtbare Macht gegen sich zu haben. Das durch seine Triumphe oder seine Leiden überreizte Nationalgcfühl erblickt seinen Gegner in dem Juden, der, fremden Geblüts, auS einem andern Himmelsstriche vor langer, langer Zeit gekommen. Er wiegte sich schon in Sicherheit, Dank der modernen Toleranz, da plötzlich stehen seine Volksgenossen gegen ihn auf, um ihn zu verjagen, nicht sowohl im Namen des Kreuzes, sondern wegen seiner Väter Isaak und Jakob. Wie die Wiedergeburt des deutschen Nationalbewußtseins nach der Befreiung vom napoleonischen Joch die „Hep! Hep!"- Rufe vom Rhein bis zur Weichsel erschallen ließ, also ward das Echo der Siegesfanfaren nach Sedan zum Signal für die gegenwärtige Judenhetze in Deutschland. Wenn der „Kulturkampf" Deutschland vom Joche des Romanismus befreien wollte, so sollte die Judenhaß die vermeintliche Herrschaft der Juden brechen. In Deutschland sollte Alles deutsch sein; der Haß liebt es, sich einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben; in den Adern des Juden, so sagte man, rollt nicht nur kein teutonisches Blut, er zählt sogar nicht einmal zur arischen oder indo-germanischen Völkerfamilie; er ist ein Asiate, ein Semite, für den kein Plätzchen frei ist unter dem deutschen Reichsadler. Noch mehr — seine Anwesenheit in Mitte der Deutschen ist eine Bedrohung des deutschen Geistes, eine Gefahr für die deutsche Kultur. Dieser von Deutschland ausgehende Alarmruf fand sein Echo über alle deutsche Grenzen hinaus: in Oesterreich, Rußland und Frankreich, nur daß man in Moskau und Pest an Stelle des Deutschthums, das Slaventhum und Magyarenthum für bedroht erklärte. So ganz neu ist dieser sich gegen die Juden wendende nationale Furor allerdings nicht, meint Leroy-Beaulieu. Er ist älter, als die Ruinen Jerusalems und die Zerstreuung Israels. Schon das Pharaonische Egypten hat ihn gekannt, und Herr Pastor Stöcker braucht nur den alten persischen Haman zu citiren. Ist es aber denn wahr, daß die Nationalität

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