Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-06-04 · Heft 44 (4.6.1891) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 44 (4.6.1891)
Date
1891-06-04
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448163--32215-2480050
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

f XXXII. Jahrgang. Z iv eite . Beilage;uM 44 d-s „Israelit & Mchurun" Leitender Artikel. Zur Lage der Juden in Kußkand. Die Ausweisungen der Inden nehmen in Rußland immer größere Dimensionen an. Aus Städten, in welchen bisher eine kleine Zahl von Israeliten unangefochten wohnte, hauptsächlich mit Handel und Handwerk beschäftigt, laufen Meldungen über Austreibungen ein. So erläßt der Polizeimeister von Lieban in den Libauer Blättern eine Bekanntmachung folgenden Inhalts: „Es ist zu meiner Kenntniß gelangt, daß sich in Libau Hebräer befinden, die durchaus nicht das Recht haben, hier zu leben, darunter auch solche, die, obwohl sie Handwerkszeugnisse besitzen, sich doch mit Handwerken nicht beschäftigen. Dies zur allgemeinen Kenntniß bringend, füge ich hinzu, daß ich den städtischen Pristaws vorgeschrieben habe, solche Hebräer unverzüglich aus der Stadt auszuweisen und diejenigen, welche ihnen Unterstand gewährt haben, zur Verantwortung zu ziehen." — In Moskau hat sich jetzt ein Comitö gebildet, welches für die Ausgewiesenen, die meist nichts als das nackte Leben besitzen, die Fahrkarten und die für die Reise nothwendigsten Hilfsmittel besorgt. Die Abreisenden erhalten außer den Bahnbillets für jede Person drei Rubel mit auf den Weg. Die Brester Bahn beförderte wieder einen Trupp von 500 Auswanderern. Aus Moskau schreibt man vom 28. Mai: Endlich liegt eine authentische Angabe vor, welche es ermöglicht, eine, wenn auch nur oberflächliche Schätzung des numerischen Umfanges der sich ihrem Abschluß nähernden Judenaustreibung aus Moskau anzustellen. Bekanntlich ist aus der Mitte der wohlhabenden jüdischen Bevölkerung Moskaus jüngst ein Comits gebildet worden, um den existenzlosen Juden die Reisemittel zu verschaffen, wobei es sich gleich herausstellte, daß nur eine sehr geringe Zahl der Ausgetriebenen die Hilfe dieses Comitös in Anspruch zu nehmen gewillt war. Fast alle Handwerker, Kaufleute und sonstige Angestellte benutzten den Erlös aus dem Verkauf ihrer Habseligkeiten für ihre Reise, Andere unterstützten sich gegenseitig durch Darlehen, wieder Andere bezogen die Reffemittel von Verwandten aus anderen Theilen des Reiches, so daß dem genannten Comitö ein nur beschränkter Wirkungskreis übrig blieb. Nichtsdestoweniger erreicht die Zahl der von dem Comite „abgeschobenen" Personen die Ziffer von 6000, und da diese verhältnißmäßig niedrige Ziffer nicht über 5 Prozent der gesammten Judenschaft Moskaus bilden dürfte, so läßt sich der numerische Umfang dieser Austreibung als ein solcher bezeichnen, wie er in unserem Jahrhundert noch nicht ftattgefunden hat. Wie unerwartet diese Maßregel und ihre beschleunigte Ausführung selbst für die vollziehenden Polizeibehörden kam, ergibt sich aus folgendem Vorgang. Kurz nach dem Eintreffen des Allerhöchsten Befehls in Moskau — es war am Vorabend des jüdischen Osterfestes — begab sich ein höherer Polizeibeamter zu einem angesehenen Juden und, ihm die Hand gleichsam als Pfand entgegeustreckend, sagte er zu ihm: „Ich bürge Ihnen für zwei JahreAm folgenden Tage aber mußte derselbe Beamte verstörten Gesichtes seinem Klienten sagen, daß er ausgetrieben sei und binnen sieben Tagen Moskau zu verlassen habe, widrigenfalls er Gewalt anwenden müsse. Es kann jetzt mit Sicherheit angenommen werden, daß es in der Absicht der Regierung liegt, nachdem alle Juden aus den Hauptstädten und aus dem Innern des Reiches nach ihrem Ansiedlungsrayon, wo sie schon ohnehin eine dichte Masse bilden, hinausgetrieben und dort konzentrirt sein werden, ihre akute Bedrückung und Verfolgung nun in diesem Rayon zu beginnen. Das entsetzliche Elend, welches alsdann allerorten entstehen müßte, läßt sich vorläufig noch gar nicht übersehen; und hiernach erscheint die allernächste Zukunft für die Juden in Rußland in einem noch trüberen Lichte als die Gegenwart. So liegen die Dinge in dem Augenblick, wo der Kaiser und die Kaiserin der alten Zarenstadt einen Besuch abstatten und deren heiligen Stätte und Kirchen aufsuchen. In einer gestern ftattgehabten Unterredung des Londoner Vertreters des Depeschenbureaus „Herold" mit dem britischen Parlamentsmitglied Montague bezüglich der russischen Judenfrage führte Letzterer aus, er begünstige die Auswanderung der Juden nach Amerika, weil er glaube, daß diese Auswanderung derjenigen nach Palästina vorzuziehen sei. Wenn er trotzdem die Errichtung von jüdischen Colonien in Palästina unterstütze, so geschehe es deßhalb, weil er einsehe, daß der Drang der russischen Juden nach Palästina ein starker sei. Er hoffe, die einer Gründung von jüdischen Kolonien in Palästina entgegenftehenden Schwierigkeiten unter Mitwirkung Rothschilds, der englischen Regierung und des Sultans überwinden zu können. Ueber die Einwanderung von Ausländern nach London, die sich in dürftigen Verhältnissen befinden, führte Montagu aus, das Comittz könne die Art und Weise des Transportes desselben nicht gutheißen; es thäte i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.