Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 41 (25.5.1891)
- Date
- 1891-05-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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761 während der Zerstreuung Israels die Volkommenheit Gottes selbst wegen der herrschenden Sündhaftigkeit der Menschen und der Erniederung des jüdischen Volkes gestört sei, da die Gottheit ihren sittlichen Plan nicht habe durchsetzen können. Die höhere und die niedere Welt seien durch eine tiefe Kluft von einander getrennt; die vier Buchstaben des Gottesnamens seien auseinandergerückt, weßhalb während der Zerstreuung Israels kein Sterblicher den vierbuchstabigen Gottesnamen habe aussprechen können. Doch mit der messianischen Erlösungszeit werde die Welt der sittlichen Ordnung, wie sie Gott in den Weltplan gelegt und damit die Vollkommenheit und die Einheit Gottes wieder hergestellt werden. — Der von Gott gesandte Erlöser, mit dem und durch den diese Gnadenzeit beginne, werde daher vor Allem den Gottesnamen voll und ganz mit lauter, weithin tönender Stimme aussprechen. Plötzlich schwieg der Redner. Tiefe Stille herrschte in dem weiten Raum, so daß man das Athmen der jungen Leute vernehmen konnte. Da erhob sich Sabbatai Zewt langsam und feierlich und stand nun hochaufgerichtet vor den zu ihm emporbltckenden Jünglingen. Langsam und feierlich hob er den Blick gen Himmel, breitete wie segnend die Arme gegen die Versammlung aus und sprach mit lauter, volltönender Stimme den wirklichen Gottesnamen aus. Einen Moment herrschte athemloses Schweigen, dann aber stieß einer der jungen Leute einen gellenden Schrei aus. „Du hast gefrevelt, Sabbatai!" rief er und zerriß sein Obergewand. In diesem kritischen Moment, als die erregte Jüngerschaar noch schwankte, welcher Kundgebung sie sich zuwenden sollte, drängte sich Jachini vor. „Heil dem Messias!" ries er. „Heil dem Gottgesandten! Heil unserm Erlöser!" Bei diesen Worten warf er sich vor Sabbatai nieder, mit dem Angesicht zur Erde. Und wie im Chor riefen sämmtliche Schüler: „Heil dem Messias! Heil dem Gottgesandten! Heil unserm Erlöser!" Und sämmtlich warfen sie sich nieder mit dem Angesicht zur Erde. „Wehe! wehe!" rief der Jüngling, der sein Gewand zerrissen hatte, „weh! weh über Euch, die Ihr dem Gotteslästerer göttliche Ehre erweiset!" Damit rannte er hinaus und warf donnernd die Thür ins Schloß. Mordechai Zewi aber lag gleich den Uebrigen vor seinem Sohne im Staube und schluchzte laut in unsagbarer Wonne. „Erhebet Euch, meine Freunde!" sprach Sabbatai endlich mit seiner sanften, volltönenden Stimme. „Erhebet Euch und blicket auf zu mir!" Und wie bezwungen durch den Hauch seines Mundes, erhoben sich Alle und alle Blicke hasteten wie gebannt an den Lippen des seltsamen Jünglings. Jachini hatte den noch immer schluchzenden Mordochai gestützt und flüsterte ihm zu, sich zu mäßigen, um keine Silbe der Worte zu überhören, die der Messias nun zu ihnen reden werde. Mordochai's lautes Schluchzen verstummte sofort und Sabbatai sprach: „Meine Freunde! Empfanget meinen Dank für den Heilesruf, den Ihr mir gewidmet — ich werde es nie vergessen, daß Ihr die Ersten seid, die mir gehuldigt. — Doch traget es jenem zweifelnden Jüngling nicht nach, daß er zweifelnd an der Allmacht Gottes, an Seinem Gesalbten zweifelt — verzeihet ihm, gleich wie ich ihm verzeihe — denn nicht mit Speer und Bogen und nicht mit des Schwertes Macht, kommt der Davidssohn gezogen, der Messias in seiner Pracht. — Friedlich, wie die Strahlen der Sonne, strahlt die Glorie seines Hauptes — wärmend, belebend — doch nicht sengend. — Der Welten Kronen, sie sind sein! — Doch nicht durch des Schwertes Kraft. — Friedlich wird er ziehn gen Westen, wo der mächtige Herrscher thront, der vor dem Halbmond sich beugt — doch der Mond erblaßt vor der Sonne Strahl — und vor der Glorie Strahlen des Gottessohnes sinkt der strahlende Halbmond in den Staub — der mächtige Sultan steigt hernieder von seinem Throne — und mit seiner eigenen Hand nimmt er die eigene Krone und setzt sie dem Gesalbten Gottes auf. — Doch noch ist die Zeit nicht gekommen — noch berget tief in dem Innern Eures Herzens, was ich Euch heute verkündete, auf daß Ihr einst zeuget für mich. — Und nun für heute, meine Freunde, lebet wohl!" Mit vollendeter Grandezza ließ sich Sabbatai in den Sessel gleiten, sämmtliche Jünglinge umdrängten ihn, einer nach dem andern haschten sie ehrfurchtsvoll nach einem Zipfel seines Gewandes und drückten es ehrfurchtsvoll an ihre Lippen. — Dann entfernten sie sich möglichst geräuschlos, einer nach dem andern Und als die Jünger gegangen waren, da traten auch die Männer, Mordochai Zewi und Abraham Jachini, zu dem wonnestrahlenden Jüngling und zogen sein Gewand an ihre Lippen. — Er lächelte mild. Sein Vater blickte zu ihm empor mit überströmenden Augen. „Mein Sohn! — o, mein Sohn!" schluchzte er, „darf ich Dich umarmen?" „Umarme mich, Du, mein irdischer Vater!" entgegnete Sabbatai herablassend lächelnd.