Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 39-40 (20.5.1891)
- Date
- 1891-05-20
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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758 sorgenlose materielle Stellung besitzen, weil sie es sind, denen der Staat seine kostbarsten Schätze, die Heranwachsenden Geschlechter, zur Pflege, Bildung und Erziehung anvertraut, diese Lehrer, welche den Werth, die Heiligkeit, die Unantastbarkeit und Würde einer jungen Menschenseele zu schätzen wissen, die sollten es über sich gewinnen können, zu verachten, wo sie ehren, zu hassen, wo sie lieben, zu knechten, wo sie befreien, zu drücken, wo sie erheben sollen, ja müssen! Die Lehrer, die in dem Kinde nichts sehen dürfen als ein nach Befreiung, Erlösung, Wahrheit und Liebe lechzendes Gottesgeschöpf, die Lehrer, welche Psychologen sind und die Seelen ihrer Zöglinge läutern, führen und den erwachenden Geist mit reiner, gesunder und entsprechender Nahrung sättigen sollen; die Lehrer, welche das Kinderherz empfänglich machen sollen für die Ideale der Menschheit: diese Lehrer sollen so tief sinken können, um an diesen Heiligthümern kalten Herzens zu freveln? Nein, das ist ganz unniöglich! Der Lehrer wird bei seinem Dienstantritte in Eid und Pflicht genommen, er muß schwören immerdar sich der Heiligkeit seines Berufes bewußt zu sein, treu und unverbrüchlich seines Amtes zu walten, gerecht und unparteiisch, mit Liebe und Hingebung. Und die Pädagogik, jene Wissenschaft, welche dem Lehrer- Leuchte, Führer und Rathgeber auf dem dornenvollen Pfade seiner Arbeit ist, sie gebietet ihm, das gute Beispiel als eines der hervorragendsten Erziehungsmittel zu achten, seinen Schülern ein Muster in jeder Beziehung zu sein. Und das Reichsvolksschulgesetz, welches treu zu erfüllen jeder Lehrergeschworen hat, legt ihm die Pflicht auf, alle Kinder mit gleicher Liebe zu umfassen, jedem ein treuer Führer, ein liebevoller Berather, ein freundlicher Helfer, ein milder Richter zu sein. Und schließlich müßten ja gerade die antisemitischen Lehrer gute Christen sein, d. h. Menschen, welche die Liebe zum Nächsten als oberstes Sittengesetz betrachten, Menschen, die in der vom Stifter der christlichen Religion gepredigten Menschenliebe das Mittel erblicken, welches einzig und allein jenen glücklichen Zustand der Menschheit herbeizuführen vermag, den wir mit dem „Reiche Gottes auf Erden" kennzeichnen. Der Christ darf nicht hassen, er darf nicht Verachtung predigen, er darf besonders an Kinder sich nicht jenes Verbrechens schuldig machen, welches der Stifter der christlichen Religion mit strengem Satze verurteilte : „Wer aber eines von diesen Kleinen ärgert, dem wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde." Ein Lehrer kann daher nie und nimmer ein Antisemit sein, er kann es noch weniger sein, wenn er zugleich ein gläubiger Christ ist, er Könnte es nur sein, wenn er aufgehört, beides zu sein: Lehrer und Christ, d. h. der antisemitische Lehrer muß aus der Schule entfernt werden, sowie der Antisemit aus der Gemeinschaft der christlichen Kirchen ausgeschlossen werden muß, denn er spricht der heiligsten der Lehren der christlichen Religion Hohn. Ist der antisemitische Lehrer jedoch ein Arier, ein Germane, ein deutsch-nationaler Unverfälschter, ein Mann, der stolz darauf ist, der Erbe all' jener edlen Eigenschaften zu sein, die man den Deutschen nachrühmt, dann muß ihm seine nationale Gesinnung den Weg weisen, den er zu gehen hat, und der führt zur Schule hinaus; denn deutsche Treue und Wahrhaftigkeit, deutsche Redlichkeit und Geradheit, deutsche Unbeugsamkeit und Manneswürde vertragen sich nicht mit elender Heuchelet, und solche ist es, wenn ein Unverfälschter den Lehrer spielt. Er ist keiner mehr, kann keiner mehr sein, sobald er Antisemit ist, er ist ein eidbrüchiger, der pädagogischen Wissenschaft Hohn sprechender, seine Gesinnung für sein Brod verleugnender charakterloser Mensch, der ohne jede Rücksicht vom Schuldienste zu entfernen ist. So denkt der Großtheil der Wiener Lehrerschaft über antisemitische Volksbildner, und wenn hie und da Erscheinungen auftauchen, welche den Schluß berechtigt erscheinen lassen, als ob die Lehrer in der Schule Antisemitismus trieben, so muß man sehr vorsichtig sein in der Beurtheilung solcher Fälle, weil begreiflicherweise die Angehörigen der jüdischen Confession in der gegenwärtigen Zeit empfindlicher sind, als sie es ehedem waren, und weil man nur zu gerne geneigt ist, jedes unbedachte Wort — der Lehrer sollte sich freilich ein solches niemals entschlüpfen lassen, aber schließlich bleibt doch auch der beste immer ein fehlerhafter Mensch — möglichst böse auszulegen. Der Antisemitismus in der Schule existirt leider wirklich, das heißt', die Jugend ist von der Krankheit der Zeit angefressen; aber daran sind die Lehrer unschuldig, und sie wären nur zu tadeln, wenn sie diesen traurigen Erscheinungen gegenüber nicht entschieden auftreten und Alles daransetzen würden, das Nebel zu beseitigen. In dieser Beziehung eine Mahnung an die Lehrer zu richten, halten wir für ebenso berechtigt als heilsam, weil sie durch einen derartigen Nothschrei gequälter und in ihrem Innersten verletzter Menschen doch veranlaßt werden, mehr Strenge anzuwenden, um jene Elemente, welche die Schule zur Pflanzstätte der häßlichsten der Leidenschaften, des Menschenhasses, machen wollen, in Schranken zu halten. Pflicht unserer Schulbehörden aber wird es sein, der Angelegenheit ihre vollste Aufmerksamkeit