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Der Israelit · 1891-05-20 · Heft 39-40 (20.5.1891) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 39-40 (20.5.1891)
Date
1891-05-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXII. Jahrgang. _ Erste BeilageM^39L40d°s„IsraM^Arschurun" Leitende Artikel. Wochenschau. Mainz, 19. Mai. Im Vordergründe des Interesses der gesammten jüdischen Welt stehen natürlich noch immer die entsetzlichen Verfolgungen unserer Brüder in Rußland und auf Korfu; wir schildern an anderer Stelle die traurige Lage unserer Glaubensgenossen in diesen barbarischen Ländern und wollen uns hier daraus beschränken, der Hoffnung Raum zu geben, daß das Gebet Hunderttausender um die Errettung aus dem herzzerreißenden Elend beim Allerbarmer Erhörung finden möge. Schon erfährt man sowohl aus dem Norden, wie aus dem Süden beruhigendere Nachrichten. Dort soll es der „Haute finance“ zu verdanken sein, daß man dem Würgengel Einhalt gebietet, und hier veranlaßten die Vertreter der Mächte beim Athener Kabinete freundschaftliche Vorstellungen; einer amtlichen Meldung aus Korfu zufolge, sind sogar die in den drei Hauptstraßen des Ghetto gelegenen Geschäfte der Juden ohne Störung geöffnet worden und die Regierung bewilligte 12,000 Francs zur Linderung der ärgsten Noth. Sind ja auch bereits zwei Ntchtjudcn bei dem Tumult am Freitag getödtet worden. Daß das haarsträubende Märchen von dem jüdisch - rituellen Mord gar nicht aus der Welt zu schaffen ist und fast alljährlich in irgend einem, wenn auch uncultivirten Lande wie ein Schreckgespenst wieder auftaucht, muß jeden Jehudi und namentlich die Kenner unserer heiligen Lehre, unserer heiligen Schriften mit furchtbarer Betrübniß erfüllen, da sie am Besten ja zu beurtheilen im Stande sind, wie vollständig fern solche Dinge dem Wesen unserer Religion liegen und wie der Blutgenuß sogar der erlaubten Thiere verpönt und mit den strengsten Strafen belegt ist. Doch ist die regelmäßige Wiederkehr solcher Phantasicgebilde mit der überaus niedrigen Stufe, auf der das Volk in jenen Ländern steht, vielleicht noch zu entschuldigen. Was soll man aber dazu sagen, wenn deutsche Antisemitenblätter, deren Faiseure immerhin Anspruch auf einen gewisfen Grad von Bildung machen, allen Ernstes nachzuweisen sich bemühen, daß der rituelle Mord den Juden geboten sei? Wissen sie denn nicht, daß gerade diese Beschuldigung von den Heiden gegen die ersten Christen ersonnen und angewandt wurde? Solche Art und Weise kennzeichnet diese Sippe in ihrer ganzen Niedrigkeit, und es hätte nicht erst eines Citates aus einem antisemitischen Werke in den dieswöchentlichen „Deutsch-Sozialen Blättern" (Nr. 144, Seite 236) bedurft, nach welchem die Ursachen des Antisemitismus auf die Erbitterung, den Neid und den Haß der Christen gegen die „Fremdlinge" zurückgeführt werden. In demselben Blatte und auf derselben Seite wird „Baron Hirsch" mit dem schönen Titel „Türkenlos-Schwindler" bezeichnet, aber Herr Fritsch kann ob unserer „Denunciation" beruhigt sein, eine Jnjurienklage wird seitens des Herrn Baron gegen das unter Ausschluß der Oeffentlichkeit erscheinende Blättchen schwerlich erfolgen. Der von Herrn Fritsch so oft und so siegesbewußt verkündete deutsch-soziale Parteitag hat übrigens gestern begonnen. Dienstag Vormittag findet die Delegirten - Versammlung statt. Hier wird berathen, wie das antisemitische Evangelium zu vergrößern sei. Die Feiertagsstimmung wird wohl ihre versöhnende Wirkung nicht verfehlt haben. Gleichviel, dieser Parteitag hat seine Bedeutung. Der Antisemitismus soll mit aller Gewalt in die breiten Schichten des Volkes getragen werden. Geistliche, Lehrer und andere Beamte, sowie Kaufleute und Gewerbetreibende schließen sich dieser Bewegung an. — Am Abend des 19. Mai findet in „Battenberg" eine große Bersammlug statt, woselbst Oberlehrer Dr. Förster, Georg Schönerer und Dr. König sprechen werden. Wir werden später, wenn etwa eine neue Lüge herumgercicht worden ist, darüber berichten. Die auf der Tagesordnung stehenden Themen, „Der geistige Einfluß des Judenthums", „die antisemitische Bewegung in Oesterreich" und „die Verjudung der Justiz" sind indeß so abgeleiert, daß wir zweifeln, daß hieraus noch etwas zu „machen" ist. Da loben wir uns die Berliner Antisemiten, die sind im Lügen wenigstens noch erfinderisch; schrieb da dieser Tage das Stöckerblatt „Volk", das richtiger „Volksverderb" hieße, die Beseitigung der den Juden ungünstigen Stellen aus den älteren Schriften Moltke's über Polen sei bei dem Wiederabdruck derselben in der Zeitschrift: „Vom Fels zum Meer" durch die Redaction derselben, d. h. durch den jüdischen Professor Kürschner auf eigene Faust und ohne vorherige Erlaubniß erfolgt. Der „Liberalen Korresp." wird nun von kompetenter Seite geschrieben: „Die Notiz ist falsch. Moltke hat jene Stellen selbst gestrichen. Kürschner, der geborener Christ aus uralter protestantischer Familie ist, wollte im Gegentheil den Artikel unverkürzt bringen." „Wie haißt?" wollen wir einmal in dem Jargon

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