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Der Israelit · 1891-05-14 · Heft 38 (14.5.1891) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 38 (14.5.1891)
Date
1891-05-14
Page
– (sequence 18)
Language
German
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eines neuen Hospitals in der oberen Stadt zu sammeln, in welchem Patienten, ohne Unterschied der Confession, Aufnahme finden werden. Es ist denn auch Herrn Weil gelungen, bis jetzt etwa 40,000 Doll, für diesen Zweck zusammenzubringen. Obschon die Gesammtkosten mit 125,000 Doll, in Aussicht genommen sind, ist man doch bereits frischen Mutbes zu dem Ankäufe eines geeigneten Grundstückes geschritten und zwar ist ein Gebäude in der Westchester Ave. zum Preise von 85,000 Doll, angekauft worden, während Herr Jonas Weil noch zwölf anliegende Bauplätze gratis hergegeben hat. Das dadurch geschaffene Areal umfaßt nicht weniger als 40 Bauplätze. > vermischtes. < Herr Professor Karl Biedermann in Leipzig hat die Redaktionen der „Leipziger Zeitung", des „Leipziger Tageblatt" und der „Leipziger Nachrichten" ersucht, die Wahrheitsentstcllung betreffend die dem Gödsche'schen Roman entnommene Rede eines Oberrabbiners, welche wir jüngst beleuchtet haben, richtig zu stellen. In bekannter antisemitischer Wahrheitsliebe haben die genannten Redaktionen die Richtigstellung abgelehnt. Cisenach, 1. Mai. Am 17. vor. Mts. ist nach langen Geburtsweheu auch hier in Eisenach ein Antisemitenvereiu unter der Firma „Reformverein" ins Leben getreten. Er hielt am 17. April im „Wartburghof" eine öffentliche Versammlung ab, zu welcher sich ca. 120 Personen eingefunden hatten. Von diesen waren wohl die gute Hälfte aus Neugierde gekommen, während ein übriger beträchtlicher Theil aus nicht wahlberechtigten jungen Leutchen bestand. Den Vorsitz in der Versammlung führte der bisher als eifriger Nationalliberaler bekannte Ingenieur Herr Schaffer, in dessen Equipage noch bei der letzten Reichstagswahl der nationalliberale Kandidat, resp. dessen Begleiter, das Land bereisten. Posern Das Proviuzial-Schulkollegium machte dem Vorstande der Synagogen-Gemeinde in P osen die Mittheilung, daß vom 1. April d. I. ab die Remuneration für Ertheilnng des jüdischen Religionsunterrichts am Kgl. Berger-Real- Gymnafium in ihrem vollen, zur Zeit auf WO Mk. jährlich festgesetzten Betrage auf den Anstaltsfonds übernommen und demzufolge von einer theilweifen Uebernahme derselben von Seiten der Synagogengemeinde für die Zukunft abgesehen wird. Herr E. Birnbaum iu Budapest ist zum portugiesischen Konsul ernannt worden. Im Tempel der Une de la Victoire in Papis, in welchem bisher die portugiesische Aussprache des Hebräischen angewandt wurde, ist nunmehr durch Beschluß des Konsistoriums die auch in den anderen Pariser Bethäufern übliche traditionelle Aussprache eingeführt worden. Petersburg. Die Bedrückungen, denen gegenwärtig unsere unglücklichen Glaubensgenossen in Rußland ausgesetzt sind, haben in der ganzen civilisirten Welt einen Schrei der Entrüstung erweckt. Die ewige Wahrheit jedoch, daß Recht und Gerechtigkeit nicht für die Dauer mit Füßen getreten werden können, ohne daß die Folgen hiervon auf den Bedrücker selbst zurückfaüen, tritt auch heute schon im Zarenreich zutage. Das Wort des großen deutschen Dichters, daß Weltgeschichte das Weltgericht sei, ist nicht blos aus die Geschehnisse der Vergangenheit und auf weltumgestaltende Ereignisse anwendbar. Auch in der Gegenwart und auch in scheinbar geringen Vorgängen des öffentlichen Lebens zeigt sich jene streng waltende Nemesis, nach welcher die Schuld der Väter bis in das vierte Geschlecht ihre Ahndung findet. Die Folgen der Judenhetze in Rußland treten schon heute allenthalben in einem sehr empfindlichen Niedergang von Handel und Industrie innerhalb des Zahrenreichs zu Tage. Bei dem Volkscharakter der Russen, bei dem gänzlichen Mangel eines producirenden Mittelstandes erscheint es selbstverständlich, daß die Juden die Seele des Handelsverkehr waren, ja daß sie fast ausschließlich die Vermittlung zwischen Consum und Production und die Ein- und Ausfuhr von Maaren besorgen. So sehr ist Rußland in allen seinen finanziellen Beziehungen von Juden abhängig, daß es alle seine auswärtigen Anleihen durch die Rothschild-Bleichröder ausführen und daß es für jüdische Bankiers, die nach Rußland reisen wollen, ausdrücklich das Einwanderungsverbot aufheben mußte *). Die Wirkungen der Judenverfolgungen zeigen sich nun vor Allem in einem massenhaften Zurückströmen des Baargeldes zu den Banken. Das Discont-, das Vorschuß-, das Pfandleih-, das Wechselgeschäft, diese Grundlagen des kaufmännischen Verkehrs, sind auf ein Minimum reducirt, weil die Juden zum großen Theile sich zurückgezogen haben. So wies die letzte Bilanz der russischen Reichsbank in Petersburg die bedeutsame Thatsache aus, daß die Barbeüände von 1890 auf 1891 um 21 Millionen Rubel, der Gold- und Silbervorrath Vvn 1890 aus 1891 um 38 Millionen Rubel gestiegen, dagegen der Banknotenvorrath von 1890 auf 1891 um 21 Millionen Rubel gesunken war. Die Reichsbank hatte somit anfangs 1891 um 70 Millionen Rubel mehr zur Verfügung als ein Jahr vorher. Dieser gewaltige Goldstrom, der sich plötzlich in die Lassen der Bank ergießt, wird dem Geschäftsverkehr entzogen und beweist, daß der Unternehmungsgeist vollständig lahmgelegt ist. Die gleiche Beobachtung kann beim Wechselverkehr gemacht werden. Die Reichsbank hatte 1891 ein um 37 Millionen Rubel kleineres Wechselportefeuille als im Jahre 1890. Noch schlagender aber wird der verderbliche Rückschlag der Judenverfolgungen auf den russischen Handel durch die rapide Verminderung des Umsatzes auf dem großen Weltmärkte iu Nishny Nowgorod erwiesen. Gegen das Vorjabr hat der Umsatz um mehr als 6 Millionen Rubel abgenommen und die Vorschüsse aus Waaren sind um 3 Millionen Rubel geringer worden. Auch über die Geschäftslosigkeit aus anderen großen Messen, so in Kiew, kn Charkow, wird Klage geführt. Von den Charkow zugeführten Waaren im Werlhe von 22 Millionen Rubel wurden nur für IO Millionen verkauft. Der Rückgang der Börsengeschäfte äußert sich in der bezeichnenden Thatsache, daß die Belehnung von Werthpapieren bei der Reichsbank von 1890 auf 1891 um 36 ‘/a Millionen Rubel sich vermindert hat. Die russische Handelsbilanz wird demnach klar wie ein Buch des Schicksals das Strafgericht verzeichnen, welches die Vorsehung an den Judenunterdrückern vollzieht. Nicht die Schlauheit und der geborene Geschäftssinn der russischen Juden, sondern die Trägheit und Schwelgerei des Adels und die Dummheit der Bauern haben es bewirkt, daß in dem Zarenreiche Handel und Industrie ohne die Juden undenkbar sind. Und wenn der heute praktizirte Geist der Bedruckung und Verfolgung fortdauert, dann darf man jetzt schon Voraussagen daß Rußland in kurzer Zeit einer handelspolitischen Katastrophe verfallen wird. *) Das Scheitern der russischen 3°/0 Conversionsanleihe soll nach neueren Berichten durch den Rücktritt des Hauses Rothschild, hervorgerusen durch die grausame Behandlung unserer Brüder in Moskau, veranlaßt sein. Für den folgenden Theil ist die Redaction nicht verantwortlich.

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