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Der Israelit · 1891-05-14 · Heft 38 (14.5.1891) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 38 (14.5.1891)
Date
1891-05-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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709 Die Juden Smyrna's, bis dahin arm, wußten diesen Aufschwung des Handels zu benützen, hoben ihn noch mehr und erlangten zuerst als Agenten, dann als selbstständige Firmen große Reichthümer. Wir treten in das Haus eines Agenten, der für eine englische Firma arbeitete. Trotz der unansehnlichen Außenseite des Gebäudes, zeugte die innere Einrichtung von dem rasch wachsenden Wohlstand seines Besitzers. Mordochai Zewi aus Morea, bis vor Kurzem in äußerst beschränkten Verhältnissen lebend, hatte sich das Vertrauen der Handelsherren, deren Aufträge er mit strengster Gewissenhaftigkeit ausführte, rasch erworben und hierdurch den Grundstein zu seinem später sehr bedeutenden Vermögen gelegt. Es ist in den Vormittagstunden, Mordochai Zewi befindet sich in seiner Schreibstube. Aber augenblicklich ist er weder mit Schreiben, noch mit Rechnen beschäftigt; er sitzt vielmehr auf einer Niedern, weichgepolsterten Bank behaglich ausgestreckt, ein langes Pfeifenrohr im Munde, der hin und wieder leichte Dampfwolken emporwirbeln läßt. Ihm zur Seite sitzt als sein Gast sein Jugendfreund Abraham Jachini, der ihn nach langjähriger Trennung wieder einmal aufgesucht hat. Abraham Jachini war auf's Angenehmste überrascht, den Freund, den er in den ärmlichsten Verhältnissen verlassen hatte, als reichen Mann wiederzusehen, und er beschloß sofort, nach besten Kräften von dem Reichthum des Freundes Nutzen zu ziehen. Vor allem nahm er die ihm angebotene Gastfreundschaft bereitwilligst an; wußte er doch auch seinerseits den Freund zu entschädigen durch mannigfache Annehmlichkeiten, die sein Aufenthalt demselben gewähren konnte. Jachini war ein äußerst interessanter Mann, er hatte ferne Länder durchreist, hatte viel gesehen und viel erlebt und verstand es, seine Erlebnisse in fesselnder Rede mitzutheilen, und wenn die Wirklichkeit nicht genügendes Interesse bot, da nahm er seine Phantasie zu Hilfe, die ihm nie versagte und die aus dem gegebenen Unscheinbaren die herrlichsten Gemälde hervorzuzaubern vermochte. Wer sich in Jachini's Gesellschaft langweilen konnte, dem war in dieser Beziehung überhaupt nicht zu helfen; Mordochai Zewi jedoch legte hohen Werth auf die Gesellschaft seines Freundes. Am frühen Morgen hatte ihn Jachini ausgesucht und nun saßen sie schon mehrere Stunden beisammen, in traulicher Unterhaltung vertieft. „Ein behagliches Nest hast Du Dir eingerichtet," sagte Jachini sich zurücklehnend und nicht ohne einen Anflug von Neid, den freundlichen Raum mit seinem Blicke durchstreifend, „Gott hat Dir'Glück gegeben." „Gott hat mir Glück gegeben," wiederholte Mordochai Zewi mit stillvergnügtem Lächeln, „und ich schulde Ihm hohen Dank dafür. Und doch ist das Glück, das Er mir verliehen hat, nicht von der Art, die Du vorauszusetzen scheinst." Jachini betrachtete den Freund mit seinen stets lauernden Blicken. „Ich verstehe Dich nicht — ich weiß nicht, auf was Du anspielst — aber ich sehe Dein behagliches Heim und ich schließe daraus, daß Gott Dein Thun gesegnet hat und Deine Unternehmungen hat gelingen lassen. — Das nenne ich Glück." „Das ist auch Glück," stimmte Mordochai Zewi bei, „aber weißt Du, wodurch mir dieses Glück zu Theil geworden ist und zu Theil wird? — Denn, Du hast recht, was ich unternehme, das gelingt." Jachini schüttelte staunend den Kopf. „Wenn Du ein Mittel weißt, das Glück zu zwingen, so erweise mir den Freundschaftsdienst und lehre mich dieses Mittel kennen. Denn, wie Du vermuthlich bemerkt haben wirst, diese Art von Glück hat sich bisher nicht an meine Versen geheftet." Mordochai Zewi lächelte abermals. „Ob es Dir nützen wird, wenn ich es Dir mittheile, das kann ich freilich nicht verbürgen. — Aber Du bist mein Freund, und Freunde sollen vor einander kein Geheimniß haben. Also vernimm: Du weißt, es gibt eine geheime Lehre, eine geheime Wissenschaft, überliefert aus alt uralter Zeit. Nur die Weisesten der Weisen vermögen sie zu durchforschen, doch wer sie durchforscht, dem wird das Unerforschliche offenbar, der durchschaut mit geöffnetem Auge Zeit und Welt vom Urbeginn an, bis auf den heutigen Tag und bis in die fernste Zukunft." „Du sprichst von der Kabbala?" sagte Abraham Jachini. Mordochei Zewi neigte bejahend das Haupt. „Ich spreche von der Kabbala. Ein ganzes Menscheualter haben die Weisesten der Weisen gebraucht, um einzudringen in ihre geheimnißvollen Lehren — und ich, ich besitze einen Sohn, dem Jünglingsalter kaum entwachsen und dennoch bereits erfüllt von all' den Lehren jener erhabenen Wissenschaft, die er, trotz seiner zweiundzwanzig Jahre, bereits vollständig durchforscht hat." „Nicht möglich!" rief Jachini staunend. „Nicht möglich erscheint es dem Laien, nicht möglich erscheint es dem Gelehrten, und dennoch ist es Thatsache. — Und diese Thatsache ist es, die mein Glück begründet, das mein Sohn durch sein unablässiges Forschen für mich bezwungen hat." Jachini wiegte staunend sein graues Haupt. „Wie? — Du glaubest —" „Ich bin davon überzeugt. Doch st!" unterbrach er sich selbst, „ft! gleich wirst Du ihn hören."

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