Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 37 (11.5.1891)
- Date
- 1891-05-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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HM. Jahrgang. M. SV. Israelit«,*Ieschurun. Btitfdjrift W FörderW {HU. Eelltrs M D. Kebeir lll Kau. «meMe ui Ztzile. Kmtrat-Hrgan für das orthodoXe Zudenthum. Begründet von Dr. Lehman« in Mainz. Montag, den 11. Mai 5651 (1891). Leitender Artikel. Synodale Zukunftsmusik. Berlin, I. Mai. Im wunderschönen Monat Mai möchte es gestattet sein, die Aufmerksamkeit auf eine verborgene Aprilblüthe zu lenken, die sonst in dem uns umgebenden Blumenflor leicht Gefahr läuft, ganz übersehen zu werden. Sie befindet sich in den Beeten der ersten Aprilnummer der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" und hat Herrn Rechtsanwalt Emil Lehmann in Dresden zum Gärtner. In einem Brief an einen Freund wirft Herr Lehmann einen Blick auf das Fiasko der bisherigen Synoden und fordert zur Einberufung einer neuen auf, die diesen Sommer in Berlin zusammentreten möge. Wenn auch jeder deutsche Bürger verfassungsmäßig das Recht hat, sich so gründlich zu blamiren, als er eben kann, so nöthigt einem doch der ausgiebige Gebrauch, den Herr Lehmann von diesem Privilegium macht, ein staunendes Lächeln ab. Seit 1871 hat keine Synode stattgefunden. Sich alle 20 Jahre einmal zu blamiren, hat an und für sich zwar nichts Außerordentliches. Aber dazu aufzufordern, mit der elegisch sauer-süßen Miene, wie da Herr Lehmann Wasser in seinen Wein schüttet, dazu gehört ein gewisser Muth, den außer Herrn Lehmann Wenige besitzen. Und daran wird leider die Synode für diesen Sommer scheitern. Das Bedürfniß, sich öffentlich lächerlich zu machen, ist doch nicht in dem Maße allgemein vorhanden, als es für Abhaltung einer Synode erforderlich ist. Man kann dies bedauern. Es ist heilsam für die gute Sache, wenn das abgewirtschaftete Reformjudenthum von Zeit zu Zeit seine vollendete Impotenz öffentlich und offiziell constatirt. Da man aber ohne viel prophetische Gabe schon jetzt sagen kann, daß dieser Herzenswunsch des Herrn Lehmann sich sobald nicht verwirklichen wird, so wollen wir aus dem Schwanengesang, der hier den verflossenen Synoden gesungen und der Zukunftsmusik, mit welcher die kommende Synode begleitet wird, einige Töne ablauschen und sie durch einige wenige Roten bereichern. Herr Emil Lehmann galt von jeher als enfant terrible der Synoden. Aber was er hier dem Gehege seiner Lippen entfliehen läßt, ist so köstlich, daß man es einfach ohne allen Commentar abdrucken soll. ruüp rruDip nfr b w. Weh' dem, dessen Fürsprecher sein Ankläger wird! „Du hast Recht, lieber Freund," so beginnt Herr Lehmann sein Sprüchlein. „Es geht uns alten Synodalen von 1869, wie auf politischem Gebiet den alten Abgeordneten vom Frankfurter Parlament. Einer nach dem Andern scheidet von hinnen. Ja, schlimmer! Die Männer von 1848 erlangten Nachfolge, sahen ihre wesentlichsten Ziele im Reich und Reichstage erfüllt. Aber wir von der Synode? In jener herrlichen Habdalah-Rede*), mit der Prof. Dr. Lazarus am 4. Juli 1869 die Leipziger Synode schloß, in der er aufforderte, Gott zu danken, „der das Feuer der Begeisterung, die Gluth der Gefühle, das Licht der Erkenntniß in die Menschenseele gelegt hat" — sprach der Redner die Hoffnung aus, daß die Synodal--Versammlungen von Jahr zu Jahr wachsen an Anzahl der Mitglieder, im Eifer des Geistes, in der Fähigkeit der Arbeit und in dem .Erfolge, welchen sie dann für das ganze Judenthum haben werden, damit erfüllt werde an der Synodal-Versammlung das Wort: „ob auch sein Anfang gering war, seine Nachfolger werden wachsen, blühen und gedeihen", unsäglich edel, friedlich und freundlich, glücklich, fruchttragend. Und der leider längst Heimgegangene geistreiche Leopold Löw dankte für diese „prophetischen" **) Worte, und pries die Zeit als gekommen, wo jüdische Theologen über religiöse Fragen aus eine gedeihliche Weise berathen und Beschlüsse fassen können." Nur der Krieg verhinderte, daß nicht schon 1870 die zweite Synode folgte. Sie ward 1871 in Augsburg abgehalten, freilich mit etwas geringerer Theilnehmerzahl: 52 gegen 83. Aber die zweite Augsburger Synode hat nicht *) Wenn die Leipziger Abschiedsworte die Bezeichnung Habdalah-Rede verdienen, so darf man wohl das Festessen in den „Drei Mohren" bei der Augsburger Synode als npDDC miJ?D bezeichnen. **) Die Ausstattung dieser „Prophetie" mit Gänsefüßchen hat Herr Lehmann auf dem gewissen. — Es ist dies jedenfalls eine zartsinnige Methode, um einen N'ZJ als solchen zu zeichnen.