Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 34-35 (4.5.1891)
- Date
- 1891-05-04
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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XXXII. Jahrgang. Beilage 34-.38»-- „Israelit«. Irschurun" Leitende Artikel. Nluszrrg aus den Verhandlungen der 111. Sitzung des deutschen Reichstags. Berlin, 30. April. Verschiedene Darlehens-Kassenvereine des Regierungs- Bezirks Kassel, des Elsaß und Bayerns petitioniren um Revision und Verschärfung des Wuchergesetzes von l880. — Auf Grund eittet Erklärung des Kommissars in der Petitionskommission beantragte Letztere, die Petitionen dem Reichskanzler als Material für eine etwaige Aenderung der betreffenden Gesetzgebung zu überweisen. — Abg. von Strombeck beantragt die Ueberweisung der Petitionen zur Berücksichtigung event. zur Erwägung. Abg. L i e b e r m a n n v. Sonnenberg: (Antisemit). Die Wünsche der Petenten entsprechen einem Programmpnnkte der Partei, die ich hier vertrete. Der Zeitpunkt für eine Revision des Gesetzes ist außerordentlich günstig, denn der Wucher greift in entsetzlicher Weise um sich, und die Beweise dafür sind überall mit Händen zu greifen. Die Früchte der Güterschlächterei treten immer deutlicher zu Tage. Der Wucher wirkt wie ein Krebsschaden, der den ganzen Volkskörper zu vernichten droht. Tritt nicht bald Abhülfe ein, dann rückt die Gefahr einer sozialen Revolution immer näher. Herr Singer will ja die Revolution, aber nicht mit der Heugabel. Ich glaube ihm, daß er diese im Zeitalter des Dynamits nicht mehr mag. Aber bedauerlich ist es doch, daß die Landleute nicht in die Lage kommen werden, den sozialdemokratischen Revolutionären mit der Heugabel entgegenzutreten, denn auf diesem Wege würde mehr zur Befreiung des Landes von diesem Uebel gewirkt werden, als auf irgend einem anderen Wege. Macht die Regierung mit einer Verschärfung der Bestimmung jetzt Ernst, so wird sie auch eine große Majorität des Reichstages hinter sich haben, denn bis tief in die Reihen der Linken sitzen die Freunde einer solchen Verschärfung. In Weiterem führt Redner für sein Verlangen die Berichte und Abhandlungen des Vereins für Sozialpolitik über die Wucherfrage und einzelne Spezialfälle von Bewucherung der Bauern durch jüdische Wucherer hauptsächlich aus Württemberg und Baden an. Nicht-Juden seien nur in ganz verschwindendem Procentsatz an den dortigen Wuchergeschäften betheiligt. Die Berichte seien meistens noch schönfärberisch gehalten, mit Ausnahme desjenigen aus dem Trierer Lande, den Kaplan Dasbach erstattet hat. Viel zu rosig sei auch der Bericht über die Provinz Brandenburg. Eine private Statistik, welche Redner im Kreise Friedberg ausgenommen hat, ergebe, daß von 216 Güterschlächtern, die an den Ausschlachtungen der letzten 13 Jahre betheiligt waren, 179 Juden waren. Dasselbe gelte für Schlesien und auch für Ostpreußen, trotz der ungewöhnlich schöngefärbten Berichte des Herrn Stöckel. Schassen Sie uns den Judenwucher aus dem Lande, dann kann man mit Ihnen auch über eine Ermäßigung der Getreide- und Viehzölle sprechen! Die Bewohner des Sundgaues in Elsaß baten seiner Zeit die französische Regierung um Ueberführung der unter ihnen wohnenden Juden in andere Departements. Ich würde eine ähnliche Maßregel für uns Vorschlägen und lenke dabei die Aufmerksamkeit auf unsere australischen Kolonien. Ich empfehle den Herren, welche sich den Schutz des Judenthums zur Ausgabe gemacht haben, dieses heute von mir vorge schlagene thatsächliche Material'. »Hic Rickert, hie salta.“ Abg.Rickert (freis.): Ich halte es für unmöglich, mit dem Vorredner sachlich zu diskutiren. Ein bewunderungswürdiges Zeichen von Geduld der Vertretung eines mächtigen Kulturvolkes war es, wenn sie einer solchen Rede so lange zuhörte. Diese Mittel, mit welchen die Antisemiteil bei uns arbeiten, um den Frieden im Volke zu untergraben'. Die Angaben aus dem Buche des Vereins für Sozialpolitik sind längst abgedroschen, kritisirt und verurtheilt. Derartige allgemeine Redewendungen finden sich viel häufiger in demselben Buche in entgegengesetzter Richtung. Positive Vorschläge hat der Vorredner nicht gemacht. Die ganze Rede war nichts weiter, als ein unbegründeter Angriff gegen die Juden im Allgemeinen. Der Wucherer im schlechten Sinne ist ein ekelhaftes, der öffentlichen Verachtung würdiges Geschöpf, darum besteht kein Streit. Die Aufhebung der Wuchergesetze war das Werk sehr christlicher, echt konservativer Minister, es sind dafür alle Parteien, namentlich aber die konservativer Männer des hohen Adels eingetreten. Nicht immer sind Diejenigen die wahren Wohlthäter der Menschheit, die mit solchen Sittlichkeitsphrasen in die Bevölkerung Hineinrufen. Seit dem Wuchergesetze von 1880 haben die Bestrafungen wegen Wuchers abgenommen, die Subhastationen kleiner und mittlerer Güter haben ebenfalls abgenommen. Der badische Verein gegen den Wucher in Karlsruhe verdankt seine Entstehung einem Juden. Die Antisemiten haben in dieser Beziehung sehr wenig gethan. Die Güterschlächterliste ans Hessen, welche die Herren früher produzirten, erstreckte sich auf einen Zeitraum von 34 Jahren! Von den gesammten dort angeführten 96 Fällen steht bereits in 33 Fällen fest, daß es sich nicht um Vertreibung von Haus und Hof, um Vernichtung der Existenz durch Wucher gehandelt hat. Die Güterschlächterei ist nicht nur kein ehrloses Gewerbe, sie ist eine Nothwendigkeit. Der ganze Zug der Zeit, die Experimenten mit den Höferollen, den Rentengütern, den Heimstätten, sie sind nichts weiter als Formeln für die Tendenz, die Latifundien zu zerschlagen. Die Juden sind durch die kaiserlichen Edikte früherer Zeiten einfach gezwungen worden, Wucherer zu werden! (Lachen rechts.) Man ließ sie kein ehrliches Gewerbe betreiben. Wer das nicht weiß, kann in dieser Frage gar nicht mitreden. Die jüdische Moral in Bezug auf die