Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 34-35 (4.5.1891)
- Date
- 1891-05-04
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXJI. Jahrgang. Zweite Itilagt?«MM L 35 des „Israelit & Jefdjurun“ Leitender Artikel. Zur Würdigung der Hagesfragen. Von Isaak Hirsch. (Fortsetzung.) Der Rabbiner von Berlin antwortet dem Pariser Notabeln am 8. October 1872, daß er sich durch dessen „inhaltvolles" Schreiben tief bewegt fühle. Er erblickt in Herrn Bischoffsheim „ein leuchtendes Vorbild" und freut sich der Versicherung, „daß in Frankreich Lage und Stimmung gegenwärtig die günstigsten Erfolge versprechen, wenn das Unternehmen ernst und angemessen ergriffen werde." Er redet vor Allem der „praktischen Reform" das Wort. Daß die Einzelnen sich von der Befolgung der Religionsgesetze in ihrem Privatleben lossagen, genügt ihm aber gar nicht. Das Gemeindeleben muß davon ergriffen werden. „Speisevorrichtungen" dürfen nicht mehr der Mittelpunkt der Gemeinde-Institute sein; diese „müssen von der Schlingpflanze (!) gereinigt werden." Auch „die fortschreitende Läuterung des Gottesdienstes" muß vollzogen werden. „Es dürfen nicht mehr Klagen über die Entfernung von Palästina, Bitten um Rückkehr, um Sammlung in Jerusalem, um Aufbau des dortigen Tempels, um Herstellung des Opferwesens gesprochen werden, keine Hervorhebung des Priesterthums, kein Angedenken an das versuchte Menschenopfer Abrahams (!!) geduldet werden." Um diese vollständige Zerstörung des Judenthums zu vollbringen, darf man „den Kampf" nicht scheuen. Auch muß man die Vorsteher-, Rabbiner- und Lehrämter mit solchen Personen zu besetzen suchen, die „mit aller Hingebung in diesem Sinne wirken". Er rühmt, daß man es „in Deutschland damit schon recht weit gebracht" habe. Nur der Anfang sei schwer; „was darauf folgt, ist weit leichter und rascher zu bewirken." Er freut sich „des umfassenden Blickes", den der Pariser Notable „in der weiten Aufgabe bekundet, welche er der Reform zuweist." Nur mahnt er vorsorglich zu einem „allmählichen Voranschreiten." Kann man deutlicher aussprechen, daß der Vernichtungskampf gegen das Judenthum das eigentliche Wesen der Reform ist? Und darf man nicht Geiger als einen durchaus glaubwürdigen und competenten Zeugen für die Thatsache betrachten, daß bereits in Deutschland seitens der Vorsteher, Rabbinen und Lehrer für diese praktische Reform, d. h. für die Zerstörung des Judenthums, sehr viel geleistet wird? Wie will man Angesichts dieser Thatsache sich noch immer der Erkenntniß verschließen, daß die Bestrebungen der Männer der Reform, ob sie nun Rabbiner, Lehrer oder Vorsteher sind, mit vollem Bewußtsein darauf gerichtet sind, das Judenthum auszurotten? Wie kann man noch immer sich durch Phrasen blenden lassen, durch den Mißbrauch des Begriffes „Erhaltung des Judenthums", durch den Trug der Devise: „Ausschluß der religiösen Frage", mit welchem die Anhänger und Bekenner des einzig wahrhaftigen Judenthums zur Heercsfolge dessen erbittersten Feindes, der Reform, veranlaßt werden sollen?? Wahrlich, wenn irgendwo Mißtrauen gerechtfertigt sein kann, so ist es der Reform gegenüber und jeglichem Entgegenkommen, das sie scheinbar uns zu erweisen sich bereit erklärte. Wenn irgendwo, so gilt hier das timeo Danach et dona ferentes, die Reform, ihre Bestrebungen, ihre Anerbietungen sind zu fürchten, selbst wenn ihre Wortführer uns mit Geschenken entgegentreten. Wenn sie uns auffordern, mit ihnen vereint gegen die Verumglimpfung des Judenthums und die Judenhetze zu wirken, so haben wir es ja leider erleben müssen, daß der erste gemeinsame Schritt — jene Versammlung im Dezember 1880 zu Berlin — zu einer Verleugnung des Judenthums mißbraucht worden ist. Der Vorsitzende jenes „jüdischen Comites vom 1. Dezember 1880" Professor Dr. Lazarus, gab in seiner Ansprache vom 16. Dezember 1880, welche als offizielle Kundgebung unter dem Titel „Unser Standpunkt" massenhaft verbreitet wurde, den Talmud preis. — „Was das sonst so interessante Buch, den Talmud betrifft, so soll man wissen, daß es für uns kein Gesetzbuch ist, niemals gewesen ist; denn es ist eine Sammlung der mannigfachsten Art. Die Kenntniß seines Inhalts ist bei den deutschen Juden außerordentlich selten. Ist auch weitaus das Meiste, was darin steht, für uns zur historischen Notiz geworden;" — so lautete die Erklärung, die als Ausdruck des Bekenntnisses der deutschen Judenheit betrachtet werden wollte, während sie in Wirklichkeit nur den „religiösen Standpunkt" der Reform darstellt, der Lehre des Judenthums aber geradezu Hohn spricht. „Das einzige welthistorische Judenthum, das seinen gottgewiesenen Gang in der Mitte der Völker, alle Jahrhunderte der Geschichte hindurch bis in die lebendige Gegenwart