Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 32-33 (21.4.1891)
- Date
- 1891-04-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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613 dieser Hinsicht erspart blieben. Sie hing mit ihrer früheren Schwärmerei an dem Großvater, mit inniger Liebe und Verehrung an den Eltern und suchte, so viel es in ihren Kräften stand, beiden ihr schweres Los tragen zu helfen. Der Frühling ist wieder ins Land gekommen, und Feld und Wald, Wiese und Flur, Busch und Strauch haben ihr Festkleid angelegt, Gott zu ehren. Lerchen und Meisen, Nachtigallen und Finken schmettern ihre schönsten Lieder aus froher Brust in den blauen Azur — ein Dankgottesdienst ihrem Schöpfer. Auch in dem menschlichen Herzen regt es sich wie Frühlingswehen; eine unnennbare Sehnsucht zieht ein und zeitigt alle die herrlichen Lieder, die gottbegnadete Dichter zur Ehr und Preis des Schöpfers dem Frühling gesungen. Aber nicht nur des Dichters Herz empfindet diese Sehnsucht — auch jenes Mädchen, welches staunend vor der Blüthenpracht eines Pfirsichbaumes steht, ist von ihr ergriffen und als fromme Jüdin spricht sie den Segensspruch, den unsere Weisen uns zu sagen vorgeschrieben, wenn unser Auge von der frühen Blüthenpracht geblendet und entzückt sich zu jenen Höhen wendet, von wannen Heil und Hilfe, Trost und Glück, aber auch Leid und Elend kommt. Es ist Bella, die heute, am frühen Morgen, das Erwachen der Natur schauen will und die, während die Wärterin ihre Stelle bei der Mutter einnimmt, die Einsamkeit des Gartens ausgesucht hat. Noch bewundert ihr entzücktes Auge die Herrlichkeit der Natur, als sich auf dem weichen Kiesboden Schritte vernehmen lassen und Arthur Willig sich der Stelle nähert, wo Bella durch eine Zwergpinie versteckt stand. Sie ließ ihn vorüberschreiten, sprang alsdann hinter ihm drein und versuchte, mit ihren beiden Händen ihm die Augen zu verdecken. Scheinbar erschrocken blieb Arthur stehen und fing an zu rathen, wer ihm die Augen zuhalte. Er war boshaft genug, zu sagen: „Minna, Minna, in Ihrem Alter haben Sie noch Lust zu solchen Scherzen!" Das ging doch über den Scherz; sie für die alte Haushälterin des Großvaters zu halten! Schmollend ließ sie Arthur los und wollte sich entfernen. Dieser hielt sie jedoch am Kleide fest und sprach: „Ei, guten Morgen, Bella; Sie haben mich aber wirklich überrascht, ich hätte —" „Geglaubt, die alte Minna — danke für das Eompliment." „Sie werden doch einen Scherz verstehen, Fräulein Bella! Uebrigens hielten Sie meine Augen so fest zu —" „Noch lange nicht fest genug!" „Meinen Sie? Ich freue mich übrigens, Sie hier getroffen zu haben, denn ich habe Ernstes mit Ihnen zu reden." „Ernstes? Sie machen mich neugierig." „Nicht wahr, wie alle Evastöchter. Nun hören Sie zu." „Ich höre." Der junge Mann räusperte sich und kam in Verlegenheit. Er wußte nicht, wie er beginnen, sein Anliegen Vorbringen sollte. Wohin war der kecke Muth des berühmten Vertheidigers gekommen? Vor diesem Mädchen stockte und stotterte er, wie ein unmündiger Knabe. Das richtige Wort wollte nicht über seine Lippen und so sprach er: „Sie haben von Eva schon gehört?" „Gewiß, schon in der Schule", lachte Bella. Arthur wurde durch Vella's Lachen immer verwirrter. Er fuhr fort: .,Und Sie wissen, wer Eva war?" „Ja, Herr Lehrer!" neckte Bella. Wieder entstand eine Pause. Bella amüsirte sich köstlich und fuhr fort: „Eva war die Frau des Adam." „Ganz recht, ganz recht. Die Frau des Adam. Sie sind auch eine Eva, aber nory keine Frau. Das schadet nichts; Sie sollen erst eine werden. Haben Sie Lust dazu?" „Ich fühle noch nicht die geringste —" „O weh! ich wollte Ihnen gerade die Hand dazu bieten, wollte Sie fragen, ob Sie meine liebe Frau werden wollten." „Sehr schmeichelhaft —" „Nur die Sache nicht als Scherz betrachtet, liebe Bella." Er faßte ihre Hand, die sie ihm auch nicht entzog, und jetzt flössen die Worte nur so von seinen Lippen. Er sprach lange und eindringlich mit gerötheten Wangen und leuchtendem Blick und auch hier mußte sich die Kraft feiner Rede bewähren, denn alsbald schwand der Schalk aus ihrem Antlitz und heiliger Ernst nahm Platz aus ihrer Stirne. Arthur mußte den Weg zu ihrem Herzen gefunden haben, denn nun traten Thränen in ihre Augen und sie blickte zärtlich auf die stolze Mannesgestalt, die neben ihr einherschritt. Sie liebte ihn ja längst, und da sie nun hörte, daß auch sie geliebt werde, sollte sich ihrem Glücke nichts in den Weg stellen. Aber durfte sie glücklich sein? War sie nicht egoistisch? Konnte ihre Mutter sie denn entbehren? Wie konnte sie an ihr eigenes Glück denken, so lange die Mutter so unglücklich war? Nein, sie durste nicht, sie mußte verzichten. Sie hatte sich selbst ja diesen Beruf gewählt und nun mußte sie diesem treu bleiben, sie durfte die kranke Mutter nicht verlassen. Und als Arthur mit der Frage schloß: