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Der Israelit · 1891-04-06 · Heft 28 (6.4.1891) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 28 (6.4.1891)
Date
1891-04-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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528 begreiflich, daß nicht allzuoft mit derartigen Bekenntnissen hervorgetreten wird, weil man damit sich der Gefahr aussetzt, für die Entfaltung einer Wirksamkeit und die Behauptung einer prominenten Stellung innerhalb der jüdischen Kreise unmöglich zu werden. So dürfte die Vermuthung auch vielleicht nicht ganz fehlsam zu sein, daß Herrn Lehmann's Enthüllungen einer schwachen Stunde entstammen. Man hatte sich doch wohl in der Beurtheilung der Zeitströmung geirrt und war zu voreilig mit der Lüftung des Schleiers gewesen, der den wahren Endzweck der reformistischen Bestrebungen dem nicht eingeweihten Auge entzieht. Herr Lehmann mag seine unzeitige Offenherzigkeit sehr wohl bedauern. Ebenso hätte Abraham Geiger, welcher 1874 als Rabbiner der Berliner Gemeinde gestorben ist, schwerlich zugegeben, daß sein Sohn, Ludwig G e i g e r, der Herausgabe seiner hinterlassenen Schriften eine Anzahl Briefe angefügt hat, die manch sorgfältig gehütetes Geheimniß offenbaren. Dieselben sind nicht nur höchst interessant, sondern auch ungemein lehrreich, da sie einen Einblick in die wahren An- und Absichten dieses hervorragendsten Reformers gewähren, Anschauungen und Ziele, die allerdings mit der Stellung eines Rabbiners der größten deutschen Synagogengemeinde so völlig unvereinbar sind, daß selbst die Berliner Gemeinde Geiger schwerlich in ihrem Rabbinate geduldet hätte, wenn sie allgemein bekannt gewesen wären, wenn er den ehrlichen Muth besessen hätte, von der Kanzel herab dafür offen Propaganda zu machen. Es sei hier nur auf den Briefwechsel mit L. R. Bischoffsheim in Paris hingewiesen.*) Bischoffsheim schreibt an Geiger am 7. September 1872, daß cs jetzt Zeit sei, „daß das Wort zur That werde und daß die Verfassung, in der Frankreich jetzt lebt, sich ganz vorzüglich eigne, um die gewünschte Bewegung in Paris hervorzurufen." Die Mehrzahl der in Paris lebenden ca. 40,000 Juden habe sich von fast allen rituellen Banden befreit, „dergestalt, daß sie nur dem Namen nach noch Juden sind." „Viele der besten und reichsten Familien besuchen keine Synagoge mehr" und verheirathen oft ihre Töchter an Christen, und wenn die Frauen auch sich selbst nicht taufen lassen, „so werden doch die Kinder als Christen erzogen." Die religiöse Erziehung der Kinder sei in den meisten jüdischen Familien „gleich Null." Es sei demnach „ein allmähliches Uebergehen des Judenthums zur herrschenden Religion" wohl unvermeidlich. Um diesem noch vorzubeugen gäbe es nur ein Mittel, *) Abraham Geigers Leben in Briefen herausgegeben von Ludwig Geiger. Berlin 1878. S. 345 n. f. und zwar „eine solche totale Reform hervorzurufen, daß verständige Christen leicht zu uns herübertreten können". Die Beschlüsse und Vorschläge der Rabbinerversammlung zu Philadelphia gingen zwar weit, aber genügten noch lange nicht; sie lassen „Peßach und Versöhnungstag noch unberührt"; man dürfe aber nicht „accordiren, feilschen, laviren", sondern müsse „den Muth seiner Meinung haben und Alles über Bord werfen." Die Bibel müsse zur Seite gesetzt werden u. s. w. „Solche Ideen", meint Bischoffsheim, „nähere" sich denen der Unitarier, aber wir wollen nicht in eine christliche Secte aufgehen, wenn wir auch auf den Namen Juden Verzicht leisten könnten." Sein Ideal sei, „eine darauf gefaßte Religion, zu der sich jeder ehrliche und verständige Mensch bekennen könnte", und er legt Geiger, mit dessen „Ansichten über die Aufgabe und die Zukunft des Judenthums" er vollkommen einverstanden sei, die Frage vor: „wie bringt man das zu Stande?" Was antwortet der Rabbiner von Berlin auf diese Frage? (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Hamburg, 25. März. Gestern Abend wurde auf den Inspektor des jüdischen Kirchhofs Haarburger ein Mordversuch gemacht. Ein etwa 22jähriger Mensch führte sich bei dem Ueberfallenen als Ueberbringer eines Briefes ein und schlug denselben, als er das Schreiben las, mit einem Beile auf den Hinterkopf, so daß er blutüberströmt zusammensank. Offenbar liegt ein Raubmordverfuch vor. Der Verbrecher entkam. Wongrorvitz, 29. März. In den letzten Tagen ist in verschiedenen Zeitungen von einem zwischen einem Gerichtsassessor und einem Referendar in Göttingen stattgefundenen Duell berichtet worden, wobei ersterer schwer verwundet und nach einigen Tagen seiner Verwundung erlegen sei. Es dürfte wohl den wenigsten Lesern dieses gesch. Bl. bekannt sein, daß der gefallene Duellant Jude war und zwar der Sohn eines hiesigen Kaufmannes, Herrn Joseph Ziegel, und daß ein Stückchen Antisemitismus mit im Spiele war. Den unmittelbaren Anlaß zu dem Duell gab eine Bemerkung des Referendars, die weniger für die Person als vielmehr für den Juden so beleidigender Natur war, daß derselbe sich zur Verabreichung einer Ohrfeige hinreißen ließ, worauf die Forderung von der anderen Seite erfolgte. Bemerkenswerth ist ein von dem Verwundeten während seiner Leidenszeit verfaßtes Schreiben, in welchem er u. A. heißt, er habe die Forderung nur

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