Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 26-27 (1.4.1891)
- Date
- 1891-04-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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517 ihr das Herz schwellten, in ein zartes Wiegenliedchen aus, das ich noch heute mit den Worten wiedergeben kann: „Draußen ist Nacht und Wind Schlafe sanft, liebherziges Kind Schlaf in Freuden, Fern von Leiden, Schlafe sanft, liebherziges Kind, Draußen ist Nacht und Wind. Draußen ist Nacht und Wind O, fürchte nicht, liebherziges Kind. Tausend lichte Engelein Schweben um Dein Wiegelein Singen Dir gar sanft und lind Schlafe sanft, liebherziges Kind! Das Wort „Schlaf" schien Jankele seit jener Zeit ganz unbekannt zu sein, denn er wachte jetzt oft ganze Nächte an der Wiege des Kindes, das er leise mit dem Fuße schaukelte, während er mit fleißigen Händen sich bei der Arbeit beschäftigte. „Jetzt heißt es einen Sparpfennig einsammeln", sagte er oft. Von Zeit zu Zeit unterbrach er sich, um nach dem Kinde zu sehen und mit den Lippen leise und kaum fühlbar sein Mündchen zu berühren. Da geschah es einmal, daß Jankele, als er wie gewöhnlich an der Wiege des Kindes wachte, plötzlich einen Ruf des Schreckens ausftieß. Das Kind stöhnte nämlich und seine Athemzüge gingen schwer, abgebrochen und stoßweise. Rachele fuhr aus dem Schlafe empor, und bald stand auch sie über die Wiege des Kindes gebückt. Das Gesichtchen des Kleinen brannte in Fieberseuer und die Aeuglein waren zur Hälfte geschlossen. Der verzweifelte Wehruf, den die Eltern bei diesem Anblicke ausstießen, weckte auch uns aus dem Schlafe und wir erkannten sofort, daß der Zustand des Kindes in der That bedenklich war. Der Arzt, der noch mitten in der Nacht herbeigerufen wurde, machte eine ernste Miene und meinte endlich, die Krankheit ließe sich zwar nicht voraus angeben, aber da Diphterttisanfälle gerade damals bei Kindern häufig auftraten, sei diese Krankheit zu befürchten, jedenfalls müffe man den Verlauf abwarten. Der Verlauf war höchst unbestimmt, bald schien sich das Kind leichter zu fühlen, verlangte nach Nahrung und lallte so lieblich, wie gewöhnlich, bald verfiel es in brennende Fieberhitze und stieß heisere und röchelnde Töne aus. Je nach dem Befinden des Kindes wechselte auch die Stimmung der Eltern, die zwischen Augst und Hoffnung schwebten, und es war eine harte Aufgabe, die manch mal schier Verzweifelten zu beruhigen. Gerade um diese Zeit ereignete es sich, daß Jankele eines Frühmorgens — Rachele lag noch, ermüdet von der durchwachten Nacht, im tiefen Schlafe — ein amtliches Aktenstück erhielt, und das bildete in unserem stillen, ärmlichen Häuschen ein Ereigniß, das geeignet war, uns in Schrecken zu versetzen. — Jankele zitterte denn auch am ganzen Körper, als er das Couvert erbrach und Leichenblässe bedeckte sein Antlitz, als er den Inhalt deS Aktenstückes durchflog. „Jankele, was ist Dir?" fragte ich voll Entsetzen. „Das Schreiben ... von der Militärbehörde", stammelte er mit bebenden Lippen. Ich nahm das Aktenstück aus seinen Händen, und als ich es las, wollte mir das Herz stehen bleiben vor namenlosem, entsetzlichen Weh. Im ersten Augenblick glaubte ich zu träumen, denn was ich da las, war so ungeheuerlich, daß ich es nicht fassen konnte. Jankele wurde nämlich in dem verhängnißvollen Schreiben verständigt, daß die Militärbehörde von seiner Bitte, wieder in den Activitätsdienst versetzt zu werden, Notiz genommen habe, daß er bereits in die Militärliste ausgenommen sei und daher binnen drei Tagen sich zum Abmarschiren bereit halten solle. „Um Gotteswillen," sprang ich verzweiflungSvoll auf, „was hast Du gethan?" Jankele stierte mich entsetzt an. „Gethan?" wiederholte er tonlos. „Weißt Du vielleicht etwas davon, Vater?" „Du hast also nicht darum nachgesucht?" „Ich nachgesucht?" fragte er mit einem herzzerreißenden Lächeln, „heißt das nicht mein Weib und mein Kind verlassen?" Da durchzuckte es mich auf einmal wie ein greller Blitz. „Die rothe Schlange," stieß ich hervor, „das ist das Satanswerk der rothen Schlange!" „Was jetzt anfangen," brach Jankele in wilder Verzweiflung aus, „was jetzt anfangen?" „Vor Allem heißt es, die Hände nicht müßig in den Schooß zu legen," erwiederte ich entschlossen, „eilen wir nach dem Bezirkskommando; vielleicht läßt sich noch alles gut machen." Wie von einem Taumel ergriffen, stürzten wir in das Bezirkskommando. Dort fanden wir den Oberst des Regimentes, unter welchem Jankele gedient hatte, umgeben von mehreren Offizieren. „Der war immer mein bravster Soldat," sagte der Oberst, als er Jankeles ansichtig wurde. „Dar ist schön von ihm, daß er sich seinem Kaiser und Herrn in den Zeiten der Noth zur Verfügung gestellt hat!" Jankele zitterte wie Espenlaub. „Herr Oberst," stammelte er, „ich habe nie um Einreihung gebeten — ich bin jetzt Familienvater." (Fortsetzung in der nächsten Montags-Nummer.) Für den folgenden Theil fft die Nrdaction nicht verantwortlich.