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Der Israelit · 1891-03-26 · Heft 25 (26.3.1891) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 25 (26.3.1891)
Date
1891-03-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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481 nach ihr gesehen zu haben. Ein unsagbares Weh ergriff sie und sie weinte bitterlich, weinte so lange, bis sie endlich, vor Müdigkeit und Weinen erschöpft, in eine Art Halbfchlummer versiel. Auch der Commerzicnrath und seine Frau konn-' ten den Schlaf nicht finden. Sie hatten beide so große Hoffnungen auf dieses Fest gesetzt und waren gründlich enttäuscht worden. Die erschienenen Gäste konnten jeden Fremden täuschen, denn die besten und bekanntesten Namen waren vertreten gewesen. Trotzdem hatte der Conimerzienrath an den Nichterschienenen gemerkt, daß man seinem Wunsche, mit den aristokratischen Kreisen in intimeren Verkehr zu treten, keineswegs wohlwollend entgegenkam. Die Scene, die seine Frau mit der Baronin Greif hatte, ließ ihn erkennen, daß selbst der herabgekommene Adel ihn nicht für gleichwertig halte. Er hatte gehofft, durch eine eheliche Verbindung mit einem armen, aber altadeligen Hause in den hohen Kreisen festen Fuß fassen zu können — da spielte ihm die eigene Tochter diesen unerwarteten Streich, kurz, das Fest hatte, trotzdem es eine Menge Geld gekostet hatte und anscheinend glänzend verlaufen war, seinen Zweck verfehlt. Die Unterredung, die er mit Arthur gehabt, hatte ihn furchtbar erregt, denn der junge Mann hatte sich seinem Onkel gegenüber offen ausgesprochen und ihm über gar Vieles die Augen geöffnet. Aber er wollte ja nicht sehen! Wenn er nur sein Ziel erreichen konnte, was lag ihm am Urtheil der Welt, was an dem seiner Glaubensgenossen! Wäre sein Vater nicht gewesen, so hätte er längst das Band zerrissen, das ihn, freilich nur noch sehr lose, an das Judenthum kettete. Dem alten Manne wollte er diesen Kummer nicht bereiten und so mußte er warten — warten, bis sich die Augen für immer schlossen, die ihm heute Abend so zornig entgegengeblitzt. Auch der Vater des Commerzienrathes fand keine Ruhe. Er saß vor seinem Schreibtische und schrieb die ganze Nacht, bis der Morgen graute. Dann erhob er sich, wusch sich, und zog einen Mantel an und ging nach der Synagoge, um, wie er seit Jahren zu thun pflegte, das Morgengebet zu verrichten. Nachdem die Synagoge beendet war, machte er, wie an jedem anderen Tage, mit einem Freund und Altersgenossen einen Spaziergang und kehrte alsdann in seine Wohnung zurück. Hier hatte unterdessen die alte Wirthschafterin den Frühstückstisch zurecht gemacht. Eine blank geputzte Wiener Kaffeemaschine, gefüllt mit kochendem Wasser, stand bereit, denn Herr Levi senior braute sich seinen Morgentrunk selber und fand ein besonderes Vergnügen daran, dabei seiner Wirthschafterin vom Wetter und von den Tagesneuigkeiten zu erzählen. Er war gerade im besten Zuge, als die Glocke draußen ertönte und das Dienstmädchen Referendar Arthur Willig anmeldete, welcher ihr auch auf dem Fuße folgte und um Entschuldigung für sein frühes Kommen bat. Der alte Herr nöthigte den jungen Mann, Platz zu nehmen und eine Tasse Caffee mitzutrinken. Dabei theilte dieser ihm den Inhalt der mit dem Commerzicnrath gehabten Unterredung mit. Als er geendet hatte, sprach der alte Mann: „Sie haben ganz so gesprochen, wie es einer edlen Jugend geziemt, aber ich glaube nicht, daß Sie trotz ihrer scharfen Logik etwas gebessert haben. Mein Sohn krankt an der Krankheit unseres Jahrhunderts, und ein Leiden, das fast hundert Jabre alt geworden, ist schwer zu heilen. Der Ehrbegriff unserer Zeit ist uns Alten unverständlich und deßhalb können wir auch die Thaten, die diesem Begriff entspringen, nicht beurtheilen." „Nein," versetzte der Referendar, „Sie irren. Noch ist Gottlob der Ehrbegriff bet unserem Volke zu finden. Deßhalb komme ich so früh zu Ihnen. Ich habe die Unhaltbarkeit des modernen Judenthums eingesehen; ich habe erkannt, daß das Judenthum, in dem ich erzogen wurde, nichts ist, als eine hohle Phrase, die den denkenden Menschen nicht befriedigen kann. Ich möchte das wahre Judenthum kennen lernen, möchte von vorn aufangen, zu lernen, was man glauben und thun muß, um den Gesetzen unserer Religion gemäß zu leben und zu wirken. Seien Sie mein Lehrer, mein Leiter, mein väterlicher Freund, mein Führer." Der Greis blickte den jungen Manu erstaunt an. Nach einer Weile sprach er: „Sie spielen heute die Rolle des Saladin und haben mir die des Nathan zugetheilt. Es fragt sich nur, ob es Ihnen Ernst ist oder ob müßige Neugier oder endlose Langeweile Ihnen diese Worte eingegeben haben." „Daran können Sie, nachdem ich Ihnen meine Unterredung mit Ihrem Sohne mitgethcilt habe, noch zweifeln?" „Nehmen wir an, es sei Ihr heiliger Ernst, ein frommer Jehudi zu werden. . . . Haben Sie bedacht, daß Sie mit diesem Entschlüsse Ihre ganze Carriöre aufgegeben haben?" „Leider ist dieses der Fall; leider kann der fromme Jude kein Staatsbeamter werden; aber das schadet nichts; ich stelle mich auf eigene Füße und wende mich der Advokatur zu." „Schön; aber glauben Sie, daß Sie als Advokat, wenn Sie die Gesetze unserer Religion strenge befolgen wollen, reüssiren werden?" „Ich glaube es. Aber selbst wenn ich der Religion Opfer zu bringen hätte, so würde ich diese mit Freuden bringen. Es wäre mir eine Genug-

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