Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 24 (23.3.1891)
- Date
- 1891-03-23
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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dar Meine heißesten Wünsche. Gott segne und schirme Bayern fort und fort. München, den 12. März 1891. Luitpold, Prinz von Bayern. Vermischtes. Trier, 5. März. Das Satdtverordneten-Kollegium beschloß gegen den Widerspruch der klerikalen Gruppe die israelitische Volks- und Gemeindeschule mit auf den städtischen Etat zu übernehmen. Ratibor, 25. Februar. Der am 20. hier zu Grabe getragene Rentier Siegmund Schlesinger hat sein am Ring gelegenes Grundstück, das einen Werth von 120,000 Mk. hat, der Stadt Ratibor testamentarisch mit der Verfügung hinterlaffen, daß die Zinsen jährlich an arme über 00 Jahre alte Personen ohne Unterschied des Glaubens ganz nach dem Ermessen des Magistrats vertheilt werden. — Aus Lemberg meldet der offieiöse Draht von 0. d. M.: Gegenüber den Gerüchten von Judenverfolgungen in Galizien, insbesondere in Kolomea, wird von authentischer Seite sestgestellt, daß die Ruhe nur in den Ortschaften Sloboda und Rungorska, wo große Naphtagruben sind, infolge von Arbeiterexcessen in der Nacht zum Sonntag gestört wurde, wobei drei Jisraeliten und ein Gendarm getödtet wurde. — Mit den Wahlen hängt die Angelegenheit, über welche schon einmal eine Meldung cinlicf, also nicht zusammen, vielmehr ist zwischen den Zeilen der officiösen Meldung zu lesen, daß es sich hier lediglich wohl um eine Lohnbewegung handelt und die Arbeiter gegen die sie beschäftigenden Grubenbesitzer aufständisch geworden sind. Juden alS Handwerker und Ackerbauer. Von den Antisemiten wird den Juden der Vorwurf gemacht, daß sie sich nicht dem Handwerk und Ackerbau, überhaupt nicht den Erwerbsarbeiten widmen, die mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden sind, sondern hauptsächlich vom Handel leben. Die Thatsachc ist zum großen Theil richtig, soweit sie Deutschland und den größsten Theil von Mittel- und Westeuropa betrifft. Aber cs trifft dafür nicht die Juden die Schuld, sondern die Christen, welche ihnen Jahrhunderte lang jede andere ehrliche Arbeit verschlossen haben. Das beweist die zweite Lieferung des ibei A. W. Kasemann erschienenen) „Antisemitenspiegels" an der Hand der Geschichte. Auch bei uns waren die Juden bis ins Mittelalter hinein in allen Erwerbsarten, bei denen es auf Handthätigkeit und Körperkraft ankam, thätig. Sie wurde ihnen im Mittelalter, nachdem der größte Theil der deutschen Juden von den deutschen Christen umgebracht, ihrer Güter beraubt, nach Polen und Westrußland und anderen Länder vertrieben war, ausdrücklich untersagt. So sagt ein Privileg Kaiser Karls V. vom 13. April 1541 : „Daß es den Juden, nachdem sie in viel höherer Weise zur Leistung von Steuern und Abgaben herangezogen sind, als die Christen, dabei aber weder Liegende Gründe besitzen und bebauen, noch andere staatliche Hantirung, Aemter oder Handwerk haben und betreiben dürfen, gestattet werden soll, ihre Baarschaften zu höherem Nutzen anzulegen und zu verwenden, als dies den Christen erlaubt ist." Dies Verbot, Land zu besitzen und Handwerk zu betreiben, bestand in den meisten Ländern noch in diesem Jahrhundert. In Preußen war den Juden noch unter König Friedrich II. der Aufenthalt auf dem Lande verboten. Wie konnten sie da Ackerbau treiben? Es ist ganz natürlich, daß in der verhältnißmäßig kurzen Zeit, in welcher den Juden alle Berufsarten freigestellt sind, noch nicht eine radikale Wandlung erfolgt ist. Die Wirkung von staatlichen Einrichtungen, welche Jahrhunderte hindurch bestanden haben, hört nicht mit dem Augenblick auf, wo sie ihre Geltung verloren haben. Die Söhne folgen meist den Erwerbsarten ihres Vaters oder ähnlichen Berufsarten. Das läßt sich nicht mit einem Mal umwandeln. Der Sohn eines christlichen Kaufmannes wird nicht gern Bauer oder Handwerker. Die Berufszählung des Jahres 1882 ergab schon im deutschen Reiche 638 jüdische Knechte und 243 jüdische Mägde; früher gab es dergleichen gar nicht. In Palästina waren die Israeliten bekanntlich — die Bibel weist es auf Hunderten von Stellen nach — ein hauptsächlich von Ackerbau und Viehzucht lebendes Volk. Noch der berühmte jüdische Schriftsteller Flavius Josephus, der zur Zeit des Kaisers Titus lebte, schreibt: „Was uns betrifft, so bewohnen wir weder ein Küstenland noch haben wir Freude an Handelsgeschäften und stehen darum auch nicht viel im Verkehr mit anderen. Unsere Städte liegen vom Meere weit ab und unsere Beschäftigung ist, das gute Land, das wir bewohnen, zu bebauen." Auch nach ihrer Zerstreuung unter allerlei Völker hielten die Juden an körperlicher Thätigkeit fest. An dem Talmud haben mehr als 100 jüdische Handwerker und Ackerbauer mitgearbeitet. „In den 63 Schriften, aus denen der Talmud besteht" sagt der fromme und gelehrte Professor der evangelischen Theologie Tr. Delitzsch — „findet man kaum ein Wort zu Ehren des Handels, wohl aber manches, welches auf die Gefahren der^Geldmacherei und des vagircnden Lebens hinweist. Während bei den „arischen" Griechen und Römern alle Handarbeit von Sklaven verrichtet wurde, während selbst Griechenlands erleuchtester Philosoph, Aristoteles, die Arbeit für unwürdig des freien Mannes erklärt, heißt es schon Psalmen 128, 2: „Wenn du deiner Hände Arbeit genießest, heil dir und dir ist wohl." Andererseits sagt Rabbi Gemaliel im Talmud: „Jede Gelehrsamkeit, mit welcher nicht ein Handwerk verbunden ist, geht endlich zu Grunde und führt zur Süirde." Die jüdischen Theologen haben also den Werth des Handwerks eher überals unterschätzt. In Frankreich trieben die Juden nach Ronan bis zu den Ordonnanzen Philipps des Schönen dieselben Gewerbe, wie die andern Franzosen. Und in Westeuropa, in den russischen Gouvernements, wo die Juden zugelasscn sind, in Rumänien und der Türkei geschieht dies noch heute. Der „Antisemitenspicgel" giebt dafür eine Menge Zeugnisse und schließt mit den Worten: „Unter den vielen Bedrückungen, unter welchen die Juden im Mittelalter und bis in die neueste Zeit hinein zu leiden hatten, war keine unwürdiger und gehässiger, als das Verbot ehrlicher Arbeit. Wenn die Juden unter den Folgen dieses Verbotes noch jetzt zu leiden haben, wer trägt die Schuld? Man muß ein Antisemit sein, um die Juden für das verantwortlich zu machen, was die Christen künstlich in Jahrhunderte währendem Zwang aus ihnen gemacht haben. Hoffentlich wird es am Schluß des neunzehnten Jahrhunderts in unserem großen und mächtig gewordenen deutschen Vaterland noch Christen genug geben, welche es für eine Ehrenpflicht und für eine Forderung ihrer Religion, unserer Cultur und der Menschenliebe halten, daß sie heute wenigstens Gerechtigkeit üben und duldsam sind gegen diejenigen ihrer Mitbürger, weche Jahrhunderte lang gequält, unterdrückt und ausgepreßt sind, und gegen welche heute noch zu hetzen nur der blinde, rohe Haß und Neid den traurigen Muth hat." Briefkasten der Redaktion. R. C. in W Ist nicht berechtigt.