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Der Israelit · 1891-03-23 · Heft 24 (23.3.1891) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 24 (23.3.1891)
Date
1891-03-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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461 thum zu erwärmen, den religiösen Sinn zu wecken und zu heben. — Wie sie in gesellschaftlischen Kreisen zur Förderung alles Edlen und Schönen zur rechten Zeit das richtige Wort fand und zur That anzuspornen wußte, war sie auch stets am Ort, wo zu helfen, wo Noth und Armuth zu lindern war. Ein zahlreiches Geleite folgte der Dahingeschiedenen zur letzten Ruhestätte. Leo Dreifuß. Lille. Die hier seit dem Kriege 1870 neuentstandene jüdische Gemeinde, der Sitz eines Oberrabbiners und eines Eonsistoriums, baut eine neue Synagoge. Die Baukosten betragen 100,000 Frcs. Die Stadt gab einen Bauplatz unentgeltlich, der Generalrath des Nordens (Nord) ein Subsid von 3000 Frcs. Rußland ist das Land der Widersprüche. Auf der einen Seite peinigt es die Juden, auf der andern -- adelt es sie. So meldet man aus Petersburg: Herr I)r. med. M. A. Finkelstein, welcher im Jahre 1877 für seine in der Nacht des 14. Juni beim Uebergang der Russen über die Donau in der Nähe von Simnitza bewiesene Tapferkeit mit dem Kreuze des St. Wladimir-Ordens dekorirt worden, wurde am 27. Dezember vorigen Jahres in den erblichen Adelstand erhoben mit der Berechtigung zur Eintragung seines Namens in den dritten Band des Adelslerikons. — Feuilleton. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben in Galizien vor fünfzig Jahren von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) Als Jankele tags darauf nach dem Exerzieren zu uns herüberkam, fand er uns Alle frisch bei der Arbeit. „Mit Glück! Mit Glück!" rief er uns schon in der Thüre entgegen; „so erkenne ich in Euch meine guten, meine braven, meine lieben Eltern wieder. Die ehrliche Arbeit wird alle Zeit den Kummer von Euch bannen." Hierauf begab er sich in's zweite Zimmer zu seiner Frau, die ebenfalls über ihre Arbeit gebückt saß. Mit beiden Händen richtete er ihr Haupt zu sich empor, schaute ihr sekundenlang in die Augen und rief dann in einem wahren Ausbruche von Freude: „So bist Du mir wieder meine gute, theuere Rachele mit den schönen lichtvollen Augen — mögen sie Dir immer nur in Freuden leuchten!" „Jankele, mein guter Jankele!" flüsterte sie, aber mehr vermochte sie nicht, denn seine Küsse ließen sie nicht zu Worte kommen. „Schaut's mal her! Schaut's mal her!" rief Jankele unter Hellem Lachen, während ihm die Thränen voll in den Augen standen. „Schaut's nial her, wie die fromme Rachele einen Söldner küßt!" Keinen Tag versäumte Jankele seit jener Zeit, sich bei uns einzufinden und uns bei der Arbeit behilflich zu sein, oder mit uns ein Stündchen zu verplaudern. Seiner Ordnungsliebe und unvergleichliche Pflichttreue wegen wurde er bald der Liebling aller seiner Vorgesetzten, die es ihm dann auch erlaubten, uns zu jeder Zeit, außer den Dienststunden, zu besuchen. Zwei Monate nach seinem Eintritte in's Militär fehlte es uns nicht an einer kleinen, freudigen Ueberraschung. Jankele nämlich erschien bei uns und sein Waffenrock war zu beiden Enden des Kragens mit je einem weißen Stern geschmückt; es war sein erstes Avancement. Eine noch größere Ueberraschung war uns für einige Wochen später Vorbehalten. Der Major seines Regimentes erschien selber bei uns. Er wollte, so sagte er, die wackern Eltern kennen lernen, die einen so braven Sohn haben, der der pflichttreueste und diensteifrigste Soldat in seinem Regiment ist. Diese Worte waren doch gewiß nur geeignet, unser Herz mit edlem Stolze zu erfüllen. Jankele genoß aber auch Freiheiten, wie sie keinem anderen Soldaten zu Theil wurden. Er durfte uns nicht allein außer den Dienftstunden besuchen, sondern auch über die vorgeschriebene Nachtzeit bei uns bleiben. Leider sollte uns aber auch der herbe Schmerz der Trennung nicht erspart sein: schon kurze Zeit darauf mußte Jankele mit seinem Regimente in die Hauptstadt abmarschieren. Da riß freilich die kaum vernarbte Wunde wieder auf, aber Jankele wußte so liebevoll uns Trost zuzusprechen, daß uns die bange Trennungsstunde um Vieles leichter wurde. Die Briefe, die er aus der Hauptstadt an uns richtete, enthielten viele ermunternden Worte und waren mit einem heiteren Humor gewürzt. In einem derselben theilte er uns mit, daß sein Waffenrock jetzt nicht nur mit einem, sondern mit zwei Sternen geschmückt sei. Freilich, so fügte er launig hinzu, leuchten dieselben ihm lange nicht so schön, wie die lichtvollen Sterne seiner Rachele, aber immerhin sind es Sterne und wenn man im Dunkeln ist, muß man auch mit ihnen fürlieb nehmen. Aber nicht immer blieb Jankele im Dunkeln. Es nahte bald die Zeit heran, wo er seinen Urlaub erhielt, und da konnte er wieder in die leuchtenden Sterne seiner Rachele blicken, und daher mit Freuden seinen Soldatenrock entbehren. Jankele gehörte wieder ganz und ungetheilt seiner Familie. Wieder erklangen im zweiten Zimmerchen bei der Arbeit heitere Liedchen, die ein Jahr lang dort nicht gehört wurden und wir, wie waren wir, die Eltern, glücklich, unsere Kinder wieder vereint zu sehen, die wir seit ihrer Kindheit nebeneinander wachsen, gedeihen und in lauter Liebe groß werden sahen. Mit Rachele ging seit einiger Zeit eine wesentliche Veränderung vor; sie schwieg oft stundenlang

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