Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 22 (16.3.1891)
- Date
- 1891-03-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXII. Jahrgang. Beilage ju M 22 des „Israelit Z- Ieschurun Leitender Artikel. Zur KharaKteristiK des Königs Kchaschwerofch. Von vr. I. Lehmann. II. In der vorigen Nummer haben wir auseinandergesetzt, daß ein plan- und sinnloses Handeln dieses Perserkönigs durchaus nicht annehmbar ist, und cs fällt uns nun die Aufgabe zu, den Charakter dieses Mannes derart zu bestimmen, daß alle die Handlungen, die wir durch das Buch Esther von ihm erfahren, nicht allein erklärt werden, sondern als notwendige Folgen dieses so beschaffenen Charakters nicht etwa stattfinden konnten, sondern stattsiuden mußten. Wir müssen zeigen, daß ein Mann mit dieser Charakterbeschaffenheit in allen den vorgesührten Verhältnissen genau so handeln mußte, wie er tatsächlich gehandelt hat, und daß auch nicht in der unbedeutendsten Kleinigkeit eine andere Handlungsweise möglich war. Bevor wir dies nun erörteren, seien einige Worte gestattet, über den Standpunkt, den wir in der Psychologie cinnehmen wollen. Wie die Botanik in ihren Anfängen weiter nichts fragte, als: wie sieht die Blume aus? so wollen auch wir nur fragen: wie ist der betreffende Mensch? Wenn wir auf diese Weise eine große Anzahl menschlicher Exemplare uns gesammelt haben, so können wir dieselben eintheilen nach Familien, Stämmen 2c. und jedes neue Exemplar in unseren Kategorien unterzubringen suchen, wie der Botaniker seine Blume „bestimmt". Läßt sich ein Exemplar nicht unterbringen, so wird für dasselbe eine neue Kategorie eröffnet. Aus diese Weise ist man dazu gekommen, alle Menschen in zwei Hauptklassen einzutheilen, in solche, die wissen, was sie thun, und thnn, was sie wissen, also solche, die nach Grundsätzen oder Gesetzen handeln, die sich selbst herausgebildet oder die ihnen von außen her gegeben wurden, und in solche, die ohne Gesetze und Grundsätze sind, die von plötzlichen Eingebungen ihrer Leidenschaften und Launen sich leiten lassen, die, wie die Psychiatrie sich ausdrückr, „triebartig" handeln. Bezeichnen wir die ersteren mit dem Ausdruck: Verstandesmenschen*), die letzteren mit dem Worte: Triebmenschen. Zn welcher Kategorie gehört nun Achaschwerosch? Ist er ein Verstandesmensch oder ein Triebmensch? Wir haben im vorigen Kapitel versucht, ihn in der letzteren Kategorie unterzubringen und haben gefunden, daß das nicht möglich war; versuchen wir es jetzt mit der ersteren. lind zwar müssen wir durchaus induktiv verfahren, das heißt, wir müssen eine Reihe seiner Handlungen, eine nach der anderen daraufhin prüfen, ob sie nach vorausgegangener Ueberlegung, oder ob sie planlos, ohne Ueberlegung, nur durch die momentane Laune hervorgerufen, geschehen ist. Finden wir eine einzige seiner Handlungen, die wir als launenhaft und unüberlegt bezeichnen müssen, so ist die Richtigkeit unserer Eintheilung umgestoßen; ergibt es sich aber, daß alles, was er that, wohlberechuet und planmäßig, als das Ergebniß einer hohen und feinen Politik betrachtet werden muß, so war Achaschwerosch ein vollkommener und ausgebildeter Verstandesmensch. Das Buch Esther beginnt mit der Schilderung eines Gastmahles. 'nur mw» twv vrbvr ru»a (Kap. l, V. 3.) .i’jd1? ninon D'ornsn nm did „Im dritten Jahre seiner Regierung, machte er ein Mahl, für alle seine Fürsten und Diener, das Heer von Paras und Madai, die Edlen und die Oberen der Landschaften, die vor ihm waren." Nicht aus Freude an endlosen Zechereien, wie wir vorher meinten, wurde das Fest veranstaltet, *) Es i?t eine oft ausgesprochene Beobachtung, daß die Juden zum größeren Theil zu den Verstandesmenschen gehören. Ich meine, man könnte dies ans die Jahrtausende fortgeführte strenge Beobachtung der Religiorrsgesetze zurückführen. Wer stets in den eng gezogenen Grenzen dieser Gesetze sich bewegt, wer bei allen Handlungen sich fragt „darfst du dar nach den ReligionSgefetzcn thun?" der handelt nicht nach Launen und Leidenschaften, sondern nach Grundsätzen, der ist eben ein Verstandesmensch und wird es immer mehr, je mehr er sich und sein Handeln diesen Gesetzen anpaßt. Daß übrigens Antisemiten den Inden einen Vorwurf daraus machen, daß sie Verstandesmenschen sind, ist eine unbegreifliche Verkennung des Guten und Bösen. Ter'Weise muß unbedingt ein Verstandesmensch, der Thor ein Triebmensch sein. „Nathan, der Weise" ist das ideale Bild einer Verstandesmenschen, der alle seine Leidenschaften niederkämpst und nur nach seinen Grundsätzen handelt. Deßhalb ist jener Vorwurf der Antisemiten, — die oft selbst die Sklaven ihrer niederen Leidenschaften, — und dabei den Juden als Fehler anrechnen, daß sie verständig sind, so auszufassen, wie die Behauptung mancher Einwohner des Irrenhauses, die sich selbst als die Vernünftigen, die Außenwelt aber als die Wahnsinnigen bezeichnen.