Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 20 (9.3.1891)
- Date
- 1891-03-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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382 reichen angesehenen Mitgliedern besuchte Versammlung ab. Earl Aberdeen wies aus den Zweck des Vereins hin, der nach den Worten des verstorbenen Lord Shaftesbury darin bestände, verfolgte Juden zu unterstützen und ihnen Arbeit zu verschaffen, und zwar besonders im heiligen Lande, bis die Mittel zur Gründung eigener jüdischer Kolonien aufgebracht wären. Ein Protest gegen die Ursachen,, welche so viele Juden veranlagen aus Rußland auszuwandern, sei im letzten Herbste bereits ans dem Guidhall- Meeting energisch erhoben worden. Sich dieseni Protest anzuschließen, sei nicht der Zweck dieses Meetings, sondern, vielmehr lediglich, ausgewanderten russischen Juden ein Asyl zu gewähren und ihnen fortzuhelfen. Auf Antrag des Pastors Webb- Peploe wurde der Beschluß gefaßt, daß es Pflicht aller Christen wäre, den verfolgten und in Roth gerathenen Juden zu helfen, besonders aber ihnen dieMückkehr nach dem heiligen Lande zu erleichtern. Was diesen letzteren Punkt beträfe, so erklärte F. D. Mocatta, daß er persönlich nicht dafür wäre, daß die Juden in großer Anzahl nach Palästina zurückkehrten, nicht sowohl weil er sie da, abstract gesprochen, nicht sehen möchte, sondern weil das Land eine bedeutende Einwohnerzahl nicht ernähren könne. Die Bestrebungen des Vereins seien übrigens um so höher anzuerkennen, da ihnen jede Proselytenmacherei fern stände. > Vermischtes. < Hechingen, 15. Februar. Das „Bert. Tgbl." schreibt über das hiesige Gemeindeverfassungsleben: Sieben Sechszehntel der Einwohner Hechingens, darunter sämmtliche Protestanten und Israeliten, sind Hintersassen und haben allein für diesen Ehrentitel 3,43 Mark pro Anno an die Gemeindekaffe zu bezahlen; im Uebrigen sind sie Parias, Einwohner zweiter Ordnung, die weder aktives noch passives Wahlrecht in der Gemeinde haben, dagegen aber Neun Sechszentcl aller Steuern widerspruchslos bezahlen müssen. Alle Staats¬ und fürstlichen Beamten, auch Rechtsanwälte, darunter Herren mit einem Einkommen von 10,000 Mark und darüber, denen selbstverständlich alle Wohlfahrtseinrichtungcn der Stadt zu gut kommen, sind steuerfrei und bezahlen nur 1,50 Mark Nachtwächtergebühr! Arme Taglöhncr dagegen mit einem Einkommen von 300—500 Mark müssen 27 Mark Gememdcabgaben bezahlen. Wie«, 27. Fcbr. Im Ehrenbeleidigungsprozesse des Herausgebers des „Deutschen Volksblattes" Vergani eont.ra Hron, den gewesenen Mitarbeiter, welcher in einer Broschüre Vergani heftig angegriffen hatte, wurde, nachdem die unsauberen Zustände im Antisemitenlager durch Zeugenaussagen grell beleuchtet worden waren, Hron, welchem einige Zeugen zur Führung des Wahrheitsbeweises versagten, zu sechs Monaten Arrest verurtheilt. Wien, 2. März. Bei den heutigen Landgemeinde- Wahlen in Niederösterreich wurden überall Antisemiten, im Ganzen acht, gewählt. Die deutschliberale Partei verlor vier Mandate. Wien, 18. Februar. Der Privatbeamte Franz H e m m e r und der Commis Johann Garfest sind heute bezirksgerichtlich zu je drei Tagen Arrests verurtheilt worden, weil sie ohne jede Veranlaffung am 20. v. M. zwei Mitpaffagiere in einem Omnibus auf der Fahrt durch die Schönbrunnerstraße mit den landläufigen antisemitischen Manieren beleidigt hatten. Vor Gericht brachten die beiden Angeklagten als Entschuldignng vor, daß sie vor der damaligen Fahrt viel Bier getrunken haben. Der Richter hob auch hervor, daß die Strafe strenger ausgefallen wäre, wenn nicht die Kläger selbst um Milde gebeten hätten. Prag, im Februar. „MA-LE NO-VI-NY pro de-ti,“ zu deutsch: „Kleine Zeitung für Kinder"; dies ist der Name einer in Prag (von Dr. Frant. Backovsky) herausgegebenen Zeitschrift, die in den öffentlichen Schule colportirt wird; dieselbe bringt in Nummer 6 folgenden Artikel: „Der Jude." „Auf der nächsten Seite, „liebe Kinder", sehet ihr einen Juden abgebildet. Er steht im Hofe eines Prager Hauses und schreit schnaufelnd:,, Handclnnn! Handelnnnnnn! Handelnnimnnnn!" — Mit diesem Geschrei fordert er die Bewohner des Hauses auf, daß sie ihm etwas verkaufen. Er kauft Alles: Alte Kleider, Eisen, Silber, Gold und überhaupt Alles, aber er giebt wenig dafür; wenn er es jedoch später Jemanden wieder verkauft, so will er sehr viel dafür. Was er kauft, das steckt er in den Sack auf dem Rücken oder in die Taschen. Gekleidet ist er mit einem Anzug, schäbig genug, damit wohl die, welche ihm etwas verkaufen, nicht merken, wie der Jud' von seinem „Handel" reich werde. Dagegen zu anderen Zeiten, wenn er nicht hausiren geht, sehen wir ihn luxuriös gekleidet eiuhergehen oder in einer Carosse fahren." ~ Es ist tief zu bedauern, daß derartige literarische Erzeugnisse Eingang und Verbreitung in öffentliche Schulen finden können, wenn man erwägt, daß in den Schulbibliotheken jedes noch so harmlose Buch die mit der Unterschrift eines Lehrers versehene Clausel enthalten muß, daß er dasselbe gelesen und unverfänglich gesunden. Petersburg, 16. Febr. Der „Graschdanin" bringt betreffs des Vorgehens gegen die Juden einen Wunschzettel, der gewissermaßen als die Quintessenz der antisemitischen Bestrebungen erscheint. Danach hätte die Regierung folgende Maßnahmen zu treffen: Alle Juden, die nicht in der ersten Kausmannsgilde besteuert sind, wären in die Heimath zu crpcdireu und jüdischen Handwerkern der Aufenthalt im Innern des Reiches nur dann zu gestatten, wenn sie Zeugnisse technischer Schulen besitzen. Die Uebertragung ärarischer Lieferungen an Juden wäre strengstens zu bestrafen. Aus der Steuer der Judengemeinde wäre ein Fonds zur Unterstützung der auswandernden Juden zu bilden. Erwerb und Pacht von Land, sowie der Besuch von Börsen wären nur jüdischen Kaufleuten erster Gilde zu gestatten. An Staats¬ und Kommunal-Lehranstalten sollten nur fünf Prozent der jüdischen Ortsbevölkerung zum Besuche zugelaffen werden können. Jüdische Preßorgane waren als die öffentliche Meinung demoralisirend zu suspendiren und den Juden selbst die Beschäftigung mit der Typographie zu verbieten. Als letzte Maßnahme wird die Bestrafung von Beamten, welche Juden bei Umgehung von Gesetzen unterstützen, empfohlen. Wochen - Kalender. Dienstag, 10. Mär;, 30. Adar. rTm Dl’. Mittwoch, ll. März, 1. Weadar. n"~n ‘2 Dr. Freitag, 13. März, 3. Weadar. Sabbat-Anfang 5 Uhr 25 Min. (Mainzer Uhr.) Gamstag, 14. März, 4. Weadar. npD£n H1DD. Sabbat-Ausgang 6 Uhr 4b Min. (Mainzer Uhr). Für den folgenden Theil ist die Redaction nicht verantwortlich.