Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 15 (19.2.1891)
- Date
- 1891-02-19
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXII Jahrgang. Zweite örilagk M M15 d«s „Israelit & 3cfrf|uiutt“ Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Reetz (Kr. Arnswalde.) Am 25. Jan. tagte im Goltz'schen Saale der im vorigen Jahre hier ins Leben gerufene Bauernverein, zu welchem auch der Landrath v. Meyer geladen und erschienen war. Der Gastwirth Kühnke aus Zühlsdorfs verlas eine Rede, in welcher gegen die Judenpresse und die Börse scharf losgezogen wurde. Als hierauf zur Wahl eines Präsidenten-Stellvertreters geschritten und der Besitzer Tri gl aff in Rathleben hierfür in Vorschlag gebracht wurde, erklärte dieser: „Ich werde es mir recht sehr überlegen den Vorsitz eines Vereins zu übernehmen, in welchem Aeußerungen wie Judenpresse und Börsenlümmels Vorkommen, ich halte dies geradezu für unanständig und möchte einem solchen Verein nicht vorstehen." Auch der Bauer Zimmer mann aus Kl. Silber sprach seine Mißbilligung hierüber offen aus, indem auch er solche Hetzen verurtheilte. O e st e r r. Ungar. Monarchie. 8. 8. Wien, 13. Februar. Die Wahlbewegung ist bei uns im vollen Gange, und es verlohnt sich manche, speziell die Juden betreffende Momente zu registriren. Die voraussichtlich domiuirende Partei im zukünftigen Reichsrathe, die bisherige Linke, dürfte allmählich ihren oppositionellen Charakter abstreifen und am Regierungstische Platz nehmen. In ihrem dieser Tage erlassenen Wahlaufrufe gibt sie zu verstehen, daß sie bereit sei einer Regierung ihre Unterstützung an gedeihen zu lassen, welche den österreichischen Staatsgedanken voranstellt. Auf das wirthschaftliche Gebiet übergehend verdammt sie den Racenhaß, und in der in der Leopoldstadt abgehaltenen Wählerversammlung kam dies in noch stärkerem Maße zum Ausdruck. Der Professor S u e ß schloß seine mit jubelndem Beifalle aufgenommene Rede wie folgt: „Wie wir im Wahlaufrufe sagen, ist der Kampf gegen einzelne Classen — und darunter verstehen wir auch den Kampf gegen einzelne Confessionen — ein Kampf, welchen wir auf das allerentschiedenste verurtheilen, der unser ganzes öffentliches Leben gefährdet und den von uns hoch gehaltenen Grundsatz der Gleichberechtigung der Confessionen verletzt." — Dem liebenswürdigen Lueger ist ein Malheur zugestoßen, denn der Fürsterzbischof vonWien, Dr.Gruscha, hat ihm denTisch vor die Thüre gesetzt. Unlängst feierte ein hiesiger katholischer Verein ein Jubiläum und die Veranstalter des Festes wandten sich an den Erzbischof mit der Bitte, er möge die Feier mit seiner Gegenwart beehren. Der Kirchenfürst sagte sein Erscheinen zu, aber unter der Bedingung, daß ihm die Liste der geladenen Gäste vorgelegt werde. Das geschah und der Erzbischof strich die an der Spitze der Liste befindlichen Namen Lueger und Schneider und erklärte der Deputation: „Wenn die zwei kommen, komme ich nicht", so daß die edlen Kämpen des Racenhasses dem Feste fernbleiben mußten. Es verlautet übrigens aus verläßlicher Quelle, daß die Hetzkapläne einen Wink von oben bekommen haben, sich allen Agitationen fern zu halten, und der heute veröffentlichte Wahl-Hirtenbrief des österreichischen Episkopates bestätigt diese Nachricht. Im genannten Hirtenbriefe kommen nämlich folgende Stellen vor: „Wir sind weit davon entfernt, die andersgläubige Minderheit zurücksetzen oder kränken zu wollen; wir wünschen auch ihre Vertreter mit uns im Reichsrathe vereinigt zu sehen zu gemeinsamer Arbeit für des Reiches Wohlfahrt und Größe. Nach katholischen Grundsätzen darf die Liebe zur eigenen Nation nicht wider das Gesetz der Nächstenuud Bruderliebe sich wenden und zum heidnischen Racenhaß herabsinken. — Vermeidet alles, was den gesellschaftlichen, bürgerlichen oder nationalen wie religiösen Frieden stören könnte." — Frankreich. Paris. Es ist höchst spaßhaft, wie der Pariser „Siecle" die russischen Judenverfolgungen mit den französischen Freiheitsprinzipien in Einklang zu bringen sucht. „Die russischen Juden," sagt das Blatt, „sind unsere Mitbrüder und in dieser Hinsicht geheiligt. Jeder ihnen zugefügte Schlag trifft auch uns, sei es auch nur in unseren Gewissen, weil wir sie nicht genügend vertheidigen können." Sucht aber Jemand, wie der Lord-Mayor von London, diese schönen Gefühle zu bethätigen, so sind dies in den Augen des „Siecle" niedrige Ränke, Beleidigungen und Verleumdugnen, die sich nicht entschieden genug verdammen lassen. England wird dann der Rath gegeben, erst die irländische Frage zu regeln, ehe es sich um Andere kümmere. Das sicherste Mittel, den russischen Juden zu helfen, bestehe darin, daß man den Zaren, der über ihr Schicksal verfügt, schone. Ueber Mangel an Schonung kann sich der Zar bis jetzt sicher nicht beklagen, aber geholfen hat sie den Juden bis jetzt nichts und wird ihnen auch in Zukunft nichts helfen. Gut ist's aber, wenn bei dieser Gelegenheit wieder ein-