Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 12 (9.2.1891)
- Date
- 1891-02-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXII. Jahrgang. Beilage zu M12 des »Israelit & Ieschurun" Leitender Artikel. Ein Uebelstand im eigenen Lager. Berlin, 3. Februar. Wir leben in einer Zeit, in der das religiöse Leben einen neuen Aufschwung zu nehmen beginnt; der Jndifferentismus, diese für die Entwickelung unseres Volkes so gefährliche Krankheit, scheint immer mehr zu schwinden. — Während noch bis vor einigen Dezennien unsere Glaubensgenoffen unseren heiligen Institutionen oft gleichgiltig gegenüberstanden und das Jntereffe für dieselben immer mehr verloren, sieht man in neuerer Zeit diesen Jndifferentismus allmählich einer größeren Theilnahme an allen religiösen Dingen Platz machen und cs entwickeln sich täglich die Keime zu blühendem Gemeindeleben und die Früchte beginnen sich zu ensalten. Nicht zum Wenigsten hat dazu die umfassende Thätigkeit der Führer und hervorragenden Männer llnseres Volkes beigetragen, die den Anfordernngen der Zeit Rechnung tragend, in edler Weise f-HN TH cy min zu vereinigen wußten und so wahre Muster echter, gesetzesrreuer Juden wurden. — Gleichzeitig suchten sie durch Gründung von Vereinen, in denen belehrende Vorträge über jüdische Wissenschaft und Geschichte gehalten werden, die Kenntnis; unseres Gesetzes immer mehr zu verbreiten und zu vertiefen. Während wir also anscheinend einer für unsere Religion erfreulichen Zukunft entgegengehen, sehen wir leider noch manchen Mißstand sich erhalten und sogar neue Wurzeln fassen, der durch seine auf die weitesten Kreise des Volkes tief einschneidende Wirkung geeignet ist, die herrlichen Früchte der Thätigkeit unserer Führer, die Resultate des gesanunten Mähens und Wirkens unserer Großen der Gefahr der Zersetzung preiszugeben, einen Mißstand, der, obgleich er täglich den Gesprächsstoff weiter Kreise bildet, auffallender Weise in unserer Presse fast gar nicht berührt wird. — Wir meinen die traurigen Verhältnisse, die sich im Laufe der letzten Jahrzehnte in den an Sabbat geschlossenen Geschäften herausgebildet haben, und zwar äußert sich dieser Mißstand in mehr als einer Beziehung zum Nachtheile gerade des gesetzestreuen Kaufmannstandes, der doch in Anbetracht dessen, daß ihm der bei weitem größte Theil unseres Volkes angehört, berufen ist, der Träger und Erhalter unserer Religion zu sein. Daß die Anzahl der am Sabbat geschloffenen Geschäfte sich von Tag zu Tag zusehends verringert, ist leider eine traurige Thatsache; Städte und Gemeinden, in denen früher ein „offenes" Geschäft am Sabbat zu den Seltenheiten gehörte, zeigen jetzt auch am Sabbat eine Reihe glänzender Läden, die zwar durch die Pracht ihrer Maaren und den Glanz der Ausstattung das Auge erfreuen und entzücken — das Herz aber tief betrüben und bekümmern. — Wie schwer es dadurch einem jungen Kaufmann wird, den Sabbat zu halten, brauchen wir demnach nicht erst zu betonen; ja noch mehr, diese an und für sich schon so große Schwierigkeit, eine Existenz zu finden, die es dem jungen Manne ermöglicht, getreu nach seinen Gesetzen zu leben, wird noch bedeutend vermehrt dadurch, daß die Herren Besitzer der Geschäfte die bei ihnen eintretenden Vacanzen nur in ganz vereinzelten Fällen in den Blättern gesetzestreuer Richtung ausschreiben oder den eigens zu diesem Zwecke bestehenden Vereinen (rot? ’“otP, freie Vereinigung) anzeigen, so daß man es als glücklichen Zufall bezeichnen muß, wenn ein Stellung suchender junger Mann von einer Bacanz überhaupt Kenntnitz erlangt. — So anerkennenswerth die Bestrebungen dieser Vereine und so erfreulich das Wachsen und Gedeihen derselben sind, so müffen doch alle ihre Bemühungen naturgemäß scheitern, wenn sie nicht Seitens der Inhaber der Geschäfte das nothwendige Entgegenkommen finden. Hiermit hängt auch die Erscheinung zusammen, daß sich selbst „geschlossene" Geschäfte sehr selten darum kümmern, ob die Reflectanten auf die Heilighaltung des Sabbat Werth legen oder nicht, so daß es Thatsache ist, daß in Häusern, die am Sabbat wirklich streng geschloffen sind, das Personal zum überragenden Theile aus jungen Leuten besteht, die entweder gar nicht unserer Religion angehören, oder infolge ihrer „fortgeschrittenen" Anschauungen nicht das geringste Interesse für den Sabbat haben und diesen freien Tag nur in der leichtsinnigsten Weise mißbrauchen. Man mag über die Scheidung zwischen Orthodoxen und Nichtorthodoxen denken, wie man will: jedenfalls sollten aber Geschäfte, die durch Schließen am Sabbat öffentlich dokumentiren, daß sie auf die Heilighaltung des Sabbat Werth legen und diesem sogar große Opfer zu bringen gewillt sind, in jeder Weise dahinwirken, daß auch dem Heranwachsenden Geschlechte Gelegenheit geboten wird, seinem Gesetze und seiner Erziehung gemäß leben zu können. — Denn ebensowenig, wie ein Haus, das am Sabbat arbeitet, geneigt ist, einem jungen Manne für diesen Tag Dispensation zu gewähren — ist doch leider sogar der Fall bekannt, daß ein jüdischer Chef seinen jüdischen Commis nicht einmal am n"*l dispensirte — ebensowenig brauchen Geschäfte, jDte den Sabbat noch feiern, Anstoß zu nehmen, bei gleicher Leistungsfähigkeit dem frommen jungen Manne den Vorzug zu geben. Wird es somit dem jungen Manne ohnedies schon schwer genug gemacht, eine paffende Stelle zu finden, so ist seine Lage, wenn er wirklich vom Schicksal begünstigt war, Stellung zu erhalten, doch durchaus noch nicht immer eine beneidenswerthe. — Denn leider ist es bekannt, daß viele Inhaber von am Sabbat geschlossenen Geschäften ebendiesen Umstand in einer Weise mißbrauchen und ausnutzen, die nicht scharf genug getadelt werden kann. Indem sie sich