Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 12 (9.2.1891)
- Date
- 1891-02-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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325 GS976 Cinc Erzählung aus dem jüdischen Leben in Galizien vor fünfzig Jahren von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) „Von diesem Tage an," fuhr der Blinde in seiner Erzählung weiter, „konnte man täglich unsere Kinder die Straße zu ihrer Arbeit dahinwandeln sehen. Schon mit dem Morgenanbruche waren sie beide angekleidet, und während Jankele fromm und andächtig das Morgengebet verrichtete, flatterte Rachele, mit Gebete schneller fertig, wie ein kleiner Hausengel, mit Kehrbürfte und nassem Schwamm im Zimmer herum, stäubte die Wände ab, wischte das Nähtischchen rein, machte Feuer auf dem Herde, ordnete die Wirthschaftsdinge und putzte blitzplank Eßgeschirr, Leuchter und Fensterscheiben, alles rasch, hurtig, mit einem Liedchen im Munde, und es glitzerte und funkelte unter ihren säubernden Händen. Darauf nahmen sie zusammen ihr Morgenmahl ein, und lustig ging es an die Arbeit. Mittags kehrten sie heim, und schon vor der Thüre kündigte sich Rachele durch ihr heiteres Liedchen an. Kaum, daß sie ihr Mäntelchen auf den Pflock in der Wand gehängt, hatte sie schon wieder die Hände voll, säuberte, glättete und putzte alles um sich her. Jankele ließ die Zwischenzeit auch nicht müssig vorübergehen, er beschäftigte sich mit Schreibeübungen der Bibel. „Ach, welche herrliche Abende verlebten wir damals im unserem kleinen, ärmlichen Stübchen! Zunächst erzählte ich schöne Geschichten aus Talmud und Midrasch, auf welche alle im Zimmer gar andächtig lauschten. Ich glaube kaum, ob in den Häusern der Reichen je solche Abende verlebt wurden. Das enge Stübchen war zwar nur von einem kleinen Oellämpchen beleuchtet, aber Licht war es im Herzen, in der Seele, und bei hellem und grellem Lichtfcheine hat man wahrscheinlich noch nie solche glückliche, lachende Kindergesichter wie wir bei unserem spärlichen Lichtchen gesehen. „Der Schneider, zu dem unsere Kinder in die Lehre gingen, war ihres Lobes voll, er rühmte nicht allein ihren Fleiß und ihre Pünktlichkeit, sondern auch ihr Talent. Besonders verrieth Rachele, wie der Meister versicherte, einen merkwürdigen Geschmack und eine gar reiche Phantasie. Keinem der anderen Gehilfen wollte eine schöngeschlungene Garnirung oder ein kühner, phantasievoller Faltenwurf gelingen, wie ihr. Nach dem dritten Monat schon folgte ihnen der Meister einen Gehalt aus. Nach dem zweiten Jahre überhob er sie zu seinen Werkführern, und bald wollte keine Modedame einen Mantel oder ein Kleid tragen, die nicht von Rachele's Hand zugeschnitten worden. „Gar rührend war die Zärtlichkeit, mit welcher mein Sohn seine Rachele umgab. Jeder ihrer Schritte wurde von ihm bewacht. War das Wetter nur etwas kühl, dann gab es im ganzen Hause nicht genug Tücher und Shawls, mit welchen er seinen Schatz verwahrte. Verrieth sie ein kleines Unwohlsein, dann stand Jankele, wie eine Schildwache, die ganze Zeit vor ihrem Bette, das sie nicht eher verlassen durfte, bis er seine Zustimmung ertheilt. Einmal gab es bei uns ein gar Helles Gelächter, als Jankele eines Winterabends mit Rachele ins Zimmer trat — doch nein, nicht mit Rachele, sondern mit einem großen, wandelnden Bärenpelz, der sich langsam ins Zimmer hereinbewegte, und aus dem nur zwei grobe, lachende Augen hervorguckten. Es war nämlich sehr kalt draußen, und da setzte es sich Jankele in den Kopf, sie müsse sich von ihm in den Bärenpelz, den er beim Meister ausgeborgt, heim bringen lasten. Weder Bitten noch Sträuben konnte ihr helfen; sie mußte sich auf Gnade und Ungnade ergeben. Das Gelächter wurde immer lauter, als Jankele das Mädchen, das vor Lachen Helle Thränen weinte, aus dem großen Bärenpelze und dann erst aus vielen, vielen Tüchern und Shawls herausschälte. Sie war förmlich von allen Seiten hermetisch eingeschlossen, damit ja kein kaltes Lüftchen durchdringen konnte. „Nach fünf Jahren erlangten unsere Kinder eine solche Fertigkeit in ihrem Berufe, daß sie den Entschluß faßten, sich selbstständig eine Werkstätte zu errichten, worin sie ihr Meister, der ihnen von Herzen gut war, bestärkte. Das war ein sonniges, heiteres Leben, das mit jenem Tage bei uns einzog. Neben unserem Zimmer mietheten wir noch ein zweites, wo unsere Kinder ihre Werkstätte aufschlugen. Da ging es luftig zu. Die Kunden häuften sich von Tag zu Tag, denn Rachele hatte sich, wie gesagt, schon als Gehilfin den Ruf einer Künstlerin in ihrem Fache erworben. Zudem hatte ihr Meister, der bereits schwach und altersmüde war, sich zu Ruhe gesetzt und alle seine Kunden unseren Kindern anempfohlen. Was waren das für herrliche Tage!" Der Blinde hielt in seiner Erzählung inne und versank in stille Gedanken, als wollte er jene schöne Zeit nochmals in der Erinnerung durchleben.