Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 9 (29.1.1891)
- Date
- 1891-01-29
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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162 anderer Weise raubt. Nun soll dies noch gründlicher geschehen, und zum Verderb von inländischen „Juden" scheut man sich nicht, im Fach event. untüchtige Christen, ohne Prüfung und selbst vom Auslande sich zu verschreiben. — Nachdem den ganzen Sommer über wiederholt verlautete, daß das Hausirergesetz, welches 20,000 unserer Glaubensgenossen im Jahre 1884 brodlos machte, abgeändert werden müsse und solle, hat der zuständige Minister endlich diesbezügl. ein verschärfte Aufsicht empfehlendes Rundschreiben an die Präfekten erlassen. Darin zählt er die verschiedensten Formen, unter welchen die — armen Leute auch leben wollen, d. h. „verkappter" Weise hausiren gehen und dazu rechnet er, sonderbar, auch Besitzer von Ladengeschäften, welche an der Eingangsthüre Fähnchen ausstecken! Es handelt sie eben bei uns in allen Fällen den Israeliten das Brod wegzunehmen, und an Vorwänden sind unsere Regierungsorgane sehr erfinderisch. Feuilleton. Aas Geschenk der Großtante. Erzählung von S. Kohu, Verfasser von „Gabriel." Jeder unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungsrechte Vorbehalten. (Fortsetzung.) „Jakob entwickelte eine riesige Thätigkeit," fuhr Frau Hanna Perlberg fort, „er fuhr nach der Residenz, wo wir eine Niederlage hatten und machte das Waarenlager so rasch als möglich zu Geld, bereiste die Provinz, um Ausstände einzutreiben, und so gelang es ihm, die nothleidenden und seine eigenen Wechsel rechtzeitig einzulösen. Schon während er sich mit der Abwickelung seines Geschäftes befaßte, suchte der umsichtige, tüchtige Mann nach einer Stelle und erlangte einen Vertrauensposten bei Robinfeld & Co. in B., den er, sobald er sein Geschäft liquidirt haben wurde, antreten sollte. Einige unerwartete Zwischenfälle verzögerten die gehoffte rasche Abwickelung. Eines Tages war Jakob wieder verstört heimgckehrt und hatte traurig gesagt: „Liebe Mutter, mir ist eine Hoffnung gescheitert. Ich hatte geglaubt, für Dich ein kleines Kapital bei Seite legen zu können, allein die unerwartete Zahlungseinstellung eines meiner Schuldner reducirt meine Activa auf nahezu Nichts. Ich könnte von allen meinen Gläubigern einen Nachlaß verlangen, er wurde mir sogar freiwillig angeboten, aber nicht wahr, liebe Mutter, das dürfen wir nicht annehmen? Auf der Firma, die den Namen meines in Gott ruhenden Vaters trägt, darf nicht der leiseste Makel ruhen, lieber wollen wir arm, als unehrlich bleiben!... Ich bin ja, Gott sei Dank, ein rüstiger Mann und werde mit Gottes Hilfe Dich und mein einzig Kind auch ohne jedes Kapital vor Mangel zu schützen wissen." Ich sprach ihm selbstverständlich Trost und Muth zu. Wenige Tage später starb mein Bruder Josef. Als Du, Philipp, von dessen Begräbniß vom Friedhofe in das Trauerhaus zurückkehrtest, fiel es mir auf, daß Jakob nicht mit Dir kam; als ich Abends heimkehrte, fand ich ihn, den starken, kräftigen Mann, der meine Stütze war, thränenüberströmten Antlitzes laut schluchzend, ein Bild der Verzweiflung, am Tische sitzen. Das war offenbar nicht der Ausdruck jenes wehmüthigen Schmerzes, den das Ableben eines theuern Verwandten hervorruft, und ich fragte erschrocken: „Mein lieber Sohn, was fiel vor, das Dich, den gottergebenen Mann, zur Verzweiflung zu bringen vermochte?" „Mutter." stöhnte er auf, „mir ist unsagbar Hartes geschehen! Ich gleiche dem unglücklichen Schwimmer, der einige Schritte vor sich das bergende Ufer sieht — mit geringer Hilfe wäre er gerettet, wenn ihm ein Freund ein Seil zuwürfe — aber ich besitze diesen Freund nicht und muß rettungslos nntersinken! Sieh' Mutter! nahezu dreimalhunderttauscnd Gulden Wechsel habe ich glücklich eingelöft, alle, bis auf mein allerletztes Accept von zehntausend Gulden, das mir morgen früh zur Zahlung präsentirt werden wird; ich aber besitze nur viertausend, — sechstausend Gulden fehlen mir .... obwohl ich die Deckung hierfür in sichern Ausständen besitze, bin ich doch nicht im Stande, mir diesen Betrag in Baargeld zu verschaffen; alle meine Hilfsquellen sind erschöpft, ich finde keinen theilnehmenden Freund, Gott und Menschen haben mich verlassen!" „Wie mich das schmerzt!" rief Speier erschüttert. „Jakob glaubte, ich wollte ihm die kleine Gefälligkeit verweigern? Ah!" er stöhnte tief auf, „deßhalb kam er nicht, mich an mein Versprechen zu erinnern, und was mir befangenen Thoren als Zeichen eines bedrückten Gewissens erschien, war nur der Ausdruck gerechter Erbitterung! . . . Er dachte nicht daran, daß ich in der Aufregung, in welcher ich jene Tage verlebte, seiner vergessen konnte! Aber es war ein unerhörtes Verbrechen von mir, ich durfte seiner nicht vergessen! O! Jakob Perlberg, erst Hab' ich Dir Sorg' und Kummer bereitet, und dann, wenn auch nur unausgesprochen, wenn auch nur in meinen Gedanken, schweres Unrecht zugefügt! Wie werde ich einst im Jenseits Dir gegenübertreten können? O! mein armer, theurer, todter Freund, kannst Du mir verzeihen?' „Beruhige Dich!" sprach Hanna Perlberg, von Speier's tiefem Schmerze gerührt, „Du hast es ja