Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-01-26 · Heft 8 (26.1.1891) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 8 (26.1.1891)
Date
1891-01-26
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448131--31482-2479284
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

140 steigert, um hier einige Stunden unterrichtet zu werden. Mit dem nächsten Zuge wird dann dieser Schulwaggon wieder nach einer anderen Station geschafft. Vor einigen Tagen hatten wir das Vergnügen eine französische Reisegesellschaft, an deren Spitze Marquis Chasseloup-Lanbat stand, in unserem Judenviertel begrüßen zu können. Die Gesellschaft kam über Afghanistan und zwar über Balkh am Amu-Darja hierher, um dann mit der Transkaspibahn über Merw und Tiflis in ihre Heimath zurückzukehren. Die Fremden machten bedeutende Einkäufe in unseren jüdischen Kaufläden, wobei ihnen einige hiesige Juden, die französisch sprechen, als Dolmetscher dienten. Eine Mazbata (Verordnung) unseres Emirs befiehlt, daß von nun an in allen Medrassehs und sonstigen höheren Schulen das Russische obligatorisch gelernt werden müsse. Unter höheren Schulen versteht man hier in Bokhara, wo es kein Unterrichtsministerium und auch kein organisirtes Schulwesen gibt, solche Anstalten, an denen nebst dem Schreiben und Lesen (das Rechnen mit römischen Ziffern wird gewöhnlich bei einem eingewandcrten Russen oder bei einem Mathematiker vom Fache erlernt) auch theologische Gegenstände, bei den Moslims die Sunnah, bei den Juden wieder Mischnajoth oder der Talmud, vorgetragen werden. Die Bachurtm unserer Jeschibah werden daher gleichfalls die russische Grammatik ftudiren müssen, was ihnen übrigens nur erwünscht sein kann, denn die meisten derselben treten nach ihrer Verheirathung in das geschäftliche Leben ein, in dem ihnen das Russische vom größten Nutzen sein kann. Da hier bei den Juden das Persische die Umgangssprache ist, während die Landessprache das Osttürkische (Dschagatei) ist, so werden von nun an die bokharischen Juden gewöhnlich drei Sprachen, Rnssisch, Persisch und Türkisch kennen müssen. Da haben es die Mädchen hier viel besser, denn die besuchen noch immer keine Schule und brauchen sich daher auch nicht weder mit der persischen, noch mit der türkischen oder russischen Grammatik zu plagen. Ihr ganzes Wissen besteht nämlich darin, daß sie das hebräische Gebetbuch lesen können, was sie gewöhnlich bei ihrem Vater, oder ihrem Bruder , oder einem Bachur erlernen. Da man hier sehr jung heirathet, so trifft es sich sehr oft, daß eine Frau erst nach ihrer Verheirathung daran denkt, sich mit den Mysterien des hebräischen Alphabets vertraut zu machen. Jeder Zug der Transkaspibahn führt bekanntlich eigene Waggons mit sich, die nur für Frauen bestimmt sind und daher von keinem Manne betreten werden dürfen. Die Fettsterchen dieser Waggons sind stark vergittert und bezeichnet schon eine Aufschrift in russischer und persischer Sprache an der Außenseite des Waggons, daß derselbe nur für das schwache Geschlecht bestimmt ist. Auch die israelitischen Frauen benützen nur solche Waggons. Es hat daher hier nicht geringes Aufsehen hervorgerufen, daß die Baronin Edmond v. Rothschild, als sie unsere Stadt besuchte, mit ihrem Gatten und noch anderen Herren zusammen in einem Waggon saß. Das Beispiel der Baronin hat jedoch hier keine Nachahmung gefunden. P a l ä st i n a. Jerusalem, 5. Januar. Der Verein m?y o’mj, der seiner Zeit zur bleibenden Erinnerung des 100. Geburtstages von Sir Moses Montefiore gegründet worden, hat nunmehr eine siebenjährige segensreiche Thätigkeit aufzuweisen. Derselbe ist den an ihn herantretenden Aufgaben vollauf gerecht worden. Tausende von Armen haben durch ihn Unterstützung gefunden, den Hungrigen reichte er Brod, den Obdachlosen erbaute er Häuser; die der Mission zur Beute Gefallenen entriß er deren Fangarmen. Es ist daher nicht zu verwundern, daß dieser Verein nunmehr allgemeine Anerkennung findet und von den Freunden Zions freudig die zu dieser großen Wirksamkeit nöthigen Mitteln erhält. So weist der letzte einen Zeitraum von neun Monaten umfassende Rechenschaftsbericht eine Einnahme von 93465 Piastern auf, die bis auf 8840 P. verausgabt wurden. Wiederum wurden neun Häuser erbaut, mit denen die Zahl der von ihm errichteten Häuser auf 54 gestiegen. Außer Herrn Dr. Feuchtwanger, der seine uneigennützige Thätigkeit auf die außerhalb der Stadt wohnenden Armen beschränkt, haben wir seit Kurzem einen zweiten jüdischen Armenarzt, Herrn Dr.Wallach, der im Innern der Stadt unentgeltlich alle Armen consnltirt, wodurch einem dringenden Bedürfnisse entsprochen worden ist. Sehr traurig ist die Lage der von dem sogenannten „Montefiorebauplatz" vertriebenen Armen, die in schwachen und dünnen Holzbuden wohnen, und welche bei dem dahier herrschenden Regenwetter schrecklich von der Unbill des Wetters leiden. Möchten doch edelgesinnte Glaubensgenossen sich auch bald dieser Bedauernswerrhen erbarmen! Der Rechenschaftsbericht des deutsch-israel. Bicur-Cholim-Hospitals weist eine Einnahme von 30435 Frcs. und eine Ausgabe von 34643 Frcs. aus. Das Spital, welches für die armen Kranken eine große Wohlthat ist, besitzt jetzt 35 Betten, bedeutend mehr als früher. Mit der Vermehrung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.