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Der Israelit · 1891-01-15 · Heft 5 (15.1.1891) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 5 (15.1.1891)
Date
1891-01-15
Page
– (sequence 18)
Language
German
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66 auch auf die Juden zur Anwendung kommen wird (Art. 4): „Wer in Erfüllung seines Berufes als Soldat sich bewährt, hat nach Maßgabe seinerFähigkeiten und Kenntnisse auf Beförderung zu rechnen. H. Mako wer in der „Allg. Ztg. d. Judenth." O e st e r r. - U u g a r. Monarch i e. Wien, 28. Dezember. Gestatten Sie mir gütigst, den geehrten Lesern des „Israelit" heute die traurige Geschichte einer jüdischen Mutter zu erzählen, die ihren Gatten und den Ernährer ihrer drei Kinder auf eine entsetzliche Weise verloren, und vor Kurzem nun mit Letzteren eine wahre Odyssee über Nürnberg, Bamberg, Würzburg, Köln und Rotterdam nach Amsterdam unternommen hat, in der falschen Hoffnung, sie werde in letzterer Stadt eine Entschädigung für das Leben ihres theneren Gatten, der auf der Ueberfahrt nach Amerika auf einem holländischen Dampfer den Tod gefunden, erhalten. Ihre geehrten Leser werden aus dieser Erzählung ersehen, daß der Jude, mag er in welche Stadt immer kommen, wenn er nur Glaubensgenossen dort findet, nicht verloren ist, sondern immer auf Hilfe und Unterstützung rechnen kann. Vnup’ D’jem trjöm. Der Jude bringt den Wohlthätigkcitssinn schou bei seiner Geburt mit auf die Welt. Hier nun die Geschichte meiner unglücklichen jüdischen Heldin. Frau Rosa Wasser, so heißt die Unglückliche, kam vor sieben Jahren als gänzlich verwaistes Mädchen aus Galizien nach Wien, wo es bei einem Branntweiner als Verschleißerin Stellung fand. Sie lernte hier einen braven Arbeiter kennen, der als Juwelier sich anständig fortbrachte. Beide heirateten. Das Mädchen erhielt seinen Erbtheil ausbezahlt, mit welchem für die junge Frau ein Kandelschank gepachtet wurde, während der Mann bei seinem Meister in Stellung blieb. Da erhielt vor drei Jahren Herr Wasser einen Ruf nach Newyork in eine daselbst befindliche erste Goldwaarenfabrik. Er folgte diesem Rufe und trat im November 1887 mit dem Schiffe „Scholien" die Ueberfahrt an. Mit seiner Gattin, welche bereits zwei Kinder ihr Eigen nannte und welche damals Mutterfreuden entgegensah, verabredete er, daß diese ihm nach ihrer Niederkunft in die neue Welt folgen sollte. Doch es kam nicht dazu. Ter Dampfer „Schölten" ging — am 19. November 1887 — unter und mit ihm — Herr Wasser. Frau Wasser genas inzwischen des dritten Kindes. Seither wurde die Frau von harten Schicksalsschlägen heimgesucht. Aus Kränkung über den jähen Tod ihres Mannes wurde sie leidend und vermochte nicht mehr ihrem Geschäfte vorzustehen. Sie mußte dasselbe aufgeben. Von aller Welt verlassen, keinen einzigen Verwandten oder aufrichtigen Rathgeber zur Seite habend, verfiel sie in Apathie. Frau Wasser lernte bald mit ihren drei Kindern Noth und Elend kennen. Da wurde ihr gesagt, daß sie an die Schifffahrts- Unternehmung des „Schölten" Entschädigungsansprüche stellen könne. Sie wandte sich an einen Advokaten, der sich der Aermsten annahm und mit der Unternehmung Verhandlungen anknüpfte. Doch diese erklärte, „vorläufig" nichts thun zu können, und auf neuerlich an sie gerichtete Zuschriften gab die Unternehmung keine Antwort. In ihrer grenzenlosen Rothlage raffte sich nun die Arme auf und trat mit ihren drei Kindern vor drei Monaten die Reise nach Rotterdam, den Sitz der Schifffahrts-Unternehmung, an. Sie erhielt hiezu zehn Gulden von einem Hiesigen Wohlthätigskeitsverein. Von diesem Betrage bezahlte sie die Fahrt bis nach Passau mit sieben Gulden, so daß ihr im ganzen drei Gulden für die weite Reise verblieben. Hievon hatte sie aus der Strecke Wien - Passau für sich und die Kinder siebzig Kreuzer verausgabt. Mit einer Baarschast von 2 fl. 80 kr. kam sie in Passau an. Hier war guter Rath theuer. Sie blieb auf dem Bahnhof stehen, bis sie ein Sicherheitsorgan aufgriff. Sie schilderte ihm ihre Lage; daraufhin griff der gute Mann in die Tasche und beschenkte sie mit einem Markstück. Damit konnte sie ein Fahrbillet bis nach Bamberg lösen. Zur Wegzehrung blieb ihr aber auch nicht ein Pfennig; ihr ganzes Um und Auf bestand in einem halben Laib Brod; damit hoffte sie lange zu reichen. Aber du mein Gott, in acht Stunden haben drei Kindermagen viel Hunger und bald war das letzte Krümchen verzehrt. Die Kinder weinten und schrien vor Hunger, wodurch die Kontuktenre ans diese Passagiere aufmerksam gemacht wurden. Sie erbarmten sich derselben, brachten Nahrung für die Mutter und Atzung für die Kleinen. Frau Rosa Wasser, welcher es in Bamberg nicht gelingen konnte, das weitere Fahrgeld aufzubringen, beschloß nun das Ziel ihrer Reise —- zu Fuß zu erreichen. Sie legte thatsächlich auch den Weg von Bamberg bis nach Würzburg, 100 Kilometer, ihre Kinder abwechselnd ans dem Arm und ans dem Rücken tragend, unter den größten Widerwärtigkeiten in dreiundeinhalb Tagen zurück. Eines der Kinder, ein Mädchen, hatte sich die Füße wund gegangen, mußte daher schließlich immer getragen werden. Eine Nacht war die Familie ins Gras gebettet, sie fand keine Unterkunft. Unterwegs wurde die Unglückliche oftmals von Gendarmen und Wachorganen gestellt, stets jedoch immer wieder freigelassen und von diesen sogar auch beschenkt. In Würzburg erbarmten sich ihrer einige mildthätige Menschen, denen die sonderbare Reisegesellschaft ausgefallen war, wodurch sie wieder mit der Eisenbahn bis nach Frankfurt fahren konnte. Hier wandte sie sich an den österreichisch ungarischen Konsul, der ihr die Mittel zur Fahrt nach Köln und ein Zehrgeld mit auf die Reise gab. In Köln gelang es der Frau, Ausnahme in einem Frachtschiff zu' finden und von diesem nach einer neuntägigen Fahrt unentgeltlich nach Rotterdam gebracht zu werden. Hier nahm sie ein armer Handwerker, der von dem traurigen Los der Frau Kenntniß erlangt hatte, in seiner Familie aus, gab ihr und den Kleinen Nahrung, ohne hiefür eine Entschädigung zu verlangen. Tie Schifffahrts-Unternehmung wies die Petentin an den österreichischen Konsul, der sich auch der Frau annahm und mit der Unternehmung in Unterhandlung trat. Das Resultat derselben war, daß Frau Wasser einen Betrag von zwei Gulden und fünfzig Kreuzern (holl. Währung) erhielt. Mit ihren Ersatzansprüchen wurde sie wegen „eingetretener Verjährung" abgewiesen. Der Konsul überreichte ihr 25 fl. und löste für sie und die Kinder Fahrbillets bis nach Amsterdam. Hier wandte sie sich an einen Rechtsanwalt, doch dieser verlangte einen — Vorschuß von 300 fl. In der Stadt des Kanitverstan traf die Fremde auf eine großherzige Wohlthäterin. Die Baronin Rosenthal nahm sich ihrer und der kleinen Geschöpfe an; sie kleidete und nährte sie und behielt sie einen Monat bei sich. Dann ermöglichte sie es der Unglücklichen, die Reise nach Wien mittelst Bahn zurückzulegen. Auch einen Geldbetrag gab sie der Wittwe, womit sie eine Zeitlang sich und die Ihrigen erhalten wird. Was aber dann?

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